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Europäische Kulturpolitik – Zum Präsidentenwechsel im „Goethe-Institut"

Interview in der Sendung „Das war der Tag" des Deutschlandfunk am 17. Januar 2002

 

 

DLF: Viel Vorschusslorbeeren hat es heute für Frau Limbach gegeben, auch vom scheidenden Präsidenten Hilmar Hoffmann, der meinte, sie werde den Sparkommissaren Paroli bieten können. Gerd Langguth ist Politikwissenschaftler an der Uni Bonn, war dort auch Vertreter der EU-Kommission. Er teilt diese Einschätzung:

Langguth: Frau Limbach hat ein erhebliches persönliches Gewicht einzubringen. Insofern wird ihren Argumenten nicht so einfach widersprochen werden können. Aber natürlich ist auch die auswärtige Kulturpolitik genauso Sparzwängen unterworfen sein wie alle anderen Bereiche auch, aber: Zu Recht hat Hilmar Hoffmann darauf hingewiesen, dass die Schließung deutscher Kulturinstitute beispielsweise in islamisch geprägten Ländern wie Pakistan nicht gerade der Weißheit letzter Schluß waren. Insofern sieht man, dass die Frage der Kulturpolitik eine äußerst politische Komponente hat, was auch mit der Globalisierung und dem von Huntington immer wieder propagierten „Kampf der Kulturen" zu tun hat.

Hilmar Hoffmann hat ja in seinen Dienstjahren mit allem Engagement nicht verhindert können, dass zahlreiche Institute entweder abgespeckt oder ganz geschlossen wurden. 128 sind es jetzt noch in 76 Ländern.

Umgekehrt hat Hoffmann jetzt den Vorschlag unterbreitet, dass es ja auch eine europäische Institution geben solle, die eine Art Ausgleichsfunktion vornehmen soll – und das halte ich offen gestanden und gesagt für einen Holzweg.

Warum?

Ich bin nicht dagegen, dass auf europäischer Ebene Kulturprogramme gemacht werden, das geschieht ja auch durch die Europäische Kommission. So gibt ja das „Erste Rahmenprogramm der EG zur Kulturförderung" mit einer Laufzeit bis zum Jahre 2004. Ich bin auch nicht dagegen – im Gegenteil ! -, dass Kulturschaffende zusammengebracht werden, um in einen Dialog zu treten. Wenn aber eine Art europäisches „Goethe-Institut" kommt, dann würde das bedeuten, dass das dialogische Prinzip, das die Auseinandersetzung über Kultur ja so spannend und interessant macht, durch ein Prinzip ersetzt würde, das letztlich nur den kulturellen Konsens transportiert. Natürlich bedeutet die europäische Dimension auch, das Gemeinsame des kulturellen Erbes herauszuarbeiten. Kultur hat beispielsweise im Prozeß des „nation building" – beispielsweise bei der Herausbildung des italienischen oder des deutschen Nationalstaats im 19. Jahrhundert - eine wichtige Rolle gespielt. Aber wir sind ja im Moment nicht dabei, eine „europäische Nation" aufzubauen. In der Kulturpolitik ist aber das dialogische Prinzip wichtig, dass nämlich die verschiedenen nationalen Profile miteinander in Konkurrenz stehen – und das kann auf eine andere Weise ermöglicht werden als durch eine neue europäische Kulturinstitution.....

...wobei, Herr Langguth, sich ja ohnehin die Frage stellt, ob beispielsweise die Franzosen mit ihrem Institut Francais und Großbritannien mit dem British Council eine solche Linie überhaupt mitmachen.

Die Erfahrung zeigt, dass sie das nicht mitmachen. Aber man muss auch sehen: Wir, die Deutschen müssen natürlich auch ein großes Interesse haben, zum Beispiel weiterhin unsere Sprache zu transportieren.....

...das ist ja auch der eigentliche Auftrag des Goethe-Instituts...

ja, und Sprache ist ja ein wichtiger Kulturträger, er ist Ausdrucksmittel übrigens auch der Kunst. Und mit der Sprache – das wird ja häufig auch übersehen – werden die Zwischentöne einer nationalen Befindlichkeit kundgetan, Stimmungen zum Ausdruck gebracht, das Zwischen-den-Zeilen-stehende und zu lesende hervorgebracht. Und deshalb bin ich überzeugt: Es muss weiterhin ein Interesse daran bestehen, Sprachvermittlung vorzunehmen – übrigens nicht nur einer so großen und weitgesprochenen Sprache wie des Deutschen. Es gibt ja viele andere, gerade kleinere Sprachen. Ich meine damit nicht nur beispielsweise das Dänische, sondern auch viele regionalen Dialekte. Deswegen sind übrigens viele Kulturschaffende im Hinblick auf eine neue kulturelle Superorganisation sehr skeptisch, weil sie sagen, diese Unterschiedlichkeiten im Kulturellen würden eingeebnet. Übrigens ist beispielsweise das französische Kulturverständnis ein anderes als das deutsche. Eine sinnvolle Konkurrenz belebt also das „Geschäft" auch im Sinne des Neugierde-Weckens nach der „anderen" Kultur. Das „Europäische" zeichnet sich ja durch das Prinzip „Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit" aus.