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Hatten die beiden Volksparteien in den Wahlen zusammen
über Jahrzehnte 90 Prozent der Wähler hinter sich, sind es heute weniger
als 57 Prozent. Eine Volkspartei muss breit verankert sein. Einst hatten
die Unionsparteien und die SPD jeweils fast eine Million Mitglieder, heute
sind es zusammen gerade einmal 1,2 Millionen. Die CDU allein (ohne CSU)
hat die kränkelnde Volkspartei SPD (ist sie noch "Volkspartei"?)
mitgliedermäßig überholt. Der Altersquerschnitt bei beiden Parteien ist
bei deutlich über 60 Jahren. Die Ursachen sind vielfältig:
Die Parteien wurden in den letzten Jahren langweiliger,
eine politisch interessante und kontroverse Auseinandersetzung innerhalb
der Parteien findet kaum statt. Sie diskutieren kaum noch kontrovers über
Menschheits- und Zukunftsfragen.
Das frühere Politikmonopol wurde durch das Auftreten von
Bürgerbewegungen und -initiativen durchbrochen.
Die Parteien waren früher Ausdruck spezifischer
"Milieus" in der Gesellschaft, die sich jedoch auflösen bzw. verändern.
Ein katholisch geprägter Arbeitnehmer wählte eher die CDU als ein
evangelischer Arbeiter, ein Landwirt eher die Union als ein
Industriearbeiter. Alle Großorganisationen, auch Gewerkschaften und
Kirchen, ließen in ihrer Bindekraft nach.
Parteien erscheinen in einer pragmatischer wirkenden
Welt nicht mehr als eine Schicksalsgemeinschaft von Gleichgesinnten,
sondern immer mehr als eine pragmatische Interessengemeinschaft.
Parteimitglieder sind Botschafter einer politischen
Grundüberzeugung in ihrer Familie, ihrem Freundeskreis oder bei ihren
Arbeitskollegen. Wenn immer weniger in den Parteien aktiv mitwirken,
überlässt man möglicherweise den Falschen die Eliteauswahl. Je weniger sie
verankert sind, umso mehr sinkt das Ansehen der Politik.
Literaturtipp:
Gerd Langguth, "Kohl, Schröder, Merkel: Machtmenschen" und "Angela Merkel.
Aufstieg zur Macht. Biografie", beide erschienen im dtv München
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