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aus: CICERO, März 2008

So harmlos war er nicht
 

von Gerd Langguth

Das Gedächtnis, ein Sieb. 1968, eine Jahreszahl, in der sich das Imaginäre eingenistet hat

"Das Gedächtnis, ein Sieb. 1968, eine Jahreszahl, in der sich das Imaginäre eingenistet hat.“ So beginnt Hans Magnus Enzensberger seine „Erinnerungen an einen Tumult – zu einem Tagebuch aus dem Jahre 1968“. Ja, das Gedächtnis! Enzensberger will sich nur ungern auf „1968“ einlassen. Die Diskussion darüber hängt ihm „schon lange zum Halse heraus“, teilt er im Cicero-Interview mit. Der Georg-Büchner-Preisträger redet seine Rolle zur Zeit der 68er-Revolte ziemlich schön. Und er stellt seine Rolle und seine Haltung zum Konzept Stadtguerilla falsch dar.


„1968“ ist Enzensberger irgendwie unangenehm. Heute bezweifelt er sogar, ob er je ein „richtiger Linker“ gewesen ist. Seine Rolle in jener Zeit will er unter Hinweis auf die Ethnologie als „teilnehmende Beobachtung“ einordnen, wie auch jüngst im Nouvel Observateur geschehen: „In genau dieser Haltung war ich in der Bewegung dabei. Ich war Beobachter.“ Er sei „immer eher im Hintergrund“ gewesen, wie er heute zu sagen pflegt. Enzensberger war aber nicht nur ein freischwebender Intellektueller. Er war auch ein Agitator, der illegale Aktionen befürwortete. In einem Interview mit der kubanischen Kulturzeitschrift Casa de Las Américas hub er so im Spätsommer 1969 die „allgemeine Bewusstseinsentwicklung“ in Europa durch Revolutionsbewegungen in China und Vietnam, in Algerien und Kuba hervor, pries den enormen Einfluss des Denkens und des Kampfes von Che Guevara. Schließlich: „Gegenwärtig veranschaulicht uns eine Organisation wie die Tupamaros in Uruguay Formen des Kampfes, die direkt auf Europa angewandt werden können und müssen.“ Das sind eindeutige Worte.

 
Dass Enzensberger den Guerilla-Kampf propagierte, kann man aus dem „Kursbogen“ im Kursbuch 1970 ersehen. Die Hauptschlagzeile lautete: „Neue Strategie – Stadtguerilla“. Das konnte damals geradezu als Aufforderung verstanden werden. Bekannt ist ja, dass die Tupamaros versucht haben, mit populären Gewalttaten eine Revolution herbeizuführen. Sie haben auch Banken überfallen. Nota bene: 1969 haben sich in Deutschland zwei Tupamaro-Gruppen in Berlin und München gebildet. So entstanden die Tupamaros München (TM) mit Fritz Teufel und Brigitte Mohnhaupt und die Tupamaros Westberlin (TW) aus einem Teil der „umherschweifenden Haschrebellen“. Als „Revolutionsagitator“ ordnet der RAF-Kenner Willi Winkler Enzensberger ein. Im Zusammenhang mit dem „Kursbogen“ werde „unmissverständlich deutlich“, dass der Lyriker und Essayist Enzensberger „ein intellektueller Sympathisant des bewaffneten Kampfes geworden sein muss“, so der Extremismusforscher Wolfgang Kraushaar. Günter Grass schließlich zu diesem „Kursbogen“: Enzensberger trage „auch ein Stück Verantwortung, das auf ihm liegt“.
In den „Berliner Seiten“ der Zeitschrift konkret wurde 1969 offen zur Gewalt aufgerufen. Zum Autorenkollektiv gehörten neben Enzensberger Bahman Nirumand, Peter Schneider und zunächst auch Rudi Dutschke. Enzensberger war Anlaufpunkt unmittelbar nach der Gefangenenbefreiung Baaders im Mai 1970. In einem 1972 erschienenen „Baader-Meinhof-Report“ wird behauptet, dass sich 1970 Meinhof und Baader direkt nach einem Banküberfall in Berlin-Friedenau im Hause Enzensbergers umgezogen haben, wo sie auch eine Geldtasche zurückgelassen haben sollen. Als Baader diese randvoll mit Scheinen gefüllte Tasche öffnete, soll sich Enzensberger jeden weiteren Besuch verbeten haben.


Die einstige fundamentale Systemopposition Enzensberger wird aus einem Text von 1968 im Times Literary Supplement sichtbar: „Tatsächlich sind wir heute nicht mit dem Kommunismus konfrontiert, sondern der Revolution. Das politische System in der Bundesrepublik lässt sich nicht mehr reparieren. Wir können ihm zustimmen, oder wir müssen es durch ein neues System ersetzen.“ Diese wirkmächtige Radikalität setzte sich in allen seinen damaligen Schriften fort. Enzensberger hatte 1965 das „Kursbuch“ als intellektuelles Leitorgan der Revolte gegründet und verfügte über ein ziemlich sicheres Gespür für eine heraufkommende Stimmung, die er nicht nur analysiert und später literarisch verarbeitet, sondern sie selbst aktiv mit herbeigeschrieben hat. In „Berliner Gemeinplätze“ (1968) etwa hat Enzensberger eine Verbindung von legalen und illegalen Mitteln gefordert. Er lässt schon frühzeitig seine Sympathie für „eine Handvoll Guerillas, die im Hochland von Bolivien operieren“, erkennen. Sie seien „ein Phänomen, das die ganze Welt angeht.“ Dem Grundgesetz der Bonner Demokratie attestiert er: „Die Verfassung selber ist staatsgefährdend.“ Die Gewalt gehe nicht vom Volke, sondern vom „Staatsapparat“ aus. „Jeder Streit darüber, ob die System­opposition sich direkter oder indirekter, legaler oder illegaler, gewaltloser oder gewaltsamer Methoden zu bedienen hat, ist überflüssig.“ Die Taktik der Systemopposition müsse gerade darin bestehen, die Spielregeln infrage zu stellen. „Sie muss an den Grenzen der Legalität operieren und diese Grenzen ständig nach beiden Richtungen überschreiten.“ Harmlos sind solche Aussagen nicht.
 

Seine Sympathie galt damals dem Anarchismus, mit dem er sich auch literarisch beschäftigte. In seinem 1972 erschienenen Roman „Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod“ hat er den spanischen Anarchismus der dreißiger Jahre verarbeitet. In „Politik und Verbrechen“ (1964) und weiteren Schriften hat er sich mit dem russischen Anarchismus beschäftigt. 1980 hat er ein Nachwort zu einem Nachdruck des Buches „Revolutionäre Kriegswissenschaft“ des 1906 in Cincinnati verstorbenen deutschen Terroristen und Anarcho-Syndikalisten Johann Most geschrieben. Im „Kursbuch“ finden sich zahlreiche Analysen zur Landguerilla in Lateinamerika. Fidel Castro wird mehrfach das Wort gegeben.
 

Die nordamerikanischen und westeuropäischen linksradikalen Revolutionäre bezogen sich auf die erfolgreiche Revolution 1959 in Kuba. Von diesem Inselstaat ausgehend, dann in Bolivien und in anderen Ländern, hat Che Guevara das Konzept der Landguerilla entwickelt, das die Tupamaros in Montevideo in das Konzept der Stadtguerilla umgewandelt haben und Marighella in Brasilien umsetzte. Enzensberger hatte 1967 eine Einladung zu einem Fellowship am Center for Advanced Studies an der Wesleyan University zu einem achtmonatigen Aufenthalt in Connecticut angenommen. Doch nach drei Monaten kam es zu einem Eklat, als er mitteilte, er wolle mit seiner Frau – seine erste Frau Dagrun und sein Bruder Ulrich hatten sich für die „Kommune I“ entschieden – nach Kuba reisen und dort leben. Enzensberger-Biograf Jörg Lau beschreibt die Begeisterung Enzensbergers für diesen Inselstaat: „Dies ist endlich ein Land mit Palmen, unter denen einem das Schimpfen über die Heimat vergeht. Kuba – das ist das ganz andere: ein Sozialismus im Eigenbau, unter besten Wetterbedingungen und mit freundlichen entspannten Menschen.“ Hier sei die Revolution ohne die russischen Panzer gemacht worden. Enzensbergers Illusionen zum Fidelismus hielten dann doch seinen eigenen Vor-Ort-Wahrnehmungen nicht stand.
 

Er war nicht nur ein wichtiger Stichwortgeber für die extreme und gewaltbereite Linke, sondern er hat das Konzept Stadtguerilla selbst propagiert und unterstützt. Heute bestreitet er jede Mitverantwortung, etwa für den Terrorismus: „Ich habe einige der Beteiligten ganz gut gekannt. Einmal wollten sie mich sogar rekrutieren. Ich fand ihre politische Analyse völlig abwegig, und deshalb hat es mich nicht gewundert, dass sie bald in eine Spirale des Wahns geraten sind.“ In seinem Haus haben sich „die verschiedenen Fraktionen“ der radikalen Linken „gestritten“. Wie kaum ein anderer Schriftsteller kannte er den sich herausbildenden harten Kern der Terroristen sehr gut. Was hat aber Enzensberger getan, um in seinen Publikationen frühzeitig vor den Verirrungen eines Terrorismus zu warnen? Durch seine klare Befürwortung des Stadtguerilla-Konzepts hat er vielmehr seinen Beitrag zur Enttabuisierung von Gewalt geleistet.
 

Er sei damals „Marxist“ gewesen und führt heute zu seiner Entlastung an, er sei sehr viel älter als die 68er. Damit suggeriert er eine gewisse Distanz. Mit seiner Unterstützung revolutionärer Bewegungen stand Enzensberger im Gegensatz zu den meisten Intellektuellen seiner Generation – etwa Habermas, der von einer „Scheinrevolution“ sprach, sogar in einer Auseinandersetzung mit Dutschke den Begriff des „linken Faschismus“ prägte.
 

Sicher versteht sich Enzensberger heute als Seismograf, der die Erdbeben nur gemessen, nicht aber selber herbeigeführt hat. Denn er immunisiert sich heute mit dem Hinweis, er sei nicht dafür verantwortlich, was seine Leser mit seinen Texten anfingen. Er hat aber gewusst, welche Wirkungen seine Texte entfalten konnten („Ich habe diese Wirkung in gewissen Grenzen vorhergesehen.“) und redet sich heute mit seinem Hinweis heraus: „Man macht nicht zweimal dieselbe Revolution.“
Manche werfen Enzensberger vor, er habe schnell die Fronten gewechselt – aber wann? Noch 1970 hat Enzensberger in einem Kommentar zu seinem geschriebenen Gedicht „bildzeitung“ im zeitlichen Vergleich zu 1955 gesagt: „Als wir zwölf Jahre später auf die Straße gingen, waren wir immer noch schwach, aber keine Einzelnen mehr, und wir hatten keine Gedichtbände in der Hand, sondern Analysen und Steine. Das Gedicht ist überflüssig geworden. Umso besser für das Gedicht.“ Ist das eine Absage an das Werfen von Steinen? Die lauten Töne, die Enzensberger einst zur Propagierung der Stadtguerilla von sich gab, wichen einer nur leise vorgenommenen Korrektur. Sein Buch „Der Untergang der Titanic“ (1978) etwa kann metaphorisch als Untergang des revolutionären Projektes in Westeuropa verstanden werden.
 

Enzensberger sei ein „Außenseiter jener erregten Zeiten“ gewesen; und „dass er nicht wirklich dazugehörte, kann von niemandem bestritten werden, der Zeuge jener Vorgänge war“. Das schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Anschluss an den Nouvel Observateur-Aufsatz Enzensbergers. Die Faktenlage widerspricht dem. In jener Umbruchzeit der Bundesrepublik spielten die Schriftsteller in der bundesdeutschen Debatte eine sehr viel größere Rolle als heute. Enzensberger ist heute seine Stadtguerillaphase peinlich. Sie ist eine verirrte Phase des großen Schriftstellers.