Deutschlandfunk, 21. November 2007
Langguth: Auch Schröder arbeitet an seinem Bild in
der Geschichte
Politikwissenschaftler über die aktuelle
Auseinandersetzung Schröder-Merkel
Moderation: Dirk Müller
Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd
Langguth hält den Vorwurf von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder gegenüber
seiner Nachfolgerin Angela Merkel, Außenpolitik mit zu viel Emotionen zu
betreiben, für falsch. Schröders Kritik an Merkel diene auch der eigenen
Positionierung. Möglich sei auch, dass er Frank-Walter Steinmeier in seiner
Position als Außenminister stützen wolle.
Müller: Wie man sieht,
irrt Gerhard Schröder hin und wieder, das war vor zwei Jahren, 2005, nach dem
Wahlabend. Aber der Exkanzler kritisiert nach wie vor die Kanzlerin, vor allem
in der Außenpolitik, Beispiel China, der Dalai Lama, und jetzt wieder aktuell
erneut Russland. Gerhard Schröder findet es fahrlässig, wie Angela Merkel
Politik macht gegenüber Moskau und Politik macht gegenüber Peking. Doch was
steckt wirklich dahinter. Will er vielleicht auch Außenminister Frank-Walter
Steinmeier helfen, dessen Außenpolitik besser durchzusetzen im Kanzleramt. Wir
wollen darüber sprechen mit Prof. Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der
Universität in Bonn, guten Tag!
Gerd Langguth: Guten Tag, Herr Müller!
Müller: Herr Langguth, ist der Exkanzler ein
Nachtreter?
Langguth: Na, so will ich es nicht sagen. Aber
er ist natürlich auch einer, der auch sich selbst natürlich mit im Blick hat,
wenn er nämlich Merkel kritisiert wegen ihrer Politik gegenüber Russland, auch
in Sachen Dalai Lama, China, dann will er natürlich damit auch relativieren,
dass er zum Thema Menschenrechte sich weniger klar und präzise geäußert hat.
Denken Sie daran, sein Wort von Putin, den er eben als Musterdemokraten damals
dargestellt hat.
Müller: Hat er ein schlechtes Gewissen?
Langguth: Nein, haben Politiker schlechte
Gewissen, das ist die prinzipielle Frage. Nein, so würde ich es nicht sehen.
Aber jeder arbeitet natürlich an seinem Bild in der Geschichte, und das tut
natürlich Schröder hier auch, aber sicherlich will er auch seinem früheren,
engen Weggefährten, Frank-Walter Steinmeier, ein Stück weit auch helfen, ein
entsprechendes Profil zu gewinnen. Denn es stellt sich natürlich auch
innerhalb der SPD trotz der klaren Unterstützung für den Beck-Kurs oder
halbklaren Unterstützung auf dem SPD-Bundesparteitag doch die Frage, wird Beck
Kanzlerkandidat der SPD werden, oder wird es vielleicht doch Frank-Walter
Steinmeier, der natürlich jetzt auch als Vizekanzler noch eine zusätzliche
Prestigemöglichkeit zum Einsatz bringen kann.
Müller: Ist das dann vielleicht eine Art
solidarische Hilfe von Schröder für Steinmeier?
Langguth: Ich glaube, es ist beides. Denn
natürlich muss auch Schröder ein Interesse haben, dass Steinmeier, der ja aus
seinem Stamm kommt, auch entsprechend reüssiert. Und man darf ja nicht
vergessen, dass Steinmeier grade zu Beginn seiner Arbeit als Außenminister ja
in besonderer Weise damals der Unterstützung von Frau Merkel bedurfte, denn
ihn hatten ja noch die Dinge um Herrn Kurnaz eingeholt, die Frage, wie also in
Guantánamo mit Leuten umgegangen wurde, die auch eben mal in Deutschland
gelebt haben, also in diesem Falle Kurnaz, der aus Bremen stammt, wenn er auch
türkischer Staatsbürger ist. Und das hat ja doch lange Zeit viele Monate den
Bundestag beschäftigt, und hier war natürlich Steinmeier auch auf die
Unterstützung durch Frau Merkel angewiesen. Aber die Zeit ist jetzt ein Stück
weit vorbei, denn er hat jetzt auch eigene Autorität natürlich gewonnen, weil
er stellvertretender Parteivorsitzender wurde.
Müller: Blicken wir, Herr Langguth, noch einmal
auf den Ex-Kanzler. Ist es für ihn wichtig, dass im Grunde sein politisches
Erbe jetzt nicht durch ein Entschwenken der Außenpolitik beschädigt wird?
Langguth: Ja. Man muss natürlich sagen,
generell haben sich ja in der Regel allerdings immer die Nachfolger doch
zurückgehalten, in Sachen Außenpolitik die Vorgänge heftig zu kritisieren,
obwohl es natürlich nie ganz durchgehalten wurde. Natürlich will Schröder sich
selbst ein Bild setzen. Auch er hat ja schnell zur Waffe des Schreibens
gegriffen und dann auch entsprechende Memoiren in einem atemberaubenden Tempo
vorgelegt, wo er natürlich auch die Zielsetzung hat, diese Denkmalsetzung eben
entsprechend vorzunehmen. Und Staatsmänner können natürlich am besten mithilfe
der Außenpolitik und der Darlegung ihrer Außenpolitik dann in der deutschen
Öffentlichkeit brillieren.
Müller: Reden wir einmal über das Argument. Er
wirft Merkel vor, zu viel mit dem Bauch, mit zu viel Emotionen zu entscheiden.
Langguth: Ja, das ist natürlich ... Ob das so
richtig ist, bin ich nicht so sicher. Frau Merkel kalkuliert natürlich sehr
klar und kühl. Sie müssen sehen, Frau Merkel hat allein, ob man das jetzt für
gut hält oder nicht, sei dahingestellt, durch den überraschenden Besuch von
Dalai Lama im Kanzleramt ja auf einmal Wogen der Sympathie, grade in
Wählerkreisen, für sie hervorgebracht, die zum Beispiel in Chatrooms dauernd
erklärt haben, sie hätten noch nie gedacht, dass sie jemals in ihrem Leben
Frau Merkel loben müssten. Aber Dalai Lama verfügt eben doch bei breiten
Teilen der deutschen Bevölkerung über eine große Sympathie, und die
Ex-DDR-Bürgerin Merkel will natürlich ein Stück weit damit auch symbolisieren,
was das Thema Freiheit auch für sie persönlich bedeutet. Und ob das aus dem
Bauch heraus ist, oder ob das klares, nüchternes Kalkül ist, das sei einmal
dahingestellt. Also Bauchpolitik, glaube ich, hat Frau Merkel bisher noch
nicht betrieben.
Müller: Also wenn das kalkuliert ist, könnte
man sagen, dass alles, was sie jetzt gemacht hat, zählt mehr als
beispielsweise, schlicht auf den Punkt gebracht, Aufträge für die deutsche
Industrie?
Langguth: Ja, das kann man natürlich so sagen.
Natürlich ist immer die Frage bei der Außenpolitik, wo ist die
Wertgebundenheit der eigenen Überzeugung, und wo stehen knallharte, auch
eigene, wirtschaftspolitische Interessen. Das war immer der Fall. Es war auch
mit Helmut Kohl, wenn er nach China gereist ist. Es war auch natürlich mit
Schröder der Fall, aber in irgendeiner Form wird ja die Politik auch immer
wieder von Fragen von Menschenrechten und sonst was eingeholt. Und man muss ja
bei Frau Merkel sehen, kaum ist sie im Amt gewesen, hat sie ja schon zunächst
mit Condoleezza Rice und dann mit George W. Bush die Frage von Guantánamo
angesprochen. Sie hat sich zum Thema China geäußert, sie war, als sie ihren
Antrittsbesuch in Moskau machte, hatte sie auch Vertreter der Opposition in
die deutsche Botschaft eingeladen, was vorher in dieser Form so Schröder nicht
gemacht hat. Also hier hat sie schon einen deutlich anderen Kurs als ihr
Vorgänger, und das stört denselben natürlich, und das kann ich natürlich auch
nachvollziehen.
Müller: Nun sagen ja viele Realpolitiker, die
sich mit dem internationalen Umfeld beschäftigen, das, was Angela Merkel als
Kanzlerin gemacht hat, ist so etwas wie politisch naiv. Das ist schön für die
Menschenrechte, aber schlecht für die politischen Beziehungen gegenüber
anderen diktatorischen Staaten, beispielsweise Saudi Arabien erhalten wir ja
auch nun unsere Beziehungen, und ohne dort konsequent zu sein. Kann das sein,
dass das politisch alles nach hinten losgeht, zum Beispiel auch mit Blick auf
Moskau?
Langguth: Ja sicher. Natürlich ist da bei
dieser Politik ganz zweifellos ein Risiko dabei. Das ist ja nicht zu
bestreiten. Man sieht ja auch, wie jetzt China entsprechend reagiert und eine
Konferenz nach der anderen absagt. Und natürlich kann man sagen, bei der
Energieabhängigkeit, in der wir auch gegenüber Moskau stehen, muss man
natürlich auch immer noch darauf hinweisen, dass Moskau ein wichtiger,
langfristiger, strategischer Partner für Deutschland und die EU sein muss.
Umgekehrt erinnere ich mich aber auch, als noch Helmut Kohl beispielsweise
Kanzler war, dass ihm seinerzeit von der SPD und insbesondere von den Grünen
vorgeworfen wurde, er hätte das Menschenrechtsthema bei seinen Besuchen in
diversen Ländern überhaupt nicht angesprochen. Also dass diese Frage ... Ich
sag es noch einmal, dies ist eine Frage sowohl der eigenen moralischen
Grundüberzeugung, die wir auch als westliche Staaten mit unserem Wertekanon zu
vertreten haben, natürlich aber auch Interessenpolitik, die wir auch natürlich
zu vertreten haben, und das ist nicht immer einfach, das zusammenzubinden.
Müller: Inwieweit wird Frank-Walter Steinmeier
in den nächsten Monaten als Vizekanzler Interesse daran haben, dass seine
Außenpolitik so entwickelt wird, dass sie gegen die Außenpolitik des
Kanzleramts entsteht?
Langguth: Also ich glaube, wenn er das machen
würde, dann würde er weder dem Amt gut dienen noch, glaube ich, dass es so
ganz generell seine Politik sein kann und sein wird. Denn er weiß ja als
früherer Kanzleramtsminister, dass ja doch vernünftige, gediegene Beziehungen
zum Kanzleramt wichtig und notwendig sind zum Gedeihen der deutschen
Außenpolitik. Er muss natürlich andererseits auch ein Stück weit eigenes
Profil zeigen. Die Kanzlerin ist ja immer schon da. Wissen Sie, wenn der
Außenminister plante, nach Grönland zu fahren, ja auf einmal war sie schon im
roten Anorak der Deutschen Gesellschaft für Schiffbrüchige und hat sich dort
vor dem schmelzenden Eis ablichten lassen.
Müller: Also ist Steinmeier gar kein
Außenminister mehr?
Langguth: Bitte?
Müller: Also ist Steinmeier kein Außenminister?
Langguth: Doch, natürlich ist er Außenminister,
aber Merkel ist ungeheuer schnell. Kaum wirft man ihr vor, und er hat es ja
auch mal angedeutet, sie müsse doch auch mal nach Afghanistan fahren, auf
einmal hat sie das sofort verbunden mit einer Reise, als sie nach Japan
gefahren ist und von Japan zurückkommend. Also Merkel hat einfach als
Bundeskanzlerin den direkten Draht auch zu den anderen Regierungschefs dieser
Welt, und das macht natürlich das Leben für Steinmeier so schwer. Das hatte
auch Genscher unter Kohl ja schon als Problem gehabt und teilweise ja auch
Joseph Fischer unter Schröder.
Müller: Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd
Langguth war das. Vielen Dank für das Gespräch!
Langguth: Danke auch!
Müller: Wiederhören!