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aus: cicero, Juli 2008
von Gerd Langguth
Erst Scharping, dann Müntefering, bald Beck? Dem
steilen Weg der Andrea Nahles an die Spitze der SPD stellt sich keiner so leicht
in den Weg. Das kennt man doch! Ein Merkel-Biograf wagt den Vergleich zweier
starker Frauen.
Ruft die Kanzlerin Angela Merkel künftig gleich bei der SPD-Vize Andrea Nahles
an, wenn sie etwas mit der SPD vereinbaren will? Diese Stichelei Merkels gegen
den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck hat zugleich etwas Anerkennendes für ihre
Geschlechtsgenossin, die bereits mancher auf dem Stuhl des
SPD-Fraktionsvorsitzenden oder gar des SPD-Parteivorsitzenden sehen will. Die
heute 38-jährige Rheinland-Pfälzerin hatte einst in ihrer Abiturzeitung
vermeldet, sie werde entweder "Hausfrau oder Bundeskanzlerin".
Wie Merkel ist sie ein Machtmensch. Inzwischen scheinen sich manche Parallelen
beider Politikerinnen einzustellen, aber nur auf den ersten Blick: Das
Durchsetzungsvermögen Angela Merkels in der Welt der Politik ist inzwischen
legendär, die Reihe ihrer Skalps ist beachtlich. Vor allem putschte sich Merkel
nach oben, als sie als CDU-Generalsekretärin im Dezember 1999 ohne Information
des CDU-Vorsitzenden Schäuble eine Art "Scheidebrief" an Helmut Kohl in der FAZ
veröffentlichte. Das führte zu solch heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem
Alt-Kanzler und Schäuble, dass sich beide in ihrem Kampf gegeneinander vom
Sockel stießen. So wurde sie CDU-Vorsitzende. Auch Friedrich Merz musste ihr
Platz machen. Nach der Partei hatte sie sich damit die Bundestagsfraktion
erobert.
Im Unterschied zu Merkel bekam Nahles nie die Positionen derjenigen, die sie aus
ihren Ämtern verdrängt hatte. Da man in einer Partei zwar häufig die Tat, selten
aber den Täter liebt, befindet sich Nahles in einer gefährlichen Situation: Die
Macht der von ihr Gestürzten ging nicht auf sie über. Für diese Funktion eines
politischen Killers liegt der Begriff des "Betatieres" nahe: In der Hierarchie
ist es weit oben, allzeit zum Zuschlagen bereit, aber unfähig, die Rudelführung
selbst in die Hand zu nehmen.
Nahles ist putschistisch veranlagt. Die Zahl ihrer Opfer lässt sich ebenfalls
sehen: Gemeinsam mit Lafontaine, der sie einst als "Gottesgeschenk" (!)
bezeichnet hatte, und anderen stürzte sie Rudolf Scharping auf dem Mannheimer
SPD-Parteitag 1995. Sie gehörte zu den Kritikern, die Kanzler Gerhard Schröder
zu vorgezogenen Neuwahlen zwangen. Ihre Kandidatur zum Amt des
SPD-Generalsekretärs, den sie gegen den Kandidaten des SPD-Vorsitzenden gewann,
führte sodann zum Rücktritt des Granden Franz Müntefering. Gegen den Willen von
Kurt Beck und dem "Ministerflügel", auch des Fraktionsvorsitzenden Struck, hat
sie Gesine Schwan als SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten
durchgesetzt. Bemerkenswert: Erschrocken über den "Münte"-Rücktritt und die
Reaktionen in ihrer Partei trat Nahles den Rückzug an und verließ den Posten,
für den sie für wenige Stunden gewählt worden war. Merkel hätte das ausgesessen.
In einem besonders wichtigen Punkt unterscheidet sich Nahles von Merkel: Als
Oberrepräsentantin der "Linken" in der SPD ist sie eine Flügelfrau, was Merkel
zu vermeiden wusste. Wegen ihrer ausgeprägten linken Profilierung ist sie bei
den "Seeheimern" und vielen "Netzwerkern" in der SPD ein rotes Tuch. Merkel
zielte immer auf die Mehrheit, Nahles auf den linken Flügel, mit dem sie die
Mehrheit erobern will.
Im Gegensatz zu Merkel entspricht die einstige Juso-Bundesvorsitzende Nahles dem
Typus des Jungfunktionärs einer Partei, der frühzeitig und systematisch
Unterstützer an sich zu binden weiß. Viele Genossen stehen ihr auch deshalb
misstrauisch gegenüber, weil sie außerhalb der Politik kaum lebenskundliche
Erfahrungen aus der Berufswelt einzubringen weiß: Während und nach ihrem Studium
der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Bonn war
Nahles nur politisch tätig; als sie nach vier Jahren Bundestagszugehörigkeit
2002 aus dem Hohen Haus ausschied, parkte sie bis zu den Wahlen 2005 bei der IG
Metall.
Herkommen und Erfahrungswelten der beiden Frauen sind ziemlich unterschiedlich:
Hier die evangelische Pfarrerstochter, Naturwissenschaftlerin, mit
DDR-Erfahrungen; dort die katholische Dörflerin, Germanistin und
Parteifunktionärin ohne Berufserfahrung, die ihr bisheriges politisches Leben
für einen "demokratischen Sozialismus" gab. Beide genießen die Droge "Macht",
Merkel aber kennt ein Leben vor der Politik. Sie sicherte ihren Aufstieg durch
wenige enge Vertraute; Merkel ist die stille Fädenzieherin; Nahles ist eher laut
und versucht sich in der Hauptrolle. Merkel kam voran, ohne einen Unionsflügel
zu repräsentieren, Nahles’ Einfluss beruht hingegen auf ihrer Fähigkeit,
bündnispolitische Entscheidungen herbeizuführen und damit über Karrieren anderer
mitzuentscheiden. Merkels Stärke im Aufstieg war letztlich ihre scheinbare
politische Unbestimmtheit. Nahles’ Stärke der inhaltlichen Positionierung ist
wegen ihrer polarisierenden Wirkung zugleich ihre Schwäche.
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