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Deutschlandradio,
Interview, 23.Oktober 2009
Schattige Tage für
Schwarz-Gelb
Gerd Langguth:
Koalitionsverhandlungen sind eine große Inszenierung
Gerd Langguth im
Gespräch mit Gerd Breker
Mit dem
zurückgezogenen Plan eines Schattenhaushalts haben sich Union und FDP nach
Ansicht des Politikwissenschaftlers Gerd Langguth einen Fehlstart beschert.
Finanzierungsfragen seien das Kernproblem der neuen Regierung, insbesondere für
eine aus bürgerlichen Parteien, die für sich reklamierten, "besser mit dem Geld
umgehen" zu können.
Nach
drei Wochen Koalitionsverhandlungen wollen Union und FDP heute den endgültigen
Durchbruch schaffen. Die Spitzenrunde trifft sich am Nachmittag zum
voraussichtlich letzten Mal in Berlin. Spätestens morgen soll das rund 250
Seiten starke Vertragswerk stehen. Bis dahin müssen dann allerdings auch noch
die Ministerposten zwischen CDU/CSU und FDP verteilt sein. Heute früh konnte man
sich erst einmal in Sachen Gesundheitspolitik einigen. Am Telefon bin ich nun
verbunden mit dem Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Guten Tag, Herr Langguth.
Guten Tag, Herr Breker.
Nach dem schwarz-gelben Schattenhaushalt für die Sozialversicherungen,
der uns ja angepriesen wurde als Stein der Weisen, der dann im Lichte der
harschen Kritik wieder begraben werden musste, war die Rede von einem Fehlstart.
Herr Langguth, wenn Sie die Koalitionsverhandlungen in einer ersten Einschätzung
bewerten, war das ein Fehlstart?
Das mit dem Schattenhaushalt, diese sogenannten schattigen Tage, das
war in der Tat ein Fehlstart. Man darf ja nicht unterschätzen, dass gerade die
Frage der Finanzierung, wie bringt man die Steuern zusammen und wie führt man
sie auch gerecht zusammen und wie macht man die Dinge haushalterisch, natürlich
ein Kernproblem dieser neuen Regierung sein muss, gerade wenn man das
Wahlprogramm ansieht und gerade wenn es immer heißt, die bürgerlichen Parteien
können besser mit dem Geld umgehen, oder jedenfalls reklamieren sie das ja für
sich. Andererseits sind sie ja jetzt gestoppt worden und das zeigt doch, dass
sich auch eine gewisse Weisheit gelegentlich, wenn auch mit Verspätung
durchsetzt.
Generell kann man aber nicht sagen, dass die Koalitionsverhandlungen etwa in
einer unfreundlichen Atmosphäre stattgefunden hätten. Es gab ja auch eine ganze
Reihe interessanter Entscheidungen und die Regierung, die neue, kann nur hoffen,
dass dieses Thema des Schattenhaushaltes möglichst bald vergessen wird.
Die Koalitionsverhandlungen, wenn wir darauf einen Blick werfen, Herr Langguth, sie hatten auch irgendetwas von einer Inszenierung. Informationen
werden lanciert, gleichsam wie Versuchsballons, und je nach Reaktion wieder
zurückgenommen oder weiterverfolgt.
Ja. Die gesamten Koalitionsverhandlungen sind natürlich eine große
Inszenierung. Das war aber früher immer schon der Fall. Dann treten die
Generalsekretäre vor die Presse, sagen dann meistens ziemlich Nichtssagendes.
Das gehört aber irgendwie dazu. Und ich glaube übrigens auch schon, weil Sie
eben die Frage gestellt haben, wer wird der künftige Finanzminister: Letztlich
ist die Frage der Personalentscheidung schon längst entschieden bei den drei
Parteichefs, auf die es in dieser Frage ankommt. Nur die haben gute Gründe
dafür, dass sie diese Information erst zum Schluss rauslassen, weil sie auch die
einzelnen Kandidaten noch ganz gerne zappeln lassen wollen.
Wenn wir uns die Verhandlungen anschauen und hinter die Kulissen
schauen, Herr Langguth, dann haben wir doch den Eindruck, da ist wirklich unsere
Bundeskanzlerin, so wie wir sie kennen. Sie wartet ab, sie zögert, schaut, wie
die Reaktionen sind, und dann erst entscheidet sie.
Ja, aber das ist der gute alte Stil, wenn Sie so wollen, den auch
Helmut Kohl gepflegt hat, den auch übrigens andere Kanzler gepflegt haben, weil
ja immer die Frage des Prestiges dabei mit eine Rolle spielt. Wenn ein Kanzler
zu sehr sich für ein Thema exponiert und damit nicht durchkommt, dann können
daraus große Probleme sein. Zum Beispiel die Frage des Gesundheitsfonds: Da hat
ja Merkel, als sie Kanzlerin war, mit ihrem ganzen Gewicht als Kanzlerin
zusammen mit Ulla Schmidt diesen Gesundheitsfonds durchgepaukt gegen eine starke
Strömung in der eigenen Fraktion, auch gegen eine starke Strömung in der
SPD-Fraktion. Jetzt hat sie, wenn Sie so wollen, natürlich ein Stück weit den
Salat, weil sie muss ja diesen Gesundheitsfonds weiterhin für gut halten, und
deswegen hat man sich ja auch geeinigt in Sachen Gesundheitspolitik, den erst
einmal so bestehen zu lassen. Das heißt, die gute alte Regel ist: Erst mal
abwarten, ein Stück weit zu moderieren und dann am Endpunkt eines jeweils
spezifischen Entscheidungsprozesses zu sagen, so machen wir es, und das Motto zu
suggerieren, das habe ich immer schon so gewollt.
Die erwünschte, die erhoffte sogenannte bürgerliche Mehrheit ist da.
Schwarz-Gelb hat den Regierungsauftrag. Aber hat sie auch den Reformauftrag, den
der Wähler damit meinte, verstanden?
Ja, sie hat den Reformauftrag, obwohl es natürlich so ist: Alle Wähler
wollen gerne, dass reformiert wird, nur nicht in den Bereichen, die sie selber
betreffen. Deswegen wird die neue Regierung gar nicht so kraftvoll reformieren
können, weil sie ja auch erst mal mit Versprechungen beginnt. Merkel wird
versuchen, das soziale Herz, das sie ja in der Regierungszeit als Kanzlerin
entdeckt hat, auch entsprechend umzusetzen, fast sogar manches Mal als
Schutzpatronin der deutschen Gewerkschaften zu erscheinen. Denken Sie mal daran,
dass sie schon sehr frühzeitig gesagt hat, es wird beim Thema Mitbestimmung
keine Änderung geben, oder beim Kündigungsschutz und so weiter. Merkel wird die
soziale Dimension sehr viel stärker betonen. Man wird versuchen, weiterhin der
SPD den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ja, und die FDP wird mehr die
marktwirtschaftliche Komponente vertreten und das funktioniert ja vielleicht
dann auch.
Kann man denn dann auch überhaupt so was wie einen Politikwechsel
erkennen?
Es wird sicherlich schon ein Politikwechsel stattfinden. Man wird
versuchen, die Leistungsträger in der Gesellschaft mehr zu motivieren. Das wird
man machen. Zum Beispiel in Sachen Bildungspolitik macht man mal was
Interessantes, dass man ein Stipendienprogramm für besonders - und zwar aus
allen Schichten kommende - besonders motivierte und auch gute Studenten schafft.
Man versucht auch, Schwerpunkte zu schaffen, indem man sagt, es wird meinetwegen
überall gespart, nur nicht im Bereich der Bildungspolitik. Das muss sich dann
natürlich auch in der Praxis der neuen Regierung durchsetzen. Es werden schon
ein paar Akzente gesetzt werden, aber es wird auch deswegen teilweise ein
kraftvolles Weiter-so sein, weil einfach die Haushaltssituation über allem
steht.
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