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Cicero, Februar 2008
Eros und Macht
Von Gerd Langguth
Schon immer gehörte es zur Aura der
französischen Präsidenten, dass im Volk über ihre Affären mit einer gewissen
Bewunderung gemunkelt wurde. Sie stehen damit in der großen Tradition der
französischen Könige und ihrer Kurtisanen. Der erste, der seine Eroberung
öffentlich inszeniert, ist der jetzige Präsident Nicolas Sarkozy. Schon kurz
nach seiner Blitzscheidung streifte er mit einem landesweit bekannten Ex-Model
erst durch das Pariser Disneyland, um sie dann zu einem offiziellen Besuch in
Ägypten in einem Traumhotel am Nil öffentlich den angeregten
Fantasien seiner Bevölkerung preiszugeben. Die deutschen Politiker wirken da
doch im Blick auf ihr Liebesleben deutlich provinzieller. So hatte
Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer das freudlose Politikerleben in dem
Abgeordneten-Apartmenthaus der berühmten Berliner „Schlange“ – fröhlich mit der
Mitarbeiterin eines Kollegen – aufgehellt. Das Ganze endete zwar planmäßig
unplanmäßig mit Nachwuchs, wirkt aber mehr nach Komödienstadl als nach einer
Amour fou.
Etwas mehr Glamour verspricht da schon
der Wechsel des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff von seiner
Ehefrau zur blonden PR-Managerin eines führenden deutschen Reifenherstellers. Dem
Wahlkampf des liebevoll als Schwiegersohn aller niedersächsischen Mütter
bezeichneten Kandidaten scheint das eher Auftrieb zu geben. Diesen Affären fehlt
jene Dramatik, die 1936 den britischen König Edward VIII. wegen seiner Liebe zu
einer zweimal geschiedenen amerikanischen Bürgerin auf den Thron verzichten
ließ. Sex statt Krone: Diese Alternative gilt heute nicht mehr. Auch das
moralische Fallbeil ist eingerostet. Für moralisch hält die deutsche
Öffentlichkeit ihre Politiker schon lange nicht mehr. Insofern gilt das gesamte
Interesse der Frage: Wie geht der Ertappte mit der Situation um, und wie steht
es um die verlassene Ehefrau?
Dabei ist für Unterhaltung gesorgt. Ob
Telekom-Boss René Obermann der ZDF-Politik-Inquisitorin Maybrit Illner beim
Plausch nach dem Talk zu tief in die Augen schaute, oder ob der düpierte Günther
Oettinger über die "Bunte" von einem Porsche-Verkäufer erfahren musste, er habe ihm
die Frau ausgespannt: Stets ist der Voyeurismus groß und wird in allererster
Linie von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ heftig bedient. Auch die Wochenblätter
„Bunte“ und „Gala“ machen ausschließlich mit dem Klatsch der Promis Auflage.
Das Opfer der Boulevardpresse hat nur zwei Wahlmöglichkeiten: bis zur
Selbstentblößung mitzuspielen und dafür vom Blatt als Superpaar gefeiert zu
werden (wie bei Wulff) oder sich konsequent zu verweigern (wie Seehofer), um
dafür die Rache des Blattes im Nacken zu haben. Auch wenn der letztere Weg der
schwere ist, halte ich ihn aus Gründen der Selbstachtung für den richtigen. Im
Übrigen gilt: Wer einmal die Bild-Zeitung in sein Schlafzimmer lässt, wird sie
dort nie wieder los.
Die Zurückhaltung der Medien der frühen Jahre der Bundesrepublik ist gewichen.
Sie sind schamloser geworden. Schließlich muss man den knallharten
elektronischen Unterhaltungsangeboten mit einer knallharten Intimrecherche
Paroli bieten. Auf der anderen Seite ist auch die Öffentlichkeit abgehärteter:
Private Krisen sind nicht mehr das Karrieregift. Heute kann sich sogar eine
Landesbischöfin scheiden lassen – und mit Schröder hatten wir einen
„Audi-Kanzler“, wie die Öffentlichkeit spottete, weil er viermal geheiratet hat,
und sein Außenminister bringt es sogar auf die fünf olympischen Ehe-Ringe.
Dass Affären auch Gefahren für politische Amtsträger in sich bergen, zeigt der
Fall des EU-Kommissars Verheugen, den sein ungeklärtes Verhältnis zu seiner
Kabinettschefin kommissionsintern so
sehr schwächt, dass er jüngst eine Schlappe gegen EU-Umweltkommissar Dimas
einstecken musste.
Eines der ersten Opfer einer privaten Affäre war in der Bundesrepublik ein
Sozialdemokrat im sittenstrengen Hamburg, der damals 63-jährige Bürgermeister
Paul Nevermann. Frau Grete spielte 1963 bei einem die Herzen aller Westdeutschen
höher schlagen lassenden Ereignis nicht mehr mit: dem Besuch der britischen
Königin. Die „First Lady“ weigerte sich bei der königlichen Visite der
Hansestadt, an der Seite ihres Gatten die Honneurs zu machen: Ihr Mann möge sich
doch auch an dieser Stelle mit jener Frau zeigen – es handelte sich um eine
damals 42-jährige Ehefrau eines hannoverschen Industriellen –, bei der er
sowieso inzwischen die meiste Zeit verbringe. Schließlich musste die Gattin des
Zweiten Bürgermeisters die Pflichten einer Gastgeberin übernehmen. Die Genossen
sprachen von einer „drohenden Staatskrise“, und Nevermann trat bald zurück.
In Archiven nachzulesen ist, wie sehr
der damals für die Zeitschrift Jasmin schreibende Bonner Journalist Meinhard
Graf von Nayhauss-Cormons bei dem einstigen Superminister Karl Schiller Furcht
und Schrecken verbreiten konnte, als er 1971 den bis dahin zweimal verheirateten
SPD-Politiker mit der Oberregierungsrätin und Arzttochter Etta Eckel im Tessin
sichtete. Überstürzt, so hieß es damals, hastete das Pärchen nach Hannover in
Ettas Elternhaus – und von dort direkt zum Standesamt. „Wenn die Genossen in der
SPD von dem unkeuschen Beisammensein im Ausland schon erfahren mussten, noch
dazu aus der Regenbogenpresse, dann wollten Karl und Etta zu diesem Zeitpunkt
doch schon Mann und Frau sein“, notierte der Journalist Martin Bernstorf
süffisant.
Als Ex-Kanzler konnte Willy Brandt lange Zeit mit Bonner Tuscheleien leben,
berichtet wurde in den Medien nichts. Erst als seine zweite Frau Rut 1979 die
Scheidung einreichte, wurde aus der Trennung auch für die SPD ein echter
Skandal. Ausgerechnet in einem Leitartikel der seriösen „Frankfurter Allgemeinen
Zeitung“ wurden die ersten Spekulationen über Brandts Privatleben
veröffentlicht, hatte es doch, gemünzt auf einen möglichen Rückzug Brandts als
Parteivorsitzender, geheißen, er sei von der „Sehnsucht nach den Freuden einer
privaten, von der Öffentlichkeit abgesetzten Existenz“ und der „Überzeugung“
geprägt, „dass das Leben hienieden noch mehr oder jedenfalls noch anderes zu
bieten habe, gerade wenn die Jahre sich neigen.“ Brandt sollte alsbald seine
persönliche Mitarbeiterin Brigitte Seebacher heiraten.
Auch andere Ehen prominenter Sozialdemokraten scheiterten damals, so bereits
1971 die erste, 22 Jahre andauernde Ehe von Hans-Jochen Vogel oder des einstigen
SPD-Chefs Oskar Lafontaine, der seit 1993 in dritter Ehe verheiratet ist.
Die Säkularisierung hat auch eine christlich attributierte Partei erreicht. Bis
Ende der 60er-Jahre war eine Scheidung eines Christdemokraten fast so etwas wie
ein politischer Selbstmord, bei Sozialdemokraten wurde das eher weggesteckt. Als
sich 1993 Edmund Stoiber und Theo Waigel um das bayerische
Ministerpräsidentenamt stritten, wurde den Medien gesteckt, Waigel habe sich von
seiner Frau getrennt, lebe mit der Skirennläuferin und Medizinerin Irene Epple
zusammen.
Im Falle Seehofer wollten seine Gegner ebenfalls die Medien instrumentalisieren,
was schon weniger gelang. Bei seiner Kandidatur zum CSU-Vorsitzenden fuhr er ein
respektables Ergebnis im Kampf gegen Erwin Huber ein. Doch nicht die Vaterschaft
eines unehelichen Kindes kostete den Bayern den Parteivorsitz, sondern es war
sein über Wochen andauerndes Zaudern, weil dies alles andere als kraftvolles
Entscheiden signalisierte. Seitensprünge bayerischer Politiker – wer so was tut,
ist in der liberalitas bavariae eben ein „gestandener“ Mann – waren gleichwohl
immer schon respektiert, denkt man einmal an Franz Josef Strauß, der in New York
von zwei Prostituierten ausgeraubt wurde, was seiner politischen Karriere keinen
Abbruch tat. Der Fassaden-Hausputz führender Christdemokraten, um als treusorgender Familienvater zu erscheinen, war gelegentlich aufwendig. Es war
der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, der laut „Spiegel“
sagte: „Helmut, du musst das Zigeunerlager auflösen, samt der Marketenderin.“
Kohl wohnte vor seinem Einzug in den Kanzlerbungalow in einer Art
Wohngemeinschaft im Bonner Vorort Pech gemeinsam mit seinem Fahrer und seiner
Sekretärin und damaligen Vertrauten Juliane Weber.
Lange Abwesenheiten von den Familien und von
dem sozialen Umfeld etwa eines Wahlkreises führen leicht zu Anfechtungen in der
Ferne und der Fremde. Politiker strahlen häufig so etwas wie „Macht“ aus,
„Charisma“, werden „angehimmelt“. Wenn sie aufsteigen, empfinden manche
Politiker mehr Lust nach Glamour als ihnen die in der Provinz zurückgelassenen
Frauen noch zu bieten vermögen. Bei keinem Beruf werden persönliche Krisen oder
auch Fehlverhalten zugleich so sehr öffentlich gemacht.
Das früher geltende Scheidungsrecht hatte es den meist betrogenen Ehefrauen
nicht leichtgemacht, die Scheidung einzureichen. Sie waren mit dem Vorwurf
konfrontiert, die Karriere ihres Mannes auf dem Gewissen zu haben. Hinzu kam so
etwas wie eine soziale Deklassierung der verlassenen Ehefrau. Politikerfrauen
sind heute selbstbewusster.
In unserer Zeit der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile haben
wir es mit einem enormen Wertewandel zu tun. Nach
Allensbach-Langzeituntersuchungen waren in Westdeutschland 1953 noch 33 Prozent
davon überzeugt, Ehen sollten „unlösbar“ sein, 1996 waren es gerade noch einmal
3 Prozent. „Möglichst leichtgemacht“ soll die Scheidung nach Überzeugung von 31
Prozent (in Ostdeutschland sogar von 40 Prozent) werden, 1953 sagten dies in
Westdeutschland lediglich 13 Prozent. Inzwischen scheitert etwa jede dritte Ehe.
Eine Politiker-Scheidungsstatistik gibt es nicht. Aber warum soll eine solche
Zeiterscheinung an Politikerehen vorbeigehen?
Die Öffentlichkeit interessiert nicht mehr in erster Linie, ob geschieden wird,
sondern wie geschieden wird. Für viele Bürger ist etwa die heile Familienwelt
einer Ursula von der Leyen mit ihren sieben Kindern und ihrer Fähigkeit,
Politikerberuf und Ehefrau und Mutter unter einen Hut zu bringen, ziemlich
außergewöhnlich, manchen sogar unheimlich. Des Kanzlerkandidaten Stoibers
Hinweis, er sei „seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet“, wirkte eher
altbacken und Schröder mit seinen Lebensabschnittsgefährtinnen moderner.
Hingegen scheinen gescheiterte Beziehungen, Brüche in der Vita, glaubwürdig und
„interessant“ zu machen. Wir leben zudem in einer Zeit, in der manche Politiker
freiwillig das Private politisch werden lassen: Ein planschender Minister mit
seiner späteren Ehefrau entsprach ungewollt einer Tendenz zum Exhibitionismus.
Sichtbar wird das in den Darlegungen etwa der ersten pubertären Erlebnisse in
den Wowereit-Memoiren. Intime Darlegungen scheinen vielen zeitgerecht. Ob es
aber der Würde des Amtes entspricht?
Wer aber heile Welt lediglich vorzuspiegeln versucht, kann heute leicht ertappt
werden. Angela Merkel versteht es hingegen sehr gut, ihr zeitlich stark
reduziertes Privatleben vor der Öffentlichkeit zu schützen. Politiker müssen
selber vorleben, dass es noch einen Privatbereich gibt, der für die
Öffentlichkeit tabu ist. In diesem Sinne sollten sie Vorbild sein. In ihrem
eigenen Interesse.
Gerd Langguth ist Autor einer Biografie über Angela Merkel und Horst Köhler,
unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn, war
Bundestagsabgeordneter und Mitglied des CDU-Bundesvorstandes.
(Hinweis: Aus Gründen der
Lesbarkeit wurde für die Online-Version eine andere Absatzfolge als im "cicero"-Originalartikel
gewählt.)
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