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aus: die entscheidung, November 2009
Interview über die Rolle politischer
Jugendorganisationen
ENTSCHEIDUNG: Die Schlacht ist geschlagen – ist
der Wahlausgang mit der bürgerlichen Mehrheit für Sie eine Überraschung?
Gerd Langguth: Eine Überraschung insofern, weil nach Umfragen Deutschland
„linker“ geworden ist. Dass es jetzt zu einer „bürgerlichen“ Mehrheit gekommen
ist, wird von manchen in der Union als „Befreiungsschlag“ angesehen, lenkt aber
davon ab, dass – sieht man von der ersten Ausnahmewahl 1949 ab – die Union ihr
schlechtestes Ergebnis eingefahren hat. Auch muss sie sich überlegen, wie sie
die zahlreichen wirtschaftsliberalen Wähler zurückgewinnen kann. Als ich
politisch sozialisiert wurde, gab es ein farbiges und interessantes Spektrum von
Flügelpersönlichkeiten in der Union, wie etwa Gerhard Stoltenberg als
Wirtschaftsliberalen, Hans Katzer und Norbert Blüm für die sozialen Interessen
oder Kai-Uwe von Hassel und Alfred Dregger als konservative Exponenten. Es gab
die Protestanten Eugen Gerstenmeier, der aus dem kirchlichen Widerstand kam,
oder Richard von Weizsäcker. Sie bildeten verschiedene Flügel ab. Man konnte
sich mit der CDU als Ganzes, aber auch über einzelne Persönlichkeiten
identifizieren. Heute repräsentiert die Union nicht mehr alle Lebenswelten.
ENTSCHEIDUNG: Wie ließe sich das ändern?
Gerd Langguth: Es gibt kein Patentrezept. In der Zeit des Kalten Krieges etwa
war die Unterscheidung zwischen den Parteien und Milieus noch einfacher. Wir
leben nun einmal in einer pragmatischer gewordenen Welt, in der große Entwürfe
eher mit großer Skepsis betrachtet werden. Eine Debattenkultur fehlt. Trotzdem
verlangen die Menschen gerade in der Globalisierung Sicherheit. Es war immer der
Vorteil der Union, wirtschaftliche Kompetenz mit sozialem Ausgleich zu
verbinden. Jede Partei braucht eine politische Selbstvergewisserung, woher sie
kommt, wo sie steht und auch wohin sie geht.
ENTSCHEIDUNG: Kommen diese Debatten in den Parteien derzeit zu kurz?
Gerd Langguth: Eindeutig. Wo werden sie denn geführt? Auch die CDU ist ziemlich
geschichtslos geworden, politisch-konzeptionelle Denker sind rar. Die CDU hat
mit Ausnahme der Ostpolitik Willy Brandts alle wichtigen Weichenstellungen in
der Bundesrepublik entschieden, nutzt aber ihr mögliches Image als „Grand-Old-Party“
in Deutschland nicht. Sie war es, die mit Ludwig Erhard und unter erbitterten
Widerstand der SPD die Soziale Marktwirtschaft durchgesetzt hat, auch die
Westbindung. Dies war letztlich die Voraussetzung für die Wiedervereinigung, an
der sie mehr als andere Parteien festgehalten hat. Ihr eigentlicher Vorzug,
nämlich eine Volkspartei zu sein, in der intern der Ausgleich von Interessen
stattfindet, wird kaum noch kommuniziert. Es sind übrigens drei Gründe, warum
man eine Partei wählt: Erstens: Was ist der „Markenkern“? Zweitens: Was sind die
Interessen des Wählers? Und drittens: Wer sind die handelnden Personen?
Letzteres wird jedoch oft überschätzt – ohne vermittelten Markenkern verkommt
jede Partei, auch die Union.
ENTSCHEIDUNG: Sie sprachen von „Befreiungsschlag“ durch Schwarz-Gelb. Wie könnte
der aussehen?
Gerd Langguth: Erstens muss den Leistungsträgern wieder mehr Mut gemacht werden,
dass sich es wieder lohnt, sich anzustrengen. Zweitens muss die Koalition in
Zukunftsthemen, etwa der Bildungspolitik, ein zentrales Thema sehen. Hier
erwarte ich einiges.
ENTSCHEIDUNG: Wie sehen Sie die Situation der SPD? Wohin wird sie sich
entwickeln mit ihrem neuen Führungspersonal?
Gerd Langguth: Die Entwicklung der SPD ist schwer zu kalkulieren. Es war ein
Putsch von oben, der die nicht unproblematische Dreierkonstellation um Sigmar
Gabriel, Andrea Nahles und Frank-Walter Steinmeier ans Ruder gebracht hat. Ein
Teil des Problems der SPD besteht darin, dass sie in einem
Überbietungswettbewerb mit der Linkspartei steht und zu wenig ihre eigene
Identität pflegt. Je mehr sich die SPD der Linkspartei nähert, desto mehr
verliert sie die Mitte. Das ist ihr Dilemma. Es wird bestimmt wenigstens zehn
Jahre dauern, bis sie sich vom Schlag der Bundestagswahlen erholt hat.
ENTSCHEIDUNG: Das Parteiensystem ist im Wandel: Bilden denn neue Koalitionen wie
Jamaika oder Schwarz-Grün womöglich die diversen Lebensstile ab?
Gerd Langguth: Formal gesehen, müsste die SPD im größer gewordenen
Parteiensystem bessere Chancen haben, weil sie prinzipiell mit allen Parteien
koalitionsfähig ist – von der CDU bis zur Linkspartei. Die CDU kann mit allen,
nur nicht der Linken. Gemessen am repräsentativen Wahlrecht, das eben kein
Mehrheitswahlrecht darstellt, hatte Deutschland bislang eine relativ stabile
Parteienlandschaft mit dem Vorteil zweier stabiler Volksparteien. Trotz der
immer „bunteren“ Koalitionen sollten wir nicht übersehen, dass in Bayern,
Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen, Sachsen und nun
noch Schleswig-Holstein schwarz-gelbe Bündnisse regieren. Jetzt schon das Ende
der Volksparteien auszurufen, halte ich für verkehrt, denn nun gibt es wieder
den alten Antagonismus zwischen der Union in der Regierung und der SPD in der
Opposition. Dies könnte zur Neubelebung der Volksparteien führen. Es hängt aber
auch davon ab, ob sich die SPD wieder „berappelt“, die ihren
Volksparteicharakter vor allem in den neuen Ländern weitgehend verloren hat.
ENTSCHEIDUNG: Was würden Sie der JU raten?
Gerd Langguth: Die Junge Union muss jugendgerecht sein, Interessen der jungen
Generation konsequent und mit Leidenschaft vertreten - auf allen Ebenen,
gegebenenfalls auch in Konfrontation zur Mutterpartei. In der Medienwelt ist es
für alle Partei-Jugendorganisationen, auch für die JU, allerdings schwerer
geworden, mit ihren Botschaften durchzudringen. In den 70er Jahren gab es z.B.
nach den „Elefantenrunden“ der Mutterparteien noch eigene Gesprächssendungen mit
den Vorsitzenden der Jugendorganisationen. Entscheidend ist, wie verankert die
Junge Union auch in den sozialen Bewegungen an der Basis ist und ob sie an der
Entstehung neuer sozialer Bewegung teilzuhaben in der Lage ist.
ENTSCHEIDUNG: Unsere sozialen Bewegungen sind die Katholische Landjugend oder
die Freiwillige Feuerwehr.
Gerd Langguth: Das stimmt. Das allein reicht aber nicht. Ich will nicht
unbedingt JU-Mitgliedern empfehlen, „attac“ beizutreten, wie das Heiner Geißler
getan hat. Aber an den Schulen, in Stadtteilen – kurzum dort, wo Politik
praktisch ist und Wirklichkeit wird, da muss die JU mitwirken, Verankerung in
der Gesellschaft zu erreichen versuchen. Wie heißt es in Amerika? Think globally,
act locally. Die Hauptprobleme bleiben die urbanen Bereiche und auch der Osten
Deutschlands, und natürlich generell die junge Generation. Wichtig ist, offen
für neue Entwicklungen zu sein und sich frühzeitig einzubringen und
wertegebundene Position einzunehmen. Die Junge Union darf sich nicht
zurücklehnen, weil sie derzeit immer weniger Konkurrenz durch die viel schwächer
gewordenen Jusos zu fürchten hat.
ENTSCHEIDUNG: Sind die Konkurrenten der JU nicht eher die Vielfalt an anderen
unpolitischen Freizeitaktivitäten?
Gerd Langguth: Da gibt es auch eine Konkurrenz. Aber es wäre falsch, solche
unpolitischen Freizeitaktivitäten stärker in den Fokus der Arbeit der JU zu
stellen. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist, dass sie als eine Jugendorganisation
einer Partei politischen Einfluss nehmen kann. Das muss sie aber auch kraftvoll
auf Kreis-, Landes- und Bundesparteitagen dokumentieren. Gerade ihre Nähe zu
einer Regierungspartei kann sie als besonders interessant machen. Zwei
Langzeittrends wirken sich auf alle Jugendorganisationen aus: Zum einen der
Trend der Individualisierung und zum anderen der Trend der Pluralisierung der
Lebensstile. Das führt dazu, dass sich die klassischen Milieus der Parteien
immer mehr auflösen. Die Bereitschaft, sich in Kirchen, Vereinen oder
Gewerkschaften zu binden, nimmt ab – und damit letztlich auch das
Gemeinschaftsgefühl zwischen den Generationen. Auch der Sportverein hat übrigens
Konkurrenz bekommen – durch die „Muckibude“, in der man sich individuell, ohne
Gruppendynamik körperlich ertüchtigt.
ENTSCHEIDUNG: Der Mauerfall jährt sich am 9. November zum 20. Mal. Wie ist es um
die innere Einheit Deutschlands bestellt?
Gerd Langguth: Selbst die meisten hartgesottenen Mitglieder der Linkspartei
stellen die deutsche Einheit als solche nicht mehr infrage. Aber es gibt immer
noch und teilweise sogar verstärkt Vorbehalte zwischen Ost und West, weil der
innerdeutsche Gedankenaustausch nicht mehr so intensiv ist wie etwa noch
unmittelbar nach dem Mauerfall. Die politische Kultur in Ost und West ist noch
ziemlich unterschiedlich, die Einstellung zur Demokratie und die
Erwartungshaltung an den Staat ebenso. Auch ist eine (N-)Ostalgie-Welle
festzustellen, weil viele Jüngere kritiklos übernehmen, was die Elterngeneration
sagt. Mich wundert manchmal, dass es jetzt – anders als 1968 – in den neuen
Ländern keine Rebellion gegen das Elternhaus gibt. Überhaupt findet die
Auseinandersetzung mit der totalitären Vergangenheit der aus der einstigen SED
entstammenden Linkspartei nicht mehr statt. Kaum jemand weiß noch, woher die
Partei kommt oder welche Gründerväter sie hat. Auch die Union ist diesbezüglich
ziemlich schweigsam geworden.
ENTSCHEIDUNG: Wie haben Sie persönlich die Öffnung der Mauer erlebt?
Gerd Langguth: Ich saß abends am 9. November in Bonn vor dem Fernseher und hatte
das Glück, am 10. November schon einen Flug zu einer Konferenz im Berliner
Reichstag gebucht zu haben. So gehörte ich zu denjenigen, die auf der Mauer
liefen. In Erinnerung bleibt mir vor allem die Freude der Menschen am
Kurfürstendamm und anderswo, die das Gefühl der Einheit vor Ort erspüren
wollten. Diesen Freudentaumel, die Verbrüderungen kann man kaum beschreiben.
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