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aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Januar 2001

 

Was hat Fischer zu befürchten?

Von Gerd Langguth

Dass Joseph Fischer sich zum Demokraten gemausert hat, möchte man ihm glauben, auch noch, dass er auf die Frankfurter „Sponti"-Szene zu einem späten Zeitpunkt mäßigend eingewirkt hat. Doch spätestens, seit gezeigt wurde, wie der heutige Vizekanzler unserer Republik auf einen etwa gleichaltrigen, schon am Boden liegenden und wehrlosen Polizisten als Repräsentanten eines angeblichen „Schweinesystems" einprügelte und ihn verletzte, wurde die Gewaltbereitschaft und -rhetorik der 68er Revolte, die bis weit in die Mitte der siebziger Jahre anhielt, offenbar.

Viele der ehemaligen 68er sind heute in Amt und „Würden" – in der Bundesregierung, in Parteien, im Bildungssystem und vor allem in zahlreichen Medien. Protagonisten der damaligen Ausser- und antiparlamentarischen Opposition sind häufig diejenigen, die in langen Dokumentationsserien die Studentenrevolte verklären. Sie mögen immerhin manchmal Kritik an ihr üben, alles in allem vermitteln sie aber ein Bild der Revolte, die einen „Modernisierungsschub" der bundesdeutschen Gesellschaft hervorgebracht habe – und manche Fernsehsendung endet dann mit der Erkenntnis eines ehemaligen Aktivisten: Wer damals nicht in der Bewegung war, der sei eigentlich nicht richtig jung gewesen.

Es darf nicht zugelassen werden, dass die Interpretationsmacht über die „68er" von alt gewordenen „68ern" monopolisiert wird. Denn eine saubere Analyse gebietet es, eine Bewegung zunächst nicht nach ihren Folgen, sondern nach ihren Zielen zu beurteilen. Und hier kann kein Zweifel bestehen: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) entwickelte sich immer mehr zu einem Kampfverband, der Westdeutschland in eine Erziehungsdiktatur umwandeln wollte.

Sicher traf diese Zielsetzung nicht für alle diejenigen zu, die damals zunächst gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten oder den „Muff unter den Talaren" bekämpften. Doch entwickelte sich die Revolte zunehmend zu einer eindeutig antidemokratischen Bewegung, die sich nur vordergründig gegen die Polizei als Vertretung der Staatsgewalt richtete: Mißliebige Professoren wurden mit Psychoterror eingeschüchtert; Veranstaltungen an der Frankfurter Universität wurden mit brutaler Gewalt, unter Einsatz von Ketten und Eisenstangen, bekämpft. Jürgen Habermas, fürwahr kein Konservativer, sprach von einem „linken Faschismus".

Zu den Bildern vom Strassenkämpfer Fischer wird heute entschuldigend aus seiner Umgebung erklärt, bei der seinerzeit von ihm gebrauchten Gewalt sei es ja schliesslich nicht gegen wehrlose Ausländer, sondern gegen Repräsentanten einer damals abgelehnten politischen Ordnung gegangen. Solche Erläuterungen verharmlosen auf eloquente Weise das Gewaltproblem, genauso wie damals „feinsinnig" zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen differenziert wurde. Ist die nackte Gewalt gegen Polizisten, gegen Professoren, „reaktionäre" Studenten oder uneinsichtige Journalisten entschuldbarer als die Gewalt gegen Ausländer? Wenn man diesen Trick durchließe, wäre „linke" Gewalt moralisch leichter nachvollziehbar als „rechte" Gewalt – übrigens auch mit der Konsequenz, dass ehemaligen Linksradikalen die Rückkehr in die demokratische Gemeinschaft ermöglicht würde, ehemaligen Rechtsradikalen eine solche Rückkehr aber versagt bliebe.

Fischer, der immer schon von seiner jeweiligen Mission überzeugt war, wird sich fragen lassen müssen, warum er von seinen abscheulichen, als „Gegengewalt" deklarierten Gewaltakten nur jeweils soviel zugibt, wie gerade bekannt wird. Alle seine Nebelkerzen – oder die seiner Freunde und so mancher Journalisten - lassen den starken Mann der grünen Partei weniger glaubwürdig erscheinen, wenn er sich über Gewaltexzesse (zum Beispiel gegen den französischen Polizisten Nivel durch deutsche Hooligans) oder über Ausländerfeindlichkeit durch Rechtsextreme erregt. Von seinen einstigen „Heldentaten" hat Fischer freilich kaum noch was zu befürchten – nur von sich selbst, kämen weitere, bisher verschwiegene Fakten ans Tageslicht.