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Deutschlandfunk, 6. Februar 2007, 12.15 Uhr
„Merkel hat ihn ausgebremst“
Politikprofessor bedauert Rückzug von Friedrich Merz
Moderation: Elke Durak
Professor Gerd Langguth,
Politikwissenschaftler an der Universität in Bonn, glaubt, dass der Rückzug des
CDU-Politikers Friedrich Merz schlecht für die Volkspartei und ihr Image ist.
Merz sei zwar aufgrund seiner Persönlichkeit schwer integrierbar gewesen, doch
habe die CDU-Vorsitzende ihn auch ausgebremst. Dies erkläre die erheblichen
Frustrationserscheinungen des Politikers.
Durak:
Friedrich Merz macht also Ernst. Der frühere
Bundestagsfraktionsvorsitzende der Union hat seine Unzufriedenheit mit der
Großen Koalition, insbesondere mit wichtigen politischen Entscheidungen, nie
verborgen. Nun aber will er gehen, noch bis zum Ende mitregieren und dann nur
noch der Hauptberuf, erst mal jedenfalls. Mit der eigenen Landespartei, der CDU
in Nordrhein-Westfalen, kommt er auch nicht mehr klar. Ein Mann, ein Wort: Merz
geht.
(….)
Durak:
Am Telefon ist nun Professor Gerd Langguth,
Politikwissenschaftler an der Universität in Bonn. Schönen guten Tag Herr
Langguth!
C: Hallo Frau Durak!
Durak: Da fürchtet sich der Herr Schlarmann
vor der Vorstellung, die Große Koalition in Berlin würde fortgesetzt. Was meinen
Sie? Worauf wartet Friedrich Merz?
Prof. Langguth: Worauf er wartet, kann man ja nur
erahnen, aber er muss doch ein erhebliches Frustpotenzial mit sich getragen
haben und jeder der ihn kennt weiß das auch und wusste das auch. Natürlich ist
noch nicht einmal auszuschließen, dass eine Große Koalition wieder bei den
nächsten Wahlen kommen könnte, um das genau aufzugreifen, wenn wieder eine so
schwierige Konstellation stattfindet, wie wir sie bei den letzten
Bundestagswahlen hatten. Ich glaube nur, dass in der Tat der Rückzug von Merz
eine schwierige Signalwirkung für die gesamte Union darstellt, denn die Union
braucht ja, wenn sie eine Volkspartei sein will, auch starke Flügelpersonen. Sie
braucht auch starke politische Autoritäten in den eigenen Reihen. Wenn ich mal
in die Geschichte der Union zurückblicke: Da gab es immer meinetwegen mit Alfred
Dregger jemand, der eher zu den Nationalkonservativen gehörte, oder Hans Katzer,
der eher die soziale Dimension vertreten hat, oder Kai-Uwe von Hassel, der ein
richtig guter Konservativer war. Diese Persönlichkeiten, die ja eine solche
Volkspartei ausmachen, gibt es natürlich immer weniger in der Gegenwart in der
Union. Und dass Friedrich Merz jetzt sozusagen Leine ziehen will, das finde ich,
ist schlecht für die Union und für das Image der Union.
Durak: Wer trägt Schuld? Ist es die
CDU-Vorsitzende, die starke Flügelpositionen nicht zulässt?
Prof. Langguth: Es ist so, dass natürlich Merz
schwer integrierbar ist. Er ist ein sehr selbstbewusster Politiker. Er ist eine
Ausnahmeerscheinung. Er ist in der Tat rhetorisch geschliffen. Er ist von
blitzgescheitem Verstand. Schon allein aus diesem Grunde darf man eigentlich
nicht auf ihn verzichten. Er ist einerseits aber schwer integrierbar,
andererseits will er glaube ich schon auch integriert worden sein, wenn er es
denn gefragt worden wäre. Ich glaube das ist ein mangelndes
Integrationsverständnis, das hier bei der Bundesvorsitzenden der CDU, bei der
Bundeskanzlerin vorliegt, denn sie hätte es gar nicht so weit kommen lassen
dürfen, dass Merz jetzt irgendwie enttäuscht nein sagt: ich will hier nicht mehr
mitmachen.
Durak: Ist also Merz irgendwie ein Opfer
von erstens Angela Merkel, zweitens der Großen Koalition, oder hat es doch etwas
auch von einem Egotrip eines Enttäuschten, der eben mit dieser Frau auf keinen
Fall kann?
Prof. Langguth: Er ist, wie ich ja eben schon
sagte, sehr selbstbewusst. Mit Merkel zusammenzuarbeiten muss für ihn eine
Horrorvorstellung sein. Man darf ja auch nicht vergessen: er war immerhin
Fraktionsvorsitzender, war sehr beliebt in der eigenen Fraktion als Vorsitzender
und dachte ja seinerzeit, er könne dieses Amt fortsetzen, und hatte dabei
unterschätzt, dass ein Fraktionsvorsitzender einer gemeinsamen
Bundestagsfraktion von CDU und CSU eben nicht nur gewählt wird von den eigenen
Mitgliedern der Fraktion, sondern zunächst einmal laut der Satzung zwischen den
beiden Parteivorsitzenden von CDU und CSU ausgemacht wird. Da war eben Stoiber
nicht mehr auf seiner Seite und Merkel hat ihn ausgebremst und das hat er ihr
nicht vergessen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Merkel ihm wirklich ein
Angebot gemacht hat, an führender Stelle eine wirklich wichtige Funktion für die
Union wahrzunehmen.
Weil Sie nun gerade von Egotrip sprachen. Wenn jemand selbst überzeugt ist, dass
er eigentlich die Dinge sehr viel besser machen kann, und sieht dann, dass auf
seine Position kaum noch Rücksicht genommen wird, das führt natürlich zu
erheblichen Frusterscheinungen. Man kann es negativ sehen mit dem Wort Egotrip,
wie Sie sagten, aber man kann es auch mal anders sehen und kann sagen: dass ein
Politiker in seinen besten Mannesjahren freiwillig aussteigt aus der Politik,
das ist eigentlich ganz selten in der Geschichte des deutschen Parlaments. Die
meisten hängen ja da bis zur letzten Minute.
Durak: Aber nicht ohne Grund, Herr
Professor Langguth, denn Merz kann es sich durchaus leisten zu gehen. Er hat
einen Hauptberuf und hat sorgsam darauf geachtet. Wie viel Merz-Potenzial sehen
Sie in der Bundestagsfraktion?
Prof. Langguth: Dass er immer mehr unabhängig
wurde, das spricht ja auch nicht gegen einen Parlamentarier. Da sind wir
übrigens genau in der Grundsatzdebatte drin: sollte ein Parlamentarier auch
immer noch ein zweites Standbein haben oder nicht. Denn nur derjenige, der auch
mal wieder in einen Beruf zurückkehren kann, ist wirklich ein Stück weit
unabhängig.
Wie viel Potenzial gibt es in der Fraktion? Sicher gibt es viele, die ihm jetzt
nachtrauern. Die Fraktion ist insgesamt politisch übrigens eher konservativer in
vielen Dingen, als es vielleicht die Gesamtpartei ist oder auch die Wählerschaft
der Union. Da wird natürlich Merz der Fraktion sehr fehlen.
Durak: Danke schön! - Professor Gerd
Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität in Bonn. Der Abgang von
Friedrich Merz und die Folgen für die Union. Besten Dank für das Gespräch!
Prof. Langguth: Danke auch!
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