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Deutschlandfunk, 22. August
2006
"Sie muss führen"
Politologe Langguth rät
Merkel zum Durchgreifen
Moderation: Dirk-Oliver
Heckmann
Der Politikwissenschaftler Gerd
Langguth rät der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem
klaren Kurs in der Debatte um die künftige Ausrichtung ihrer Partei. Angesichts
der wortgewaltigen Ministerpräsidenten der Union sei Merkel "in der Gefahr, dass
sie zum Schluss als Moderatorin dasteht", sagte Langguth, Biograf der Kanzlerin.
Dirk-Oliver Heckmann:
Die CDU müsse sich von der einen oder anderen Lebenslüge verabschieden, so etwa
von der Vorstellung, dass Steuersenkungen allein zu Wirtschaftswachstum und
damit zu mehr Arbeitsplätzen führten. Mit dieser Forderung versetzte Jürgen
Rüttgers, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, seine Parteifreunde in
helle Aufregung. Ein Richtungsstreit, das ist wahrscheinlich das letzte, was
sich die Parteioberen derzeit wünschen. Die Umfragewerte für die Union sind
ohnehin schon niedrig genug. Heute findet in Berlin ein Kongress statt, der die
Debatte um ein neues Grundsatzprogramm der CDU vorantreiben soll. Am Abend
trafen sich dazu schon die Vorsitzenden der Kreisverbände.
Am Telefon begrüße ich jetzt den Politikwissenschaftler und Merkel-Biografen
Gerd Langguth von der Universität
Bonn. Schönen guten Morgen!
Gerd
Langguth:
Guten Morgen, Herr Heckmann!
Heckmann: Herr Langguth, CDU-Generalsekretär
Pofalla hat der Partei als Grundlage für die Programmdebatte einen Fragenkatalog
vorgelegt. Eine der Fragen ist die nach der Identität der Christdemokraten. Ist
denn das Profil, deren Profil schon so verschwommen, dass sie nicht mehr wissen,
wofür sie stehen?
Langguth:
Es ist ein generelles Problem, dass sich alle beiden Volksparteien ja mit der
Integration ihrer Wählerschaft sehr schwer tun und auch die Milieus, die früher
klassisch die Wählerschaft gespeist haben, beginnen zu verschwimmen. Man muss ja
einfach auch mal, wenn man ausgeht von den Wahlergebnissen, sagen: Früher bei
insgesamt 10 von 16 Bundestagswahlen lag die CDU immer bei über 44 Prozent, 1957
sogar bei über 50 Prozent und in den letzten Jahren so zwischen 35 bis 38
Prozent. Das heißt, was ist der Markenkern der Union? Die Frage wird zu Recht
gestellt werden müssen, vor allem natürlich in einer Großen Koalition, wo man
mit einem anderen Partner sozusagen auf gleicher Augenhöhe etwas zu tun hat.
Hier gibt es doch eine große Unruhe an der Basis, weil Frau Merkel, vom Typ her
ist sie ja keine tief gegründete Christdemokratin, die schon seit vielen
Jahrzehnten die christdemokratische politische Philosophie inhaliert hat,
sondern sie wirkt ja auf viele Wählerinnen und Wähler eher pragmatisch und
moderierend.
Heckmann: Ein Problem ist ja, Herr Langguth,
dass die Union sich in weiten Teilen programmatisch schon modernisiert hat. Auf
der einen Seite in der Gesellschaftspolitik ist das Beispiel Elterngeld zu
nennen, aber ich verweise im sozial-ökonomischen Bereich auch auf die Leipziger
Beschlüsse, die radikalen Reformen, die dort gefordert wurden in der
Wirtschaftspolitik. Diese Veränderungen haben aber offenbar mehr Wähler
abgeschreckt als gewonnen, oder?
Langguth:
Ja. Nun muss man sehen: Es haben sich natürlich auch die Zeiten geändert, auch
im Rahmen der demographischen Entwicklung. Insgesamt leben ja 41 Prozent der
Menschen in Deutschland von Transfereinkommen wie Rente, Arbeitslosigkeit, Hartz
IV und so weiter, und die erwarten natürlich von der CDU eine sozialere Politik.
Jedenfalls ist das das Grundproblem der Union, und da muss man einfach folgendes
sehen: Das Erfolgsgeheimnis der Union in der Vergangenheit bestand immer darin,
dass sie vermitteln konnte, wir, also mit der CDU, schaffen den wirtschaftlichen
Aufschwung, und dieser wirtschaftliche Aufschwung ist die Voraussetzung auch
dafür, dass die soziale Sicherheit möglich bleibt. Wenn man jetzt auch eine
neueste Umfrage sieht, dann wird man feststellen können, dass 40 Prozent der
Unionsanhänger wollen, dass sich die CDU stärker in Richtung Markt und
Wettbewerb orientieren solle, und 44 Prozent sprechen sich hingegen für eine
stärkere Berücksichtigung der sozialen Absicherung aus. Das ist natürlich ein
ganz schwieriger Spagat, den hier die Unionsparteien machen müssen, aber darum
kommt die Kanzlerin nicht herum.
Heckmann: Die Union steckt ja offenbar in dem
Dilemma bei dem Versuch, aus dem Umfragetief herauszukommen. Auf der einen
Seite, wenn sie die soziale Ausrichtung, wie Sie gerade sagten, betont, nähert
sie sich der SPD an, verliert an Profil. Andererseits, wenn sie die Reformen a
la Leipzig weiter verfolgt, gleicht sie immer weiter der FDP. Möglicherweise
könnte sich ein Fiasko wie bei der letzten Bundestagswahl wiederholen. Was ist
denn die Lösung dieses Problems?
Langguth:
Die Lösung kann natürlich nur darin bestehen, dass die Kanzlerin mit dafür
sorgt, dass Rahmenbedingungen für einen vernünftigen, dauerhaften Aufschwung
vorhanden sind, und vor allem, dass das Grundproblem, nämlich die
Arbeitslosigkeit, nicht nur durch nur mal ein paar Zahlen, die jetzt gerade in
den letzten Wochen sich günstig erwiesen haben, sich niederschlagen, sondern
dass die Rahmenbedingungen sich so entwickeln, dass die Menschen sagen, es ist
der Politik der Kanzlerin zu verdanken, dass wir auf Dauer doch vernünftigere
Bedingungen für den Abbau von Arbeitslosigkeit bekommen. Das ist der springende
Punkt, und hier kann man ja sagen, da ermahnt auch der Bundespräsident zu Recht
die Große Koalition daran, indem er immer wieder sagt, nehmt in den Vordergrund
die Frage des Abbaus der Arbeitslosigkeit. Arbeit, Arbeit, Arbeit, muss man ja
zurufen, und hier ist meines Erachtens noch nicht genügend getan worden. Daran
kränkelt eigentlich auch das Ansehen der Union.
Heckmann: Angela Merkel hat ja in den letzten
Wochen geschwiegen zu dem Vorstoß von Jürgen Rüttgers, den ich gerade eben schon
zitiert hatte. Nun hat sie gestern bei ihrer ersten Pressekonferenz nach ihrem
Urlaub dem Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens widersprochen. Ist das ein
Zeichen dafür, dass Merkel wieder versucht, die Zügel in die Hand zu bekommen?
Langguth:
Ja, aber sie hat es natürlich schwerer als zum Beispiel Herr Beck. Herr Beck hat
ja gerade als Parteivorsitzender einige wenige Ministerpräsidenten noch,
währenddessen die Union stellt ja von 16 Ministerpräsidenten 11
Ministerpräsidenten. Und das sind natürlich alles wortgewaltige Herren, die sich
auch zu Wort melden wollen und die auch zu Recht in gewissem Sinne die Position
der Basis zu vertreten haben. Da ist es natürlich sehr viel schwerer, hier diese
Vielstimmigkeit, die sich natürlicherweise ergibt, diese auch entsprechend
anzugehen. Frau Merkel ist in der Gefahr, dass sie zum Schluss als Moderatorin
dasteht. Das darf sie nicht. Sie muss führen, und sie darf allerdings vielleicht
sich auch nicht immer um jeden Ministerpräsidenten und um jede Stimme äußern,
sondern sie muss ihren klaren Kurs machen. Das gilt natürlich auch in Richtung
von Herrn Rüttgers, der ein Stück weit natürlich auch verärgert ist meines
Erachtens, dass kein Mann oder keine Frau aus Nordrhein-Westfalen der
Bundesregierung als Bundesminister angehört, und das erklärt vielleicht auch
einen Teil seines Ärgers.
Heckmann:! Merkel muss führen, sagen Sie. Führt
sie bis jetzt zu wenig?
Langguth:
Ja und nein. Es ist ja so: Ich glaube zunächst mal übrigens, dass die Stimmung
in der Koalition, in der Bundesregierung vielleicht viel besser ist, als es nach
außen hin wirkt. Wie ich höre, wird in der Bundesregierung selbst eigentlich
ganz kooperativ miteinander umgegangen. Es sind dann mehr die unteren
Parteichargen häufig, die gegeneinander auf die jeweils andere Partei losgehen.
Da ist ja zum Teil auch eine Wortwahl, die kann einen ja nur erstaunen, wenn man
sieht, dass es sich hier um Koalitionspartner handelt. Das bringt natürlich ein
schwieriges Bild für die Koalition insgesamt, nicht nur für Frau Merkel.
Ansonsten muss sie natürlich klare Vorgaben machen, und das scheint mir das
Entscheidende. Aber auch da steckt sie in einem Dilemma, wenn sie jetzt, wie sie
es jetzt gemacht hat, bestimmte Vorgaben macht, was den Gesundheitsfonds angeht.
Wenn es dann zum Schluss misslingt, dann ist sie auch persönlich ramponiert. Es
war übrigens auch immer eine gewisse Führungskunst von Helmut Kohl, ihrem
Vorgänger, sich nicht in allen Dingen bis ins Letzte festzulegen, sondern immer
erst abzuwarten, wie sich innerhalb die Partei die Strömungen entwickelt haben,
und davon wird sie auch ein Stück weit von ihrem Vorgänger Helmut Kohl gelernt
haben.
Heckmann: Zum zukünftigen Kurs der CDU war das
der Politikwissenschaftler Professor
Gerd Langguth von der
Universität Bonn. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Langguth.
Langguth:
Danke auch.
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