Er sagt nie „wir Politiker“, er spricht immer von
„den Politikern“
von Gerd Langguth
Wie politisch darf ein Bundespräsident sein? Horst Köhler hat im vergangenen
Jahr zwei Gesetze scheitern lassen und sich durch Reden und Interviews
heftig in die Politik eingemischt. Dies ist in dieser Form neu. Noch kein
Bundespräsident hat sich so engagiert in tagespolitische Fragen eingemischt
wie er. Einige Medienbeobachter schließen daraus, er – der neunte Präsident
in der Geschichte der Bundesrepublik seit 1949 – sei der „politischste“
aller Präsidenten.
Aber ist er es tatsächlich? Manche bezeichnen ihn als einen
„Seiteneinsteiger“ in der deutschen Politik, doch dieser Begriff ist in
seinem Falle eher unscharf: Er ist ein „Seitenhineingenommener“: Von Angela
Merkel wurde er deshalb für die Politik entdeckt, weil er mit seinem
wirtschaftlichen Profil den politischen Vorstellungen ihres damaligen
Wunschpartners Westerwelle und der FDP am nächsten kam. Zugleich konnte
Merkel damit eine Kandidatur des damaligen CDU-Aspiranten Wolfgang Schäuble
verhindern. Merkel hatte eine Persönlichkeit gesucht, die zum Signal für
eine bürgerliche Wende taugte – ähnlich wie die Wahl Gustav Heinemanns und
Walter Scheels eine sozialliberale Koalition herbeiläutete. Köhler kennt
jedoch „die Politik“ im engeren Sinne nur aus seinen früheren
administrativen Erfahrungen – etwa als einstiger Finanzstaatssekretär zu
Zeiten Helmut Kohls, als Präsident der Londoner Osteuropabank oder als „Managing
Director“ des Internationalen Währungsfonds in Washington. Die aktive
Politik, etwa als Abgeordneter, hat er selber nie erlebt. Demzufolge hat er
zur „politischen Klasse“ der Bundesrepublik kaum eine innere persönliche
Beziehung. Das erklärt auch, warum seine zahlreichen Reden bislang auf die
praktische Politik einflusslos geblieben sind.
Köhler sieht sich als Verbündeter des Volkes gegenüber der politischen
Führungsschicht, zu der er sich offensichtlich kaum zugehörig fühlt. Ihm
merkt man an, dass er – im Gegensatz zu allen seinen Vorgängern – nie
Politiker gewesen ist, obwohl er sein gesamtes Berufsleben mit politischen
Aufgaben verbrachte. Mit diesem Nicht-Politiker-Sein kokettiert er ganz
offen: Das mache „ihn unabhängig“. In der Tat spricht er auch nie in der
Redeform von „wir Politiker“, sondern er spricht immer von „den Politikern“.
Köhler ist ein Mann, dem die Welt der Politik und der Parteien fremd blieb.
Das Ringen um Mehrheiten ist ihm ebenso fremd wie die komplizierte
Konsensfindung Er ist ein Mann der Exekutive. Er war in seinen einstigen
Berufen zwar immer mit Politik befasst – doch aus administrativer Sicht.
Köhler war Beamter und ist immer Beamter geblieben.
Dieser Befund vermag manche nicht zu überzeugen: Wieso soll nicht auch ein
Seitenhineingenommener ein politischer Präsident sein können, fragen sich
viele. Wie politisch ein Präsident ist, hängt indes nicht davon ab, ob er in
der Bevölkerung beliebt ist, sondern ob er etwa mit seinen Reden und seinem
Handeln insgesamt etwas bewirkt, ob er „Einfluss“ nimmt, etwa durch
Gespräche mit Politikern, Regierung wie Opposition. Noch vor wenigen Monaten
wurde er aus Kreisen der SPD als „Sparkassendirektor“ oder als
„Besserwisser“ verspottet – von solchen unpassenden Ausdrücken waren seine
Vorgänger verschont geblieben. Und dass er bislang gestaltenden Einfluss –
wenngleich in den Grenzen eines mehr repräsentativen Amtes – genommen hat,
wird kaum behauptet werden können. Aber sicher würde er einen solchen
Einfluss gerne wahrnehmen. Anders sind seine drängenden Reden gar nicht zu
interpretieren. Ob übrigens seine Beliebtheit noch so hoch wäre, wenn er
seine Reden in die Tat umsetzen könnte, ist indes fraglich.
Jeder Bundespräsident war beliebt. Das gehört quasi zur Amtsausstattung. Als
symbolische Figur repräsentiert er gleichsam als Erinnerung an einen
Monarchen die Spitze des Staates, wirkt vor allem durch seine Reden und ist
zugleich eben in den Staatsgeschäften oberster Notar der Nation. Nach dem
Grundgesetz hat er nur wenige „harte“ Kompetenzen, etwa im Falle einer
vorzeitigen Parlamentsauflösung. Die Verfassungsväter wollten im Jahr 1949
einen schwachen Präsidenten. Sie hatten die starken Rechte des ehemaligen
Reichspräsidenten in Erinnerung, der mit seinem Notverordnungsrecht in der
Weimarer Zeit regierte. Der „Ersatzmonarch“ Bundespräsident verkörpert
hingegen so etwas wie das „Gemeinwohl“ eines Staates. Zu den monarchischen
Überresten gehört etwa das „Gnadenrecht“ (derzeit diskutiert im Zusammenhang
mit einsitzenden Terroristen der Roten Armee Fraktion); oder der Präsident
verleiht Orden. Er ist zudem der Vertreter Deutschlands im Ausland.
Alles in allem hat er nur schwache institutionelle Möglichkeiten. So ist
umstritten, ob er hinsichtlich der von ihm „auszufertigenden“ Gesetze über
die Rolle eines Staatsnotars hinaus nach deren Passieren im Bundestag und
Bundesrat überhaupt ein materielles Prüfrecht hat. Insgesamt sind seit 1949
nur acht Gesetze am Bundespräsidenten gescheitert – zwei davon in der
Amtszeit Köhlers. Jedes vom Bundespräsidenten nicht unterschriebene Gesetz
kann gar nicht erst zur Überprüfung beim Bundesverfassungsgericht gelangen.
In Karlsruhe dürften deshalb die beiden Vetos Köhlers mit Ingrimm zur
Kenntnis genommen worden sein.
Das Amt eines Präsidenten ist stark von der Persönlichkeit des einzelnen
Amtsinhabers geprägt. Wie er seine Rolle im Einzelnen ausfüllt, hängt vom
Charakter und der Prägekraft der einzelnen Persönlichkeit ab. Eine
detaillierte Aufgabenbeschreibung gibt es nicht. Die Vorgänger von Horst
Köhler, die Verfassungsrechtler waren wie etwa Roman Herzog oder Karl
Carstens, wussten um die Begrenzungen eines solchen Amtes und hatten sich
damit abgefunden. Sie wollten – ähnlich wie Richard von Weizsäcker oder
Johannes Rau – so etwas wie eine moralische Instanz der Republik, ein
Gewissen der Nation sein. Köhler will mehr. Er will „unbequem“ sein – und
ist derzeit der Liebling des Volks, weil er sich gegen „die Politiker“ in
Stellung bringt.
Er war und ist mit den Großen der deutschen und internationalen Welt
umgeben, doch letztlich zählt er sich nicht zu ihnen. Das hängt mit seiner
Herkunft zusammen. Seine aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Familie
kommt aus Bessarabien, wurde nach dem „Hitler-Stalin-Pakt“ ausgesiedelt,
erhielt am 16.April 1941 in Sankt Pölten die deutsche Staatsbürgerschaft und
wurde dann zur „Germanisierung“ in ein Dorf in Ostpolen verschickt, wo
polnische Bauern aus ihren Dörfern verjagt wurden. Nach dem Zeugnis von
polnischen Überlebenden hat sich die Familie Köhler anständig verhalten. Die
Familie flüchtete vor der Roten Armee und landete in der Nähe des
sächsischen Leipzig. Als Köhler zehn Jahre alt war, flohen seine Eltern
schließlich erneut – vor der kommunistischen Diktatur. Viele Jahre
verbrachte Horst Köhler in Barackenlagern im Schwäbischen. Der Vater war
einfacher Arbeiter, die Mutter verdingte sich ebenfalls als Arbeiterin.
Köhler legte eine beachtliche Karriere hin. Er kam von ganz unten und wollte
immer weit nach oben. Das hat er biografisch mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder
gemeinsam, der als Sohn einer armen Kriegerwitwe frühzeitig an den Zäunen
des Bonner Kanzleramts rüttelte, um damit seinen von Willensstärke geprägten
Aufstieg zu symbolisieren. Köhler hat etwas Missionarisches, doch er ist
kein Geschichtsdeuter; er ist ein in der Sache engagierter Technokrat
geblieben. Aber seine gesamte Energie speist sich aus seinen frühen
jugendlichen Erfahrungen als Flüchtlingsjunge einer bäuerlichen Familie und
später eines Arbeiterhaushalts. Sein hart erkämpfter Aufstieg hat ihn
geprägt. Köhler ist gleichzeitig ein Patriot und ein Perfektionist, dabei
ein scheuer, im tiefsten Kern unsicherer Mann geblieben. Durch seinen Hang
zum Perfektionismus will er das überspielen.
Köhler wird an seinen Vorgängern gemessen. Er ist der neunte
Bundespräsident. Interessant: Von allen bisherigen Bundespräsidenten sind
acht – einschließlich des gegenwärtigen – protestantisch. Einzig der
Sauerländer Heinrich Lübke war katholisch. Und doch liegen zwischen dem
kargen Protestantismus eines Gustav Heinemann, der Noblesse des ehemaligen
Kirchentagspräsidenten Richard von Weizsäcker, dem bibelfesten, Skat
spielenden Johannes Rau und gar dem humorigen und trotzdem tiefgründigen
bayerischen Lutheraner Roman Herzog Welten. Der Staatsrechtler Karl
Carstens, der durch seine ausgiebigen Wanderungen quer durch Deutschland
hohe Sympathiewerte erringen konnte, repräsentierte trotz oder gerade wegen
seiner Volksnähe eine besondere Würde des Staates auf eine spezielle, recht
norddeutsche Weise. Wegen der konstitutionellen Schwäche des Amtes kommt es
auf die Überzeugungskraft des Präsidenten, kurz: auf seine Persönlichkeit
an.
Besondere Prägekraft hatte der erste Präsident der Bundesrepublik
Deutschland, der altliberale Schwabe Theodor Heuss, im Volksmund oft „Papa
Heuss“ genannt. Er amtierte zehn Jahre (zwei Amtsperioden) von 1949 bis
1959. Durch seine umfassende humanistische Bildung erwarb sich Heuss weite
Anerkennung im In- und Ausland.
Der zweite Bundespräsident, Heinrich Lübke (1959 bis
1969), der ebenfalls zwei Amtszeiten innehatte, war eine
Verlegenheitslösung, zumal er gegen Ende seiner um drei Monate verkürzten
Amtszeit immer mehr von Altersschwäche gekennzeichnet war, was zu
rhetorischen und in der Bevölkerung viel belächelten Missgriffen führte.
Doch man würde seiner Amtsführung nicht gerecht werden, wenn man ihn auf
Anekdoten reduzierte. Lübke war Anhänger einer Großen Koalition aus
Unionsparteien und SPD, weshalb ihn der SPD-Politiker Herbert Wehner zur
Wiederwahl als Bundespräsident vorschlug, womit symbolhaft die spätere Große
Koalition von 1966 bis 1969 aus CDU/CSU und SPD eingeleitet wurde.
Gustav Heinemann, von 1969 bis 1974 der dritte
Präsident, war das erste sozialdemokratische Staatsoberhaupt seit Friedrich
Ebert, dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik (1919 bis 1925).
Der einstige Christdemokrat, der wegen Adenauers Politik der
Wiederbewaffnung aus der CDU ausgetreten war, hatte zunächst eine eigene
Partei gegründet und landete später bei der SPD. Er war stark protestantisch
durchwirkt, erschien eher freudlos, empfand sich nie als klassischer
Genosse, sondern als ein Mann des Gewissens.
Walter Scheel, der vierte Präsident (1974 bis 1979),
war das genaue Gegenteil seines Vorgängers: Der Liberale zeigte sich als
eine rheinische, außerordentlich lebensbejahende Frohnatur, die heute noch
durch die von ihm besungene Schallplatte „Hoch auf dem gelben Wagen“ bekannt
ist.
Von 1979 bis 1984 amtierte Karl Carstens, ein
Verfassungsrechtler, einstiger Staatssekretär des Auswärtigen Amts und
späterer CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag. Seine Wahl
wurde als Anfang vom Ende der damaligen sozialliberalen Koalition
interpretiert – hatte damit eine politische Signalwirkung wie die Wahl von
Lübke als Vorbote der Großen Koalition und später von Heinemann und Scheel,
die eine rot-gelbe Koalition signalisierten.
Richard Freiherr von Weizsäcker amtierte als
Bundespräsident von 1984 bis 1994. Er war einst eine politische Entdeckung
des damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Helmut Kohl gewesen.
Sie überwarfen sich später heftig, was in den Staatsgeschäften manch
schwierige Konstellation mit sich brachte. Weizsäcker fiel in seiner
Amtsführung weniger durch kraftvolle Kompetenzansprüche auf, vielmehr nutzte
er seine verfassungsrechtlichen Möglichkeiten, etwa in der
Begnadigungspraxis gegenüber Terroristen – und durch heute legendäre Reden.
Seine wichtigste war zweifelsohne die Rede am 8.Mai 1985, vierzig Jahre nach
Ende des Zweiten Weltkriegs.
Sein Nachfolger Roman Herzog, ein bayerischer
Protestant, aus einfachen Verhältnissen stammend, renommierter
Staatsrechtler, Grundgesetzkommentator, war ebenfalls eine politische
Entdeckung Helmut Kohls. Er war, als er sein Amt im Juli 1994 antrat, der
erste gesamtdeutsch gewählte Präsident, dessen geistige Ausstrahlung mit
einem kräftigen Schuss scharfzüngigen Humors ergänzt wurde. In einer
„Ruck-Rede“ mahnte er kräftige Reformen in Deutschland an.
Köhlers Vorgänger Johannes Rau (1999 bis 2004) hatte
lange darauf hingewirkt, Bundespräsident zu werden. Der langjährige
Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen erkaufte sich seine
Amtsniederlegung in Düsseldorf durch die Zusage bei seinen Genossen, dass er
SPD-Kandidat in der folgenden Bundesversammlung zur Wahl des
Bundespräsidenten werde. Rau war in der Bevölkerung wegen seiner
menschlichen Art sehr beliebt.
Wie fügt sich nun Horst Köhler als neunter
Bundespräsident in die Galerie seiner Vorgänger ein? Der einzige, der kein
Abitur hatte, war Johannes Rau. Walter Scheel konnte wegen des Krieges seine
Banklehre nicht beenden und war nach dem Krieg Geschäftsführer in der
Industrie. Der studierte Jurist Richard von Weizsäcker war ebenfalls in der
Industrie tätig, unter anderem bei Boehringer in Ingelheim; zuvor war er
persönlich haftender Gesellschafter eines Bankhauses. Heinrich Lübke, der
vor dem Zweiten Weltkrieg an der damaligen Landwirtschaftlichen Akademie in
Bonn studierte, war als Geschäftsführer in verschiedenen bäuerlichen
Organisationen tätig, später arbeitete er als Vermessungsingenieur; er war
auch Minister in der Adenauer-Regierung. Theodor Heuss, der
Nationalökonomie, Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und
Staatswissenschaften studiert hatte, arbeitete als Journalist und
Wissenschaftler. Vier der acht Vorgänger Köhlers (Heinemann, Carstens, von
Weizsäcker und Herzog) waren Rechtswissenschaftler und brachten es in ihren
Berufen in höchste Staatsämter: Gustav Heinemann als Bundesminister des
Inneren und später der Justiz, der Rechtsprofessor Karl Carstens als
Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Richard von Weizsäcker als Regierender
Bürgermeister von Berlin. Roman Herzog kletterte als Präsident des
Bundesverfassungsgerichts die Karriereleiter sogar bis zum höchsten
Richteramt in der Bundesrepublik. Köhler ist von seiner Ausbildung her der
erste studierte Ökonom in der Riege der deutschen
Nachkriegs-Staatsoberhäupter – und der erste Nichtpolitiker.
Bei aller Unterschiedlichkeit der früheren Berufe der
Bundespräsidenten, alle entschieden sich, manche sogar sehr frühzeitig,
politisch aktiv zu werden. Und alle erwarben ein politisches Mandat – mit
Ausnahme von Köhler: Heuss war noch Mitglied des Deutschen Reichstags,
Heinrich Lübke war vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten Mitglied
des Preußischen Landtags, später nordrhein-westfälischer
Landtagsabgeordneter und dann Bundestagsabgeordneter. Walter Scheel war in
seiner Heimatstadt Solingen zunächst Stadtrat, ferner Landtagsabgeordneter
und dann Bundestagsabgeordneter, auch Bundesvorsitzender der FDP. Der
vormalige Bundesminister Gustav Heinemann, einstiges Mitglied des
nordrhein-westfälischen Landtags sowie des Deutschen Bundestags, war
Parteigründer der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP). Carstens kam spät in
die Parteipolitik, aber nachdem er 1972 in den Bundestag gewählt wurde,
wurde er bereits im Mai 1973 als Nachfolger Rainer Barzels Vorsitzender der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Richard von Weizsäcker kandidierte 1969 im
Wahlkreis Worms für den Deutschen Bundestag, später war er Regierender
Bürgermeister von Berlin. Roman Herzog war einige Zeit neben seiner
Ministertätigkeit in Baden-Württemberg auch Mitglied des Landtags im
Südweststaat. Parteipolitisch hat er sich vor allem im Evangelischen
Arbeitskreis der CDU/CSU hervorgetan. Rau war von früh an Berufspolitiker
und stieg in der Landespolitik bis zum Ministerpräsidenten von
Nordrhein-Westfalen auf. Der einzige Bundespräsident, der nie die Erfahrung
eines basisbezogenen kommunalen Landtags- oder Bundestagsmandats gemacht
hat, ist der Nichtparlamentarier Horst Köhler. Nicht einmal im
Studentenparlament war er gewesen. Den Wunsch, Ersatzmonarch zu sein,
erfüllt Köhler mit Lust. Doch Köhler hat kein Netzwerk in der Politik und
stellt sich mehr als alle seine Vorgänger demonstrativ über die Parteien und
die gesamte politische Klasse.
Mit Interesse wird zu sehen sein, ob Köhler wiedergewählt wird: Die nächste
Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten – hier handelt es sich um
ein Gremium, das aus allen Bundestagsabgeordneten und aus einer gleichen
Zahl von Landtagen entsandten Personen besteht – findet nur wenige Monate
vor den im Herbst 2009 stattfindenden regulären Bundestagswahlen in
Deutschland statt. Welche Signale wird die kommende Präsidentenwahl
aussenden? Wird Angela Merkel trotz der Großen Koalition wieder in
Westerwelle und der FDP ihren Wunschpartner finden? Wird sie trotz ihrer
Enttäuschung über Köhler und seiner brüsken Analyse der Politik der Großen
Koalition nicht an Köhler als Kandidaten festhalten müssen? Die Kanzlerin
wird ihre Entscheidung davon abhängig machen, ob er ihr noch einmal nutzt.
Und Westerwelle lobt bislang Köhler übermäßig. Wenn es die Zahlen in der
Bundesversammlung hergeben: Köhler wird für weitere fünf Jahre
Bundespräsident bleiben wollen. Es sei denn, er nimmt die unsichtbare Wand
doch noch zur Kenntnis, die ihn von der Politik trennt.
Artikel siehe auch:
http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=1828
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