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Cicero, Online, 16. Januar 2009

Wahljahr


 

Ludwig Erhard dürfte kaum einverstanden sein
von Gerd Langguth

Mit dem Konjunkturpaket II tut sich die CDU keinen großen Gefallen. Die Abkehr von der Ordnungspolitik könnte viele Wähler verprellen. Im Herzen bleibt Angela Merkel ihren Überzeugungen aber treu. Martina Fietz traf sich mit dem Politologen Gerd Langguth und sprach mit ihm über Merkel und das Superwahljahr 2009.

Mit dem zweiten Konjunkturpaket hat Angela Merkel sich endgültig von dem in Leipzig markierten Kurs abgewandt, der weniger Staat und mehr Freiheit bringen sollte. Selbst die schwäbische Hausfrau ist in der Versenkung verschwunden. Wird ihre Glaubwürdigkeit darunter leiden?
Der wirtschaftspolitische Kurs Angela Merkels ist inzwischen weit weniger deutlich, als es auf dem Leipziger Parteitag 2003 der Fall war. Er ist sogar weniger sichtbar als auf dem Stuttgarter Parteitag vom Dezember letzten Jahres. Sie sah sich zu Kompromissen, auch mit der CSU, gezwungen. Steuersenkungen, Unternehmensbeteiligungen im Rahmen eines Deutschlandfonds, teilweise Verstaatlichungen und Schuldenaufnahme sind aber Faktoren, die sehr schwer miteinander vereinbar sind und die Frage nach dem ordnungspolitischen Kurs der Kanzlerin und damit der Union stellen.

Was bedeutet die jetzt beschlossene Politik für die Grundsätze der CDU, die sich an der Ordnungspolitik orientierten?
Die Ordnungspolitik spielte bei der Union als einer Volkspartei in der Praxis stets weniger eine Rolle als in den hehren Sonntagsreden. Merkel ist eine gelehrige Schülerin von Helmut Kohl, bei dem das Wort „Ordnungspolitik“ keine besondere Priorität genoss. Wir haben überdies im Moment durch das Zusammentreffen von Bankenkrise und realer Wirtschaftskrise eine bisher nie dagewesene Situation, für die es kein Lösungsmodell gibt, weshalb durchaus auch neue Wege erforderlich sein können.

Kann sich die CDU noch auf die soziale Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards berufen?
Wenn es eine der Regierungsparteien tun kann, dann eher die CDU. Doch wenn man alle Überlegungen anschaut, vor allem hinsichtlich der Beteiligung des Staates an privaten Firmen, dann werden – um es vielleicht etwas überspitzt zu formulieren – manche Erinnerungen an einen „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ wach, den die CDU früher so vehement bekämpft hat. Darüber hinaus ist das fast ungezügelte Verschulden ein besonderes Problem. Mit den Ausmaßen, die wir gegenwärtig erreichen, dürfte Ludwig Erhard kaum einverstanden sein.

Verliert die CDU ihren Markenkern, so wie die SPD unter Gerhard Schröder?
Es besteht die Gefahr, dass die CDU am Ende als die zweite sozialdemokratische Partei angesehen wird. Hieraus versucht gerade Guido Westerwelle politischen Profit zu ziehen und die FDP als die wahre marktwirtschaftliche Kraft zu präsentieren.

Werden die Stammwähler der Union zu Hause bleiben?
Das glaube ich nicht so generell. Allerdings gibt es durchaus ein Wählersegment, das enttäuscht ist. Das sind vor allem Konservative und auch Mittelständler. Andererseits sind das gerade die loyalen Wählerkreise, die in Zeiten der Not eher zur Wahl gehen. Meine These ist zudem, dass die Wähler in schwierigen Zeiten eher bei den bewährten Parteien bleiben, weil sie da wissen, woran sie sind. Das wird vor allem die Linke zu spüren bekommen. Sie wird von der gegenwärtigen Lage auf Bundesebene nicht profitieren.

Wie schätzen Sie das Verhalten der FDP ein? Stimmen Sie der These zu, wonach Westerwelle unbedingt regieren muss und auch vor einer Ampel-Konstellation nicht zurückschrecken würde?
Irgendwann muss die FDP auch auf Bundesebene mal wieder Regierungspartei werden. Ob es aber im Falle einer rechnerischen Möglichkeit zu einer Ampel-Koalition kommt, hängt auch davon ab, wer von den beiden kleinen Parteien die Stärkere ist. Denn es geht unausgesprochen immer um die Frage, wer Vizekanzler wird. Ich bin mir sicher, Westerwelle wird nicht bereit sein, einen Grünen-Politiker als Vizekanzler zu akzeptieren, sollten die Grünen stärker als die FDP werden. Umgekehrt dürfte den Grünen ein FDP-Vizekanzler ebenfalls ein Dorn im Auge sein. Jedenfalls ist bei allem Stöhnen über die jetzige Große Koalition diese immer noch eine reale Möglichkeit nach den September-Wahlen.

Das würde bedeuten, dass die SPD nochmals die Rolle des Juniorpartners übernehmen müsste…
Wenn die SPD eine andere Konstellation finden kann, würde sie das tun. Doch dafür müsste sie wahrscheinlich mit der Linken kooperieren. Ob das auf Bundesebene mit Steinmeier möglich ist, wage ich zu bezweifeln. Es gilt übrigens immer noch das Müntefering-Diktum „Opposition ist Mist“; deshalb wird man die Teilnahme an der Regierung einer Opposition vorziehen. Doch wird die SPD nur dann aus ihrer schwierigen inneren Lage herauskommen, wenn sie sich irgendwann in der Opposition regenerieren kann. Sie würde sich dann aber stärker nach links orientieren und könnte versuchen, der Linken traditionelles Wählerpotential wieder abzunehmen.

Lässt sich der Prozess der vergangenen Wochen der Entfremdung der CDU von sich selbst stoppen oder umkehren?
Das wird schwierig. Es gibt nur noch wenige wirtschaftspolitische Spezialisten in der Union, die von der breiten Öffentlichkeit anerkannt und akzeptiert werden. Unter dem Parteivorsitzenden Kohl war jemand wie Gerhard Stoltenberg mit eigenem Gewicht für Wirtschafts- und Finanzpolitiker zuständig. Deshalb ist das Ausscheiden von Friedrich Merz besonders problematisch. Solche starken Personen gibt es heute nicht mehr. Die Union ist zu wenig in einer Teamplayer-Situation.

Merkel hat im Bundestag gesagt, es handele sich um ihre schwerste innenpolitische Entscheidung. Wie bewerten Sie diese Aussage angesichts der Tatsache, dass die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin meistens jedes Pathos meidet?
Sie musste begründen, warum sie ihre harte Haltung veränderte, die sie noch im Dezember vertreten hat. Sie arbeitet gut und vertrauensvoll mit Peer Steinbrück zusammen. Beide hatten sich ungewöhnlich energisch und lange dem Wunsch nach weiterer Staatsverschuldung entgegengestemmt. Doch auch Steinbrück konnte den Damm in den eigenen Reihen offensichtlich nicht halten. Und auch Angela Merkel musste erkennen, dass sie auf ihrer Position nicht beharren konnte.

Sie glauben also, dass Merkel in ihrer Grundüberzeugung nach wie vor eher bei der Ordnungspolitik ist als bei der jetzt praktizierten Staatsintervention?
Ich bin überzeugt, dass sie sich in ihrem inneren Kern ihres Denkens eher an den Leipziger Positionen orientiert. Als „gelernte Christdemokratin“ kann sie aber ihre Positionen dann rasch wechseln, wenn sie es für notwendig hält, etwa zum Zusammenhalt der Großen Koalition. Sie wird alles daran setzen, dass die Große Koalition bis zum Schluss im Amt und arbeitsfähig bleibt. Denn das sieht sie als günstigste Ausgangsposition für ihre Wiederwahl an.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Martina Fietz