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Deutschlandfunk,
18. Januar 2008
"Eine ziemliche
Verstimmung"
Kanzleramt und
Außenministerium in Syrien-Politik entzweit
Moderation: Paul
Jochen Fischer
Der Besuch des
syrischen Außenministers Walid al-Muallim in Berlin hat außenpolitische
Differenzen in der Großen Koalition offenbart. Während das Bundeskanzleramt
gegenüber Syrien äußerste Zurückhaltung an den Tag legt, sucht das Auswärtige
Amt den Kontakt. "Es ist schon mehr als nur so ein kleiner Streit", analysiert
der Politologe Gerd Langguth.
Paul Jochen
Fischer: Der Besuch des syrischen Außenministers Walid al-Muallim in Berlin
gestern hat außenpolitische Differenzen in der Großen Koalition offenbart.
Während Außenminister Steinmeier (SPD) weiter direkten Kontakt mit Syrien
pflegen will, warnen Außenpolitiker der Union vor zu großen Zugeständnissen, und
auch der Umgang mit dem Iran lässt die Augenbrauen nach oben gehen.
Auf der Nahostkonferenz von Annapolis Ende vergangenen Jahres hatte
Bundesaußenminister Steinmeier seinen syrischen Kollegen al-Muallim eingeladen
und gestern kam der Gast aus Damaskus. Und wir haben es eben gehört: die Union
sieht die Aktivitäten des Bundesaußenministers mit Befremden. Es dürfe nicht
immer wieder der rote Teppich ausgerollt werden, heißt es.
Darüber möchte ich nun mit dem Politikwissenschaftler Gerd Langguth reden. Guten
Tag nach Bonn!
Gerd Langguth: Guten Tag, Herr Fischer!
Fischer: Herr Langguth, was stört denn die CDU daran, dass Steinmeier seinen
syrischen Kollegen empfängt?
Langguth: Das eine sind natürlich die Fragen der eigenständigen Profilierung des
Außenministers, was ja auch eine innenpolitische Dimension hat: Er hat sich ja
jetzt auch, nachdem er stellvertretender Parteivorsitzender wurde, einen eigenen
Apparat aufgebaut, sogar mit 14 neuen Leuten, die im Außenministerium im Grunde
genommen Innenpolitik machen und begleiten sollen, obwohl es ja das Amt des
Vizekanzlers eigentlich nur verbal gibt, das gibt es ja nirgendwo
festgeschrieben. Also, die eine Sorge ist, dass sich der Außenminister zu stark
profiliert und vielleicht auch so profiliert, dass er der künftige
Kanzlerkandidat wird. Aber das ist nur die eine Seite. Es ist ja nicht immer
alles nur von den Personalfragen her zu sehen, sondern es handelt sich hier
schon um eine hoch delikate Angelegenheit, was den Libanon angeht und was Syrien
angeht, wo ja deutsche Truppen, genauer gesagt die Deutsche Marine, im
Mittelmeer steht und wo sich Syrien bisher weigert, wirklich eine konstruktive
Rolle wahrzunehmen. Seit November gibt es im Libanon keine Präsidentenwahl. Die
kommt nicht zustande, weil nach dort wie vor ein außerordentlich starker
Einfluss der Syrer ist.
Jetzt kann man das natürlich sehr unterschiedlich sehen und kann sagen: Gerade
deshalb ist es gut, dass der deutsche Außenminister mit dem syrischen
Außenminister al-Muallim spricht. Das ist die eine Variante. Die andere
Variante, die eben die CDU und auch die Kanzlerin hat: Solange da keine besseren
Signale von Damaskus aus kommen, wäre das nicht angemessen. Aber festzuhalten
ist: Es ist schon mehr als nur so ein kleiner Streit. Wir haben ja eben den
stellvertretenden Regierungssprecher Steg gehört, der das ja so runtergespielt
hat, als er gesagt hat, „Besuche dieser oder jener Art“, dass es dazu „mal eine
unterschiedliche Meinung“ gibt. Eigentlich müsste man normalerweise erwarten,
dass bei solchen hoch delikaten Besuchen dieser Art eine Abstimmung zwischen
Auswärtigem Amt und Kanzleramt stattfindet.
Fischer: Aber Herr Steinmeier ist nun mal der Bundesaußenminister und ist es
eigentlich nicht richtig, wenn es in der Welt Konfliktherde gibt, dass auch der
deutsche Außenminister sich dort einschaltet und dann ganz pragmatisch seinen
Kollegen einlädt, um mit ihm darüber zu reden?
Langguth: Ja. Das will ich persönlich auch überhaupt gar nicht bestreiten. Ich
will nur darauf verweisen, dass Herr Steinmeier auch im letzten Jahr zunächst
einmal einen Besuch in Damaskus abgesagt hatte. Er war in Amman, und da gab es
Äußerungen seitens Damaskus, die er auch im Zusammenhang mit Israel nicht als
verträglich ansah und hat seinen Besuch abgebrochen. Dann war er
zwischenzeitlich ja auch in Damaskus gewesen.
Und nachdem in Annapolis in den Vereinigten Staaten auch Syrien selber vertreten
war und sogar auch Geheimgespräche zwischen Israel und Damaskus stattgefunden
haben, ist es sicherlich auch sinnvoll, wenn von deutscher Seite entsprechende
Kontakte aufgenommen und wahrgenommen werden. Davon bin ich auch überzeugt. Die
Frage ist nur, ob der Zeitpunkt der richtige ist. Und außerdem ist die Frage:
Wie sehen das die Vereinigten Staaten, an die man ja auch denken muss, die hier
eine besondere Situation sehen, die ja insbesondere die Nähe von Syrien zum Iran
sehen, und wie sieht das auch Israel? Da wird die Gewichtung im Kanzleramt als
eine andere wahrgenommen. Sie müssen sehen: Noch nicht einmal der
außenpolitische Berater von Frau Merkel hat den syrischen Außenminister
empfangen. Also das deutet schon auf eine ziemliche Verstimmung zwischen
Auswärtigem Amt und Kanzleramt hin.
Fischer: Würden Sie also Frau Merkel zustimmen, dass der richtige Zeitpunkt,
darüber zu reden, den syrischen Außenminister zu empfangen, der Zeitpunkt ist,
an dem es im Libanon einen Präsidenten gibt?
Langguth: Ich bin immer schon der Meinung gewesen: Man muss alle, auch
diplomatischen, Mittel nutzen. Die Politik der völligen Ausgrenzung von Syrien
führt sicherlich nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Ich selber glaube
allerdings: Wenn man mit Damaskus verhandelt, muss man sehr über den Zeitpunkt
nachdenken. Wir haben es leider noch in Damaskus mit einem Regime zu tun, das
eben immer wieder verspricht, einen Modernisierungskurs vorzunehmen. Wenn man
andererseits aber nicht mit den Syrern spricht, dann wird das natürlich auch
nicht stattfinden. Man sollte sich jedoch nicht zu viel von den Gesprächen mit
Damaskus erwarten.
Ich will aber noch mal sagen: Man muss das ganze ja im Zusammenhang
Merkel-Steinmeier auch sehen, dass es in anderen Fällen zwischen Kanzleramt und
Auswärtigem Amt ebenso Differenzen gibt: Wenn Sie mal die Russland-Politik
sehen, wenn Sie China sehen und jetzt auch, wenn Sie den Iran sehen, wo
Steinmeier eine neue Initiative unternehmen will, nämlich die Außenminister der
Staaten des UN-Sicherheitsrates in Sachen Iran einzuladen. Das ist übrigens auch
sicherlich dann eine sinnvolle Initiative, wenn auch Ergebnisse dabei
herauskommen werden. Dass der Außenminister eine andere Rolle zu spielen hat als
das Kanzleramt, ist klar, aber Differenzen sind vorhanden.
Fischer: Sie haben es angesprochen: Differenzen sind vorhanden. Man hat es
auch in der China-Politik der Kanzlerin gesehen. Haben wir eventuell in
Deutschland, in der Bundesrepublik zwei unterschiedliche Regierungszentren für
die Außenpolitik?
Langguth: Ja und nein. Natürlich ist es so - und das war immer schon der Ärger
jedes Außenministers, das war auch früher unter Genscher schon so, das war bei
Kinkel so und bei allen anderen -, wenn hochrangige ausländische Besucher
kommen, jedenfalls Ministerpräsidenten oder Staatspräsidenten, dass die immer
natürlich beim deutschen Bundeskanzler landen, dann natürlich auch ein Gespräch
mit dem deutschen Außenminister haben. Da ist aber immer der Zielpunkt das
Kanzleramt gewesen.
Und man muss natürlich sagen: In der Welt der direkten Diplomatie spielen zum
Beispiel die deutschen Botschaften im Ausland längst nicht mehr die Rolle, weil
ja auch zwischen Kanzleramt und den entsprechenden Sicherheitsberatern der
jeweiligen Regierungschefs die direkten Kontakte stattfinden. Es gibt immer ganz
zwangsläufig eine Konkurrenzsituation zwischen dem Auswärtigen Amt und dem
Kanzleramt, zumal man ja festgestellt hat, dass man sich auch sehr gut mit der
Außenpolitik profilieren kann.
Fischer: Der Besuch des syrischen Außenministers Walid al-Muallim in Berlin
gestern hat außenpolitische Differenzen in der Großen Koalition offenbart. Wir
sprachen mit dem Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Vielen Dank.
Langguth: Danke auch.
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