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FAZ, 2. Juni 2010, Interview vom 01. Juni 2010 

 

Köhler-Biograf Langguth im Gespräch

 

„Noch ein Seiteneinsteiger wäre das Schlimmste“

Mit Gerd Langguth sprach Oliver Georgi.

Im FAZ.NET-Interview erklärt der Parteienforscher und Köhler-Biograf Gerd Langguth, woran der Bundespräsident gescheitert ist - und warum er Norbert Lammert für den besten Nachfolger hält.

Herr Langguth, hat Sie der plötzliche Rückzug von Horst Köhler überrascht?
Er hat mich überrascht, auch wenn er im Nachhinein fast logisch ist, weil Köhler dem politischen Betrieb immer fremd geblieben ist. Köhler ist im Kern ein sehr scheuer Mensch, der sich mit der Politik schwer tat, was sehr erstaunlich ist, weil er die Politik viele Jahrzehnte als hochrangiger Beamter begleitet hat. Aber er hat sie eben nur begleitet und nie selbst als Parlamentarier oder Politiker erlebt.

Sie glauben Köhler seine Begründung für den Rückzug nicht?
Nein, nicht wirklich. Er hat von Anfang an mit seinem Amt gefremdelt und war immer unsicher. Das hat man auch an der Vorbereitung seiner Reden gesehen, die ständig neue Versionen erfahren haben. Köhler ist kein geborener Politiker, sollte dann aber dazu mutieren - und scheiterte. Das war wohl seine eigene Grunderkenntnis: Dass er

War Horst Köhler der Falsche im Amt des Bundespräsidenten?
Letztlich war er für das Amt nicht geeignet. Köhler ist sicher eine sehr honorige, fleißige Persönlichkeit, auch ein deutscher Patriot, aber im Schloss Bellevue war er überfordert.

Wie stark hat der Rücktritt das Amt des Bundespräsidenten beschädigt?
Die Art und Weise von Köhlers Rückzug entsprechen nicht der Würde seines Amts, zu dem eben auch gehört, die Zähne zusammenzubeißen und Konflikte durchzustehen. Insofern ist das Amt sicherlich etwas beschädigt worden. Wenn jetzt eine überzeugende Nachfolgeregelung kommt, ist diese kurzzeitige Beschädigung aber schnell vergessen.

Hat auch die Regierung Schaden genommen? Immerhin haben Frau Merkel und der Außenminister Köhler seinerzeit ins Amt gehievt…
Dass ausgerechnet die beiden „Erfinder“ Köhlers von dessen Rücktritt kalt erwischt wurden, ist ein Schlag ins Gesicht und wirft kein gutes Bild auf die Regierung. Einerseits hat Köhler die Möglichkeiten der Einflussnahme in seinem Amt sicher überschätzt. Auf der anderen Seite hat er aber wohl auch erwartet, mit Frau Merkels Hilfe dann doch mehr Einfluss auf die aktive Politikgestaltung zu nehmen als andere vor ihm. Dass diese Erwartung nicht erfüllt wurde, hat sein Frustpotential sicher wesentlich erhöht.

Was braucht Deutschland jetzt für einen Präsidenten, einen Macher oder einen Denker?
Einen machenden Denker. Denn der Präsident muss gute Reden halten können und Charisma haben, aber vor allem eine eigene politische Idee vermitteln wollen. Zudem muss er in der Lage sein, der derzeitigen Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft durch kluge Grundsatzerklärungen zu begegnen. Das ist die Kernaufgabe des Präsidenten, die Köhler verfehlt hat.

Union und FDP haben eine Mehrheit in der Bundesversammlung, und die Kanzlerin hat bereits angekündigt, dass die Regierungskoalition einen eigenen Kandidaten präsentieren wollen. Ist das klug? Oder sollte sie eher nach einem parteiübergreifend akzeptierten Kandidaten suchen - gemeinsam mit der Opposition?
Letzteres hört sich immer sehr überzeugend an, aber am Ende kommt dann womöglich nur ein weiterer Seiteneinsteiger, der vergleichbare Probleme wie Köhler hat. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte: dass noch ein Bundespräsident scheitert, weil er den Politikbetrieb nicht kennt. Das würde das Amt wirklich nachhaltig beschädigen.

Sie halten die Idee des Quereinsteigers mit Horst Köhlers Ende für gescheitert?
Sie ist definitiv gescheitert, ja.

Viele Namen werden in der Nachfolgedebatte bereits genannt - Edmund Stoiber, Peer Steinbrück, Christian Wulff, Norbert Lammert. Wen hielten Sie für präsidiabel?
Präsidiabel wären sie alle. Trotzdem halte ich Norbert Lammert in dieser Situation für den geeignetsten Kandidaten. Durch seine bisherige Position als Bundestagspräsident bringt er die besten Voraussetzungen für das Amt mit und ist parteiübergreifend weithin akzeptiert. Ihm die Unterstützung zu verweigern, dürfte der Opposition deutlich schwerer fallen als bei anderen Kandidaten. Es bleibt aber die Frage, ob die FDP Frau Merkel möglicherweise zu einem liberalen Bewerber zwingen will.

Der da hieße?
Wolfgang Gerhardt.

Halten Sie es auch für denkbar, dass die Kanzlerin als „Wiedergutmachung“ Wolfgang Schäuble ins Spiel bringt?
Dass es auf Wolfgang Schäuble hinauslaufen wird, glaube ich nicht. Nachdem er 2004 kraftvoll verhindert wurde, dürfte der Weg für eine Kandidatur für ihn nun versperrt sein. Hinzu kommt seine gesundheitliche Situation.

In der CDU wird auch Ursula von der Leyen genannt, die in der Bevölkerung beliebt ist und die erste Frau an der Spitze des Staates wäre. Wäre sie eine gute Wahl?
Frau von der Leyen wäre eine ausgezeichnete Kandidatin, die auch viel Wärme in das Amt bringen würde. Ein entscheidendes Argument gegen sie könnte aber sein, dass sie derzeit noch viel mehr in der Regierung gebraucht wird. Meines Erachtens sollte man übrigens auch nicht Annette Schavan vergessen.

Auch Joschka Fischer und Peer Steinbrück sind bereits in der Debatte aufgetaucht - welche Chancen hätten sie?
Joschka Fischer wäre nur dann denkbar, wenn die SPD einen echten Brückenschlag zu den Grünen vornehmen und auf einen eigenen Kandidaten verzichten würde. Dann, als gemeinsamer Kandidat der Opposition, hätte Fischer vielleicht Chancen. Ansonsten hätte er sicherlich keine Mehrheit, insbesondere nicht bei der FDP. Dasselbe gilt für Peer Steinbrück.