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Express, 3. Dezember 2007

Das Phänomen Angela Merkel

Professor Gerd Langguth, der Biograf der Kanzlerin, im EXPRESS-Interview

Heute eröffnet die CDU ihren Halbzeit-Parteitag. Vor zwei Jahren wurde Angela Merkel als erste Frau Bundeskanzlerin. Und Sie sagen voraus, dass sie länger regieren könnte als Helmut Kohl. Was ist ihr Geheimnis?

Langguth: Angela Merkel ist eine ausgesprochen begabte Machtpolitikerin. Zu ihrem Erfolg gehört, dass sie sich das – anders als die meisten Männer in Führungspositionen – weniger  anmerken lässt.

Machtpolitikerin – Sie wirkt in der Tat eher sachlich, zurückhaltend.

Ja, dabei kann sie noch besser mit den Medien umgehen als Medienkanzler Schröder. Der  liebte den Pomp: In Brioni mit Zigarre. Sie ist anti-pompös. Die Nicht-Inszenierung ist ihre Inszenierung. Dennoch sorgt sie für  starke Bilder: In Grönland vor schmelzendem Packeis im roten Anorak der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Sie will vermitteln: Ich bin leise, aber effektiv. Ihr eigentliches Geheimnis aber ist noch etwas anderes: Sie spricht das Bedürfnis der Menschen nach Harmonie an.

Also das Vermeiden von politischen Zankereien?

Ja, aber mehr noch: Sie vermeidet öffentliche Zankereien, von denen die Bürger die Nase gestrichen voll haben. Dabei weicht sie der Auseinandersetzung aber nicht aus und sucht den Kompromiss, die Lösung. Das wünschen sich viele Bürger.

Okay, und Lösungen kann sie in jeglicher Koalition finden?

Ob eine Jamaica-Koalition zusammen mit der FDP und den Grünen, schwarz-gelb oder weiter große Koalition – Merkel kann sich jede dieser Konstellationen vorstellen. Am liebsten wäre ihr die Fortsetzung der großen Koalition, denn mit ihr hat sie die größte Mehrheit und kann am meisten bewegen.

Vorausgesetzt, die Union bleibt stärkste Kraft.

Die Union wird stärkste Kraft bleiben – vor allem dank Merkel. Sie ist eine christdemokratische Kanzlerin, die inzwischen auch die sozialpolitische Seele anspricht. Eine weitere Zutat zu ihrem Erfolgsrezept. Ein Übriges tun die Linken, die die SPD schwächen.

Hat sie es als Frau schwerer?

Ja, denn sie muss einerseits  Kompetenz nachweisen, und auf der anderen Seite wird weibliche Wärme erwartet. Weil sie selber nicht Mutter ist, was sie sicher  auch persönlich beschäftigt, unterstützt sie aber die Frauen voll, die in ihrer Führungs-Umgebung Mutter werden. Politisch wärmt  sie ihr sachlich-kühles Image mit „Supermama“ Ursula von der Leyen und ihrer Familienpolitik  auf.

Interview: Solveig Giesecke