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aus: Focus, 18.05.2010

 

Kranke Politiker

„Politik ist Schäubles Lebenselexier“

 

Der Finanzminister geht wieder seinen Amtsgeschäften nach. Doch die Sorge um seine Gesundheit schwächt die Regierung, meint der Politikwissenschaftler Gerd Langguth.

FOCUS Online: Halten Sie die aktuelle Debatte um den Gesundheitszustand von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble für angemessen? Oder überschreitet sie die Grenzen dessen, was öffentliches Interesse ausmachen kann?

Gerd Langguth: Vermutlich hält Wolfgang Schäuble diese Debatte selbst für angemessen. Er hat selber immer auf seine Behinderung hingewiesen. Denken Sie nur an seinen offensiven Umgang mit dem Thema, während er als denkbarer Kanzlerkandidat nach Helmut Kohl gehandelt wurde. Allerdings haben wir inzwischen eine andere Qualität erreicht: Es geht jetzt nicht mehr um die Frage, ob ein Mensch mit Behinderung ein politisches Spitzenamt ausüben kann. Jetzt geht es darum, ob in einer echten Krisensituation die Bundesregierung voll einsatzfähig ist oder nicht.

FOCUS Online: Hat es in der Vergangenheit schon einmal eine öffentliche Debatte um den Gesundheitszustand eines Spitzenpolitikers gegeben wie derzeit um die Arbeitsfähigkeit von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble?

Langguth:
Eine öffentliche Debatte in diesem Ausmaße nicht. Die Medien werden immer indiskreter, und die Politik muss damit umgehen. Früher hielt man sich eher zurück. Willy Brandt war häufig nicht arbeitsfähig, zum Teil wegen diverser Erkrankungen, zum Teil weil er unter einer gewissen Antriebsschwäche litt. Doch wurde das nie so geschrieben. Helmut Schmidt verschwand wegen seiner Herzprobleme immer wieder im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz, kehrte dann zurück, und niemand stellte so richtig die Frage nach seiner Einsatzfähigkeit. Helmut Kohl hat sich immer bemüht zu verbergen, dass er unter zum Teil heftigen Krankheiten zu leiden hatte. Man denke nur daran, dass er 1989 stundenlang auf dem CDU-Parteitag in Bremen saß, obwohl er hätte operiert werden müssen. Doch er wusste, dass einige seiner vermeintlichen Parteifreunde seinen Sturz geplant hatten. Auch Hans-Dietrich Genscher hatte von seinen Ärzten immer wieder mahnende Worte zur Schonung bekommen. Bis zum Zeitpunkt seines Rücktritts hat er das allerdings immer öffentlich verdrängt.

FOCUS Online: Kann sich ein Spitzenpolitiker krankheitsbedingten Ausfall überhaupt leisten? Wenn ja, wie lange?

Langguth: Es gibt eine geradezu erotische Kraft der Macht. Der verfällt so gut wie jeder Spitzenpolitiker irgendwann. Politiker geben in der Regel ihr Amt nicht freiwillig auf, sondern wollen es so lange wie möglich halten. In vergleichsweise normalen Zeiten, auch in den Zeiten, in denen Brandt, Schmidt oder Kohl krank waren, war ein gewisser krankheitsbedingter Ausfall zu verkraften. Doch wir leben heute in der größten ökonomischen Krise seit Bestehen der Bundesrepublik. Da gelten andere Maßstäbe. Da ist ein längerer krankheitsbedingter Ausfall natürlich ein Warnsignal für die Leistungsfähigkeit einer Regierung insgesamt. Abgesehen davon ist die Frage zu stellen, ob die Kanzlerin und ihr Finanzminister in der jüngsten Vergangenheit politisch immer an einem Strang gezogen haben, etwa im Zusammenhang mit der Rolle des Internationalen Währungsfonds.

Von FOCUS-Online-Korrespondentin Martina Fietz