"Merkel geht gestärkt aus dem Parteitag hervor"
Herr Langguth, die
Bundeskanzlerin
hat die Delegierten bei ihrer Rede vor dem
Parteitag nicht gerade von den Stühlen gerissen.
Wie fanden Sie den Vortrag?
Es war eine Art Abräumrede. Angela Merkel hat alle
Themen weggefegt, die strittig diskutiert wurden
in den vergangenen Wochen. Das waren etwa die
Bundeswehrreform und der Mindestlohn. Und sie hat
diese Dinge in einer solchen Art und Weise
erklärt, dass sie zwar nicht sehr starken, aber
doch Beifall erhalten hat. Ich glaube, sie geht
gestärkt aus dem Parteitag hervor.
Hat
Sie es wirklich geschafft, die Parteibasis
mitzunehmen?
Merkel ist keine emotionale Politikerin. Sie hat
kein Hochamt im kirchlichen Sinne inne, bei dem
sie die Menschen emotional voranbringt. Sie ist
eben mehr die rationale Erzählerin. Und das hat
man auch an dieser Rede gesehen. Dabei muss man
auch sehen, dass die Akustik in einer solchen
Riesenhalle schwer dazu beiträgt, dass die
Menschen wirklich zusammen rücken. So wie die
Delegierten an ihren Tischen sitzen, relativ weit
auseinander…
Die
Diskussion um das Betreuungsgeld hat die Kanzlerin
verschieben lassen.
Die Linie, die bisher festgelegt wurde, hat vor
allem mit dem Koalitionspartner, mit der CSU zu
tun. Der will, dass das Betreuungsgeld beibehalten
wird. Das ist ein sehr ideologischer Punkt. Ich
finde es erfreulich, dass es auch Widerstand in
der CDU zu diesem Thema gibt - gerade von den
modernen Frauen aus der Partei.
Vor sieben Jahren gab es
schon einmal einen Parteitag in Leipzig. Damals
ging Angela Merkel als Reformerin in die
Geschichte ein. Welche Unterschiede sehen Sie
zum jetzigen zweiten
Leipziger Parteitag?
Das hat sich sehr stark verändert. 2003 war Angela
Merkel noch in der Opposition. Sie wollte die CDU
zur Reformpartei machen und nachweisen, dass sie
selber ein eigenes wirtschaftspolitisches Profil
hat. Im Wahlkampf 2005 hat sie dann eingesehen,
dass nur ein arbeitnehmerfreundlicher Wahlkampf
auch der CDU genügend Stimmen bringt. Insofern hat
sie jetzt ihre Position verändert. So werden hier
im zweiten Leipzig eine Reihe von
Grundentscheidungen getroffen, die mit dem ersten
Leipzig im Widerspruch stehen. Das ist doch eine
sehr interessante Symbolik.
Die
SPD hat mit dem Thema Mindestlohn in den
vergangenen Jahren keineswegs Wahlen gewonnen.
Das kann sein. Die SPD hat die CDU aber mit dem
Thema Mindestlohn vor sich hergetrieben. Und es
ist ein Unterschied, ob die SPD dieses Thema
favorisiert oder die CDU, die einen
wirtschaftsnäheren Eindruck auf die Menschen
hinterlässt.
Das Interview führt Marie Amrhein
