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aus: DeutschlandRadio Berlin, Politisches Feuilleton, 2. März 2002

 

 Eine europäische Kulturpolitik „aus einem Guß"?

 

Der große Staatsmann Jean Monnet, geistiger Vater der europäischen Integration, wird immer wieder zitiert: Wenn er noch einmal begänne, einen Plan für die Vereinigung Europas zu entwerfen, begänne er mit der Kultur. Kürzlich konnte man beispielsweise hören, nach der Einführung des „Euro" sei es „logisch und vernünftig, ein Europäisches Kulturinstitut ins Leben zu rufen und in den übrigen vier Kontinenten entsprechende Dependenzen zu eröffnen" – so der bald aus dem Amt scheidende Präsident des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann.

Wir müssen aber fragen: Ist die „Europäische Union" für alles, damit auch für die Kultur, zuständig? Ist es nicht sogar die Aufgabe des jetzt seine Aufgabe aufnehmenden „Konvents" der fünfzehn Mitgliedstaaten zur Frage einer europäischen Verfassung, eine klare Kompetenztrennung vorzuschlagen?

Sicher: Viele politische Entscheidungen auf der Ebene der Europäischen Union haben erhebliche kulturpolitische Auswirkungen. Man denke beispielhaft an die Fragen der Buchpreisbindung, an die Vorschläge zu einer neuen Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen" oder an die von der Europäischen Kommission geführten Urheberrechtsverhandlungen sogar bis hin zur Ebene der Welthandelsorganisation WTO.

Die EU ist natürlich mehr als nur eine wirtschaftliche Veranstaltung, mehr als nur ein Grosser Markt mit einem freien Verkehr von Personen, Waren, Kapital und Dienstleistungen: Sie ist - aufbauend auf sehr unterschiedlichen kulturellen Traditionen - auch eine Wertegemeinschaft, die sich ihrer gemeinsamen kulturellen Wurzeln besinnen muss.

Besteht aber deshalb ein Bedarf für eine Art „Europäisches Goethe-Institut"? Ich sage: Nein! Ein solches setzte letztlich eine europäische Kulturpolitik „aus einem Guß" voraus. Dies entspricht jedoch nicht dem Faszinosum des Europäischen, das darin liegt, dass die europäische Einheit in der Vielfalt liegt - und die Vielfalt in der Einheit.

Kultur hat im Prozeß der Nationenbildung – das zeigen die Beispiele der Entwicklung des italienischen und des deutschen Nationalstaats im 19. Jahrhundert – eine herausragende Rolle gespielt. Doch – so muss gefragt werden: Ist eine „europäische Nation" überhaupt noch das Ziel der europäischen Integration? Die Zeiten nämlich, in denen Politiker nach den „Vereinigten Staaten von Europa" riefen, sind längst vorbei. Nach dem Prinzip der Subsidiarität sollen zudem die Probleme, die auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene besser und bürgernäher gelöst werden können, nicht auf die europäische Ebene gehievt werden. „Kultur" entsteht indes nicht zuletzt vor allem dort, wo wenig Reglementierung herrscht, wo Eigeninitiative gefordert und Freiraum möglich ist. Die Bedingungen für diesen Freiraum müssen gleichwohl geschaffen und die Voraussetzungen für die Entwicklung von Kultur gewährleistet sein. Die gerne zitierten „Rahmenbedingungen" sind es, die lebendige Kultur zulassen.

Nichts gegen eine bessere Kooperation der nationalen Kulturinstitutionen! Doch wir brauchen zur Verwaltung des gemeinsamen europäischen Kulturgutes über die zuständige Generaldirektion der EU-Kommission hinaus keine neue Behörde. Eine zentrale Kulturinstanz nämlich, die mehr als den kulturpolitischen Dialog innerhalb der Mitgliedsstaaten organisiert, setzte letztlich ein gemeinsames Kulturverständnis aller – künftig nach der Erweiterung vielleicht sogar 25 und mehr – Mitgliedsstaaten voraus. Eine damit verbundene europäische Kultureinebnung kann doch nicht erstrebenswert sein! Eine zusätzliche Kulturbehörde mit Außenstellen außerhalb der EU hätte nämlich in erster Linie die Aufgabe, nur den Konsens zwischen den verschiedenen europäischen Kulturen zu transportieren. Das macht Kultur alles andere als spannend. Erst das dialogische Prinzip – das dann vorliegt, wenn verschiedene nationale Profile zu einem fruchtbaren und gelegentlich kontroversen Austausch führen – fördert Neugierde auf die „andere Kultur". Der Wettbewerb lebendiger europäischen Kulturen bedarf gar nicht erst einer solchen super-behördlichen Zuwendung.

Hinzu kommt, dass die Sprache als der eigentliche Kulturträger Ausdrucksmittel jeweiliger Kunst und Kultur ist. Schon jetzt gibt es elf offizielle Amtssprachen in der EU - die Minderheitensprachen nicht eingerechnet. Häufig wird kaum beachtet, dass die deutsche Sprache die in Europa am meisten gesprochene Sprache ist. Wer die Sprache eines anderen Volkes erlernt, versteht die Besonderheit eines „anderen" Kulturkreises sehr viel besser. Mit der Sprache werden eben die Zwischentöne einer nationalen Befindlichkeit hervorgelockt, werden Stimmungen vermittelt. Wichtiges wird durch ein Zwischen-den-Zeilen-Stehen und -Lesen weitergegeben.

Deshalb sollte es Ziel gerade der deutschen auswärtigen Kulturpolitik sein, nicht passivisch den Siegeszug der englischen Sprache hinzunehmen. Genauso wie es richtig ist, wenn die anderen Mitgliedstaaten „ihre" Sprache in das Zentrum ihrer auswärtigen Kulturförderung stellen, sollten auch wir, die Deutschen, gerade in der Förderung unserer Sprache als „Übermittlerin" deutscher Kultur ein wesentliches Element auswärtiger Kulturpolitik sehen.