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Bundeszentrale für politische Bildung,
Internetauftritt, 3. September 2007
http://www.bpb.de/themen/MS8JXX.html  
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Dossier RAF
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Die
68er Bewegung
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Interview mit Prof. Gerd Langguth |
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Wogegen richteten sich die Studentenproteste? Und wie
konnte es überhaupt zu dieser Jugendrevolte kommen, galt die Jugend doch
damals eher als unpolitisch und anpassungswillig?
In der Tat kam die Studentenrevolte ziemlich eruptiv. Der
Jugendsoziologe und spätere Kultusminister Ludwig von Friedeburg hatte
noch 1965 in einer wissenschaftlichen Schrift behauptet, die junge
Generation werde "nie revolutionär, in flammender, kollektiver
Leidenschaft auf die Dinge reagieren". Sein Kollege Schelsky hatte zwei
Jahre zuvor noch erklärt, dass die Studenten "kaum mehr ein Ferment
produktiver Unruhe darstellten". Zunächst sollte präzisiert werden, dass
es sich bei der 68er Revolte nicht um eine generelle politische
Jugendrevolte handelte, sondern eher um eine Revolte von Oberschülern
und vor allem von Studenten. |
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Die Studentenrevolte nahm in Deutschland ihren Ausgang
von West-Berlin. Es kam 1965 an der Berliner Freien Universität zu einem
Ereignis, das aus heutiger Sicht nahezu grotesk anmutet, weil heute klar
wäre, dass ein Verbot von Veranstaltungen innerhalb der Universität nur
zu Solidarisierung führt. Genau das aber geschah, als der FU-Rektor am
7. Mai 1965 die Teilnahme des Schriftstellers Erich Kuby an einer
Podiumsdiskussion an der FU durch Hausverbot verhindern wollte. Dieser
hatte sich zuvor kritisch zur FU geäußert. Daraufhin demonstrierten –
ähnlich der "Free Speach Movement" in den USA - etwa fünfhundert
Studenten für das demokratische Anliegen einer Redeerlaubnis. Zweifellos
waren die Hochschulen damals "verstaubt".
Es handelte sich allerdings keineswegs um eine "unpolitischen Zeit", im
Gegenteil! Deutschland war im Fadenkreuz des Ost-West-Konfliktes und
hier insbesondere die geteilte Stadt Berlin. Hier prallten die
Gegensätze zwischen Ost und West besonders aufeinander, hier hatten
beispielsweise Proteste gegen den militärischen Einsatz der USA in
Vietnam deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie sich auch gegen die
amerikanische Schutzmacht in Berlin richteten. Dies führte zu einer
Polarisierung zwischen großen Teilen der Bevölkerung, die um die
Tatsache wusste, dass es den Amerikanern in den beiden Berlinkrisen die
Überlebensfähigkeit des westlichen Stadtteils zu verdanken hatte.
Hingegen war die häufig aus Westdeutschland zugezogene Studentenschaft –
in West-Berlin galt für sie nicht die Wehrpflicht - sehr viel kritischer
zu den USA eingestellt.
Es herrschte damals zudem bei weiten Teilen der jungen Generation ein
tiefes Misstrauen gegen den Staat, das insbesondere durch die damalige
Große Koalition der Jahre 1966 bis 1969 forciert worden war. Da etwa
neunzig Prozent der Parlamentarier im Deutschen Bundestag die
Regierungsparteien repräsentierten, also nur eine
Zehn-Prozent-Opposition der FDP vorhanden war, kritisierten viele, dass
eine effektive demokratische Kontrolle nicht möglich wäre. Der
politische Protest der damals linksorientierten Studenten und weiterer
Personen richtete sich vor allem gegen die Notstandsgesetze, die als so
genannte "NS-Gesetze" polemisch attackiert worden waren. Es wurde der
Vorwurf erhoben, mit diesen von der Union und SPD im Bundestag
durchgesetzten Gesetzen wäre ein Weg zurück zum "Faschismus" geebnet.
Wenn auch immer wieder die Studentenrevolte mit der (Nach-)Adenauer-Ära
in Verbindung gebracht wird, so sollte doch darauf hingewiesen werden,
dass die Studentenrevolte interessanterweise in einem damals mit großer
Mehrheit von der SPD regierten Bundesland Berlin ausgebrochen war. Die
Studentenrevolte war am Anfang so etwas wie ein vager Protest eigentlich
gegen alles.
In der geschichtlichen Nachbetrachtung kann jedoch konstatiert werden,
dass die Studentenrevolte eigentlich gar nicht so überraschend gekommen
war. Grob gesprochen muss nämlich zwischen drei Phasen unterschieden
werden: den Vorläuferbewegungen, dem Brennpunkt "1968" und schließlich
der Zerfallsphase, also einer Diffusionsphase in die Gesellschaft
hinein. Hinsichtlich der Vorläuferbewegungen kann konstatiert werden,
dass es schon in den frühen Jahren der Bundesrepublik immer wieder zu
Kundgebungen oder Unruhen kam. Zu nennen ist beispielsweise die "Ohne-mich"-Bewegung
in den fünfziger Jahren, die gegen die Westintegration der
Bundesrepublik und gegen die Wiederbewaffnung Front machte. Auch das
Phänomen der "Halbstarken" um 1958 oder die "Schwabinger Krawalle" vom
Juni 1962 seien angeführt. Während der Oberbürgermeisterschaft
Hans-Jochen Vogels versuchte die Münchner Polizei , zwei
Straßenmusikanten wegen "ruhestörenden Lärms" festzunehmen. 1960 setzten
die "Ostermärsche" gegen die Stationierung von Atomwaffen in der
Bundesrepublik Deutschland ein. Diese Beispiele zeigen, dass auch in der
"Adenauer-Ära" Protestaktivitäten und Jugendrebellionen vorkamen.
Hinsichtlich der Ursachen muss darauf hingewiesen werden, dass jene Zeit
zwei Umbrüche hatte, nämlich einen kulturellen Umbruch und einen
politischen Umbruch. Der kulturelle Umbruch ging jedoch der
Studentenrevolte um mehrere Jahre voraus, was meist nicht beachtet wird:
Er fand bereits in den sechziger Jahren statt und begann vor allem im
Bereich der Musik und der Lebensstile. Beispielsweise fand das letzte
Lifekonzert der Beatles, die seinerzeit die Musik revolutionierten, im
Jahre 1966 statt. Auch die sogenannte sexuelle Revolution wurde damals
durch die Anti-Baby-Pille und nicht zuletzt durch Aufklärungsserien
eines Oswald Kolle stark forciert. Der kulturelle Umbruch setzte also
sehr viel früher ein und war nicht das Ergebnis der Studentenrevolte,
sondern umgekehrt auch der Humusboden für den politischen Protest. |
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Wie kam es zu einer Ausweitung der Proteste über die
Studentenszene hinaus? Anders gefragt: Wie wurde aus der
Studentenbewegung eine Jugendrevolte?
Zunächst muss angezweifelt werden, dass es sich bei der Studentenrevolte
generell um eine Jugendrevolte handelte. Hinsichtlich der politischen
Dimension der damaligen Revolte war sie auf Oberschüler und Studenten
konzentriert, also der sogenannten "jungen Intelligenzschicht". Sieht
man von relativ wenigen Einzelpersonen ab, war diese Revolte in ihren
politischen Dimensionen keinesfalls bei den jungen Arbeitnehmern
angekommen; im Gegenteil herrschte dort eher eine Ablehnung vor. Die
bereits angesprochenen kulturellen Umbrüche haben allerdings die gesamte
junge Generation erreicht, also auch die nichtakademische Jugend.
Höchstens insoweit könnte man generell von einer Jugendrevolte sprechen.
Die Studentenbewegung hatte sich am Anfang zunächst nur auf rein
hochschulpolitische Themen bezogen, die Ausweitung fand dann durch den
Kampf gegen die Notstandsgesetze und gegen das Engagement des
US-Einsatzes in Vietnam statt. Dass die Ausweitung der Studentenrevolte
über Berlin hinausging, hatte unter anderem auch mit einem damals neuen
Phänomen zu tun, der Einführung des Fernsehens. Interessant ist auch die
internationale parallele Entwicklung der Studentenrevolte in den USA,
Westeuropa und Japan (mit jeweils unterschiedlichem nationalem Kontext).
Der SDS entwickelte deshalb eine solche Sprengkraft, weil er dem
utopischen Grundbedürfnis seiner Anhänger und eines Großteils der
damaligen Studentenschaft entsprach. "Ja, der biblische Garten Eden ist
die phantastische Erfindung des uralten Traums der Menschheit. Aber noch
nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Realisierung so groß",
erklärte beispielsweise Rudi Dutschke in einem Interview. Dutschkes
charismatische Ausstrahlungskraft spielte eine große Rolle.
Dutschke bemühte sich, einen Prozess der "organisierten
Verweigerungs-Revolution" einzuleiten. Er faszinierte auch wegen seiner
Elitetheorie, da nach seiner Überzeugung das eigentliche revolutionäre
Subjekt, das Industrieproletariat, so manipuliert sei, dass es für eine
sozialistische Politik nicht mehr mobilisierbar, auch nicht in der Lage
sei, seine eigenen sozialen und politischen Interessen zu erkennen. Er
vertrat deshalb eine Elitetheorie, dass nur Studenten und Intellektuelle
und marginalisierte Randgruppen als sozial freigesetzte Wesen in der
Lage seien, den revolutionären Kampf gegen "Unterdrückung" und
"Ausbeutung" zu führen. Allerdings war diese Position innerhalb der
studentischen Linken nicht unumstritten.
Die Bewegung des SDS war jedoch zunehmend gegen die parlamentarische
Grundordnung der Bundesrepublik ausgerichtet. "Ich halte das
parlamentarische System für unbrauchbar", hatte beispielsweise Dutschke
erklärt. Der SDS hatte zunehmend eine antiparlamentarische Konzeption
entwickelt, die stark von rätedemokratischen Grundvorstellungen geprägt
war. Die parlamentarische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland wurde
als "die aufgepappte Fassade eine autoritären Systems" bezeichnet. Der
im SDS vorherrschende Antiparlamentarismus führte sogar zu der Idee,
ganz West-Berlin in eine Räte-Demokratie umzuwandeln.
Die Protestbewegung konnte nicht nur politisch, sondern musste auch
sozialpsychologisch gedeutet werden. Einer der schärfsten
intellektuellen Kritiker der 68´-Revolte war der renommierte
Politikwissenschaftler Richard Löwenthal, Mitglied der SPD und in seiner
Jugend überzeugter Kommunist: "Die kämpferische Haltung der jungen
deutschen Intellektuellen von heute, ihre radikale Kritik an der
modernen Industriegesellschaft entwickeln sich, (…) auf dem Boden eines
nur allzu deutlich durchscheinenden Kulturpessimismus. Hinter der
Erneuerung der radikalen Utopien wird eine Grundstimmung von
Verzweiflung erkennbar, hinter der Glaubenssehnsucht nicht selten ein
Nihilismus, dem die humanistischen Werte unserer Zivilisation als bloße
Heuchelei erscheinen." Auch Jürgen Habermas unterstrich die
Notwendigkeit einer sozialpsychologischen Erklärung: "Das Potential der
Unzufriedenheit ginge "nicht aus ökonomischer, sondern aus einem
psychologisch bedingten Unbehagen an der Kultur" hervor.
Warum lösten der Tod Benno Ohnesorgs sowie das Attentat
auf Rudi Dutschke eine solche Radikalisierung der Proteste aus?
Vielleicht wäre es ohne den Tod Benno Ohnesorgs nicht zu einer solchen
bundesweiten Mobilisierung gekommen. Natürlich ist jeder Tod und jedes
Attentat ein bestürzendes Ereignis, das zudem in einer Zeit stattfand,
in der ein erheblicher Teil der jungen Akademiker dem Staat misstraute.
In dieser Zeit hatte auch ein Teil der bürgerlichen Elite, die sich
durch ihre Mitwirkung im Nationalsozialismus innerlich schuldig fühlte,
wenig Selbstvertrauen und konnte teilweise der Studentenrevolte wenig
entgegensetzen. Der Tod Benno Ohnesorgs wurde auch von den Aktionisten
der linken Szene als Instrument der Politisierung genutzt. Sehr bald
kamen auch Aktionen auf, die zu gewaltsamen Auseinandersetzungen
führten. In diesem Zusammenhang hatte ja Habermas das berühmte Wort vom
"linken Faschismus" gefunden und die "Gewaltrhetorik" gegeißelt.
Warum verebbten die Studentenproteste nach ihrem
Höhepunkt während der Osterunruhen auch wieder so schnell, wie sie
gekommen waren?
Die Studentenproteste verebbten deshalb wieder so schnell, weil
spätestens nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze die gemeinsame
Gegnerschaft zu einem alle Protestler integrierenden Ziel erloschen war
und weil die Bewegung überwiegend erfolglos blieb. Solange sich eine
Bewegung vor allem gegen etwas richtet, kann sie eine große
Integrationsfähigkeit entwickeln. Wenn sie allerdings gezwungen wird,
die "positiven" Ziele der eigenen Bewegung zu benennen, kamen die
Unterschiede zum Vorschein. Die der Protestbewegung schon inhärenten
verschiedenen Linien zeigten sich in den folgenden Jahren:
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1. Die
Anhänger linksliberaler und "systemüberwindender" Reformen
Hier handelt es um jene vor allem linksliberale Angehörige der
Studentenrevolte, die Gewalt ablehnten. Sie wollten sich im
vorhandenen politischen System zurecht finden. In besonderer Weise
radikalisierten sich damals die Jungsozialisten als Jugendorganisation
der SPD nach der Auflösung des SDS im Jahre 1970 mit ihrem Konzept der
systemüberwindenden Reformen.
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2.
Undogmatische Linke/Unabhängige Sozialisten
Hierzu gehörte vor allem das 1969 gegründete "Sozialistische Büro" in
Offenbach, das sich selber in die Tradition der Protestbewegung
stellte und sich als eine Sammlungsbewegung aus verschiedenen
Strömungen empfand, nämlich Mitwirkende aus Kampagnen der fünfziger
und sechziger Jahre, wie zum Beispiel "Kampf dem Atomtod",
"Ostermarschbewegung" und so weiter zu integrieren, auch Aktivisten
aus dem SDS.
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3.
SED-orientierte Organisationen
Schon immer hatte es eine so genannte "KP-Fraktion" innerhalb des SDS
gegeben. Zum Beispiel war Ulrike Meinhof Mitglied der illegalen KPD
gewesen. Insbesondere die Gründung des Marxistischen Studentenbundes (MSB)
Spartakus im Mai 1971 sollte dazu führen, dass immer mehr
Studentenregierungen (Allgemeine Studentenausschüsse) von MSB
Spartakus und dem Sozialistischen Hochschulbund (SHB) geführt wurden.
Der einst sich "sozialdemokratisch" nennende SHB hatte sich von der
SPD entfernt und sich auf die DKP zubewegt.
-
4.
Dogmatische "K-Gruppen"
Hier handelt es sich vor allem maoistische/stalinistische Parteien,
wie etwa die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), Kommunistische
Partei Deutschlands (Marxisten/Leninisten), den Kommunistischen Bund
Westdeutschland (KBW), den Bund Westdeutscher Kommunisten (BWK), die
Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), u.a. Diese
"K-Gruppen" verfügten auch über zahlreiche Unterorganisationen
"Zentralorgane" und Zeitschriften. Sie waren außerordentlich straff
organisierte Kaderorganisationen mit vielen Tausend Mitgliedern.
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5.
Trotzkismus
Diese Tendenz hatte durchaus einen intellektuellen Einfluss auf große
Teile der linken Intelligenz, weil der Trotzkismus den Bürokratismus
des real existierenden Sozialismus kritisierte. Die trotzkistischen
Gruppen blieben in Deutschland jedoch relativ unbedeutend.
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6.
Aussteigertum in einer Subkultur/Alternativkultur
Es entstand eine Subkultur-Bewegung, die es schon im Zusammenhang mit
der Studentenrevolte gegeben hatte. Sie hatte stark libertäre
Tendenzen. Gefordert wurde der Aufbau eines Gegenmilieus, zum Beispiel
durch Kommunen, eine Politisierung von Rockern wurde angestrebt, der
Genuss von Drogen zur "Bewusstseinserweiterung" wurde propagiert, die
Entwicklung eines konsumkritischen Lebensstils war besonders wichtig.
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7.
Anarchisten
In der Studentenrevolte gab es zahlreiche kleine anarchistische
Gruppen, die sehr zersplittert waren, von denen einige für gewaltsame
Aktionen offen waren, andere hingegen für eine gewaltfreie Revolution
plädierten. Als Anarchisten lehnten sie alle Herrschaftslehren und
alle Herrschaft ab und "wollten das Selbstbewusstsein und die
Selbstbestimmung der im Kapitalismus verführten und betrogenen Massen"
für ihren politischen Kampf instrumentalisieren.
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8.
Spontis, Basisgruppen, Autonome
Damals entstanden an den Hochschulen flächendeckend "Sponti"-Gruppen,
die sich nicht an einer Parteibildung orientierten, anarchistische
Vorstellungen vertraten, vor allem aber im Rahmen beispielsweise ihres
"Häuserkampfes" vor gewaltsamen Aktivitäten nicht zurückschreckten,
wozu etwa der Revolutionäre Kampf in Frankfurt mit Joseph ("Joschka")
Fischer als wichtigen "Sponti" gehörte. Damals entstanden auch
"autonome" Gruppen, die es heute noch in abgewandelter Form (siehe
z.B. ihre Aktionen gegen Großereignisse wie Weltwirtschaftsgipfel der
G8-Staaten in Heiligendamm) gibt.
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9.
Terrorismus
Auch hier gab es verschiedene Gruppen wie die Tupamaros in West-Berlin
und München, die Rote Armee Fraktion, das Sozialistische
Patientenkollektiv, die Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen;
genannt werden müssen auch legale Unterstützerorganisationen wie die
Rote und Schwarze Hilfe.
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Welche Verbindungs- oder Berührungslinien gab es zwischen
der Studentenbewegung, der APO und der späteren RAF? Gab es gemeinsame
Ideologien?
Schon früh setzte in der Studentenbewegung die Argumentation ein, dass
die von der studentischen Bewegung ausgeübte Gewalt lediglich
Gegengewalt zur Gewalt der Herrschenden gewesen sei. Es wurde über
"befreiende" und "reaktionäre" Gewalt diskutiert, wobei letztere von
Seiten des Staates komme. Gerade die immer mehr einsetzende
Unterscheidung zwischen einer Gewalt gegen Sachen und der Gewalt gegen
Personen führte nicht nur zu einer zunehmenden Erosion rechtsstaatlichen
Denkens, sondern insgesamt zu einer Enttabuisierung der Gewalt.
Berühmt wurden die Steinwürfe am "Tegeler Weg" in Berlin am 4. November
1968, als ein SDS-Sprecher erklärte, die Steinwürfe seien berechtigter
Widerstand, man dürfe sich der Willkür des Staatsapparates nicht beugen.
Damals sprach Jürgen Habermas davon, dass sich seit diesen Steinwürfen
"die Gewaltrhetorik der Ostertage in eine Taktik des begrenzten
Vandalismus umgesetzt" habe. Selbst Joseph ("Joschka") Fischer erklärte
in der Bundestagsdebatte am 17. Januar 2001: "Ich war damals kein
Demokrat, sondern Revolutionär."
Die ganz überwiegende Mehrheit der an der Protestbewegung Beteiligten
wollte keine Gewalt. Vielfach wird der Beginn des deutschen Terrorismus
auf das Jahr 1970 gelegt, als am 14. Mai 1970 Baader aus dem Leseraum
des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin-Dahlem durch
Ensslin, Meinhof und andere befreit wurde. Aber tatsächlich hatte es
bereits 1968 und 1969 Anschläge etwa auf das jüdische Gemeindezentrum in
Berlin im November 1969 und auf andere Einrichtungen gegeben. Außerdem
wurden bereits am 2. April 1968 durch Andreas Baader und Gudrun Ensslin
Brandsätze in zwei Frankfurter Kaufhäusern gelegt.
Der Terrorismus der Roten Armee Fraktion und auch der anderen
terroristischen Gruppen entstand nicht spontan. Ihm gingen vielfältige
Strategiedebatten voraus, an denen auch Dutschke beteiligt war. Er
wollte allerdings nicht den "militärischen" Kampf der Roten Armee
Fraktion. Er hatte schon 1966 ein Stadtguerillakonzept entwickelt. Ihm
dienten die lateinamerikanischen "Tupamaros" als Vorbild. Schon 1966 kam
es im SDS unter dem Einfluss Dutschkes und anderer Mitglieder in der so
genannten "Viva-Maria-Gruppe" zu einer intensiven Debatte über das Thema
Gewalt. Dutschke: "Der Kampf der Vietcong und der MIR in Peru sind
unsere Kämpfe, müssen bei uns tatsächlich über rationale Diskussion und
prinzipiell illegale Demonstrationen und Aktionen in bewusste Einsicht
umfunktionalisiert werden…".
Dutschke plädierte 1966/1967 unter dem Titel "Fokus-Theorie in der
Dritten Welt und ihre Neubestimmung in den Metropolen" für die
Übertragung von Che Guevaras Guerilla-Theorie auf die Verhältnisse in
Deutschland und vor allem in West-Berlin. Allerdings sollte nach
Dutschkes Auffassung die Strategie abgewandelt werden, entsprechend den
anderen Verhältnissen in Europa. Die "Propaganda der Schüsse" in der
Dritten Welt sollte durch die "Propaganda der Tat" in den Metropolen
Nordamerikas und Europas ergänzt werden. Als das schwächste Glied machte
er die Universität aus, sie bildete für ihn einen Fokus, von dem aus
kleinste homogene Guerilla-Einheiten" ihren Ausgang nähmen. Deshalb kam
es sogar zu Überlegungen im SDS, Dutschke auszuschließen.
Dutschke und Krahl, ein anderer SDS-Ideologe, riefen auf der
SDS-Delegiertenversammlung im September 1967 dazu auf, sich als
"Sabotage- und Verweigerungsguerilla" zu formieren. Noch vor dem
"Vietnam-Kongress" im Februar 1968 propagierte Dutschke einen
"europäischen Cong". Dutschke plädierte kämpferisch dafür, dass das
Konzept der Stadtguerilla, das zuerst von den Tupamaros in Montevideo
entwickelt und dann von dem brasilianischen Kommunisten Carlos Marighela
seit Ende 1967 in Sao Paulo praktiziert und im "Handbuch der
Stadtguerilla" kanonisiert wurde, abgewandelt auf Deutschland übertragen
werden sollte. Hans Magnus Enzensberger erklärte, diese Position
unterstützend, im Jahr 1969: "Gegenwärtig veranschaulicht uns eine
Organisation wie die Tupamaros in Uruguay Formen des Kampfes, die direkt
auf Europa angewandt werden können und müssen."
Welche Bedeutung haben folgende beiden Punkte für die
Beziehung der RAF zur Studentenbewegung?
a) Die RAF bezeichnet die Studentenbewegung selbst als ihre
Vorgeschichte.
b) Die Idee einer "Stadtguerilla" taucht sowohl bei dem SDS-Führer Rudi
Dutschke als auch später bei der RAF auf, wenn auch in radikalerer
Variante.
Nur eine kleine, extreme Minderheit wurde terroristisch, allerdings
wäre, wie dargelegt, die Rote Armee Fraktion ohne die Studentenbewegung
nicht vorstellbar, da alle wichtigen Mitglieder der ersten
RAF-Generation aus dem SDS oder dessen Umfeld und damit aus der
Studentenbewegung kamen oder ihr, wie Mahler und Meinhof als frühere
SDS-Mitglieder verbunden waren.
Die Idee einer Stadtguerilla tauchte, ausgehend von der "Subversiven
Aktion", in der Dutschke vor seinem SDS-Engagement mitwirkte, sowohl bei
den Tupamaros West-Berlin als auch bei den Tupamaros München auf. Über
letztere gibt es bisher kaum größere Erkenntnisse. Die Tupamaros
West-Berlin entlehnten ihren Namen direkt einer gleichnamigen Gruppe aus
Uruguay, die nach dem Konzept der Stadtguerilla mit Anschlägen in den
Großstädten handelten, Entführungen hochgestellter Persönlichkeiten
vornehmen sowie Banküberfälle zur Geldbeschaffung. Am Jahrestag der
Reichspogromnacht platzierten die Tupamaros West-Berlin am 9. November
1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus, die während einer
Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen explodieren sollte. Die
überalterte Zündkapsel funktionierte aber nicht. Laut mehrerer
Zeugenaussagen war Dieter Kunzelmann an der Planung beteiligt,
allerdings hat er dies wiederholt bestritten. Täter soll Albert Fichter
gewesen sein.
Ist die RAF also ein Zufallsprodukt oder - wie es Butz
Peters in seinem Buch "Der tödliche Irrtum" ausdrückt - ein "illegitimes
Kind" der Studentenbewegung?
Die RAF wäre ohne die Vorgeschichte der Studentenbewegung nicht denkbar.
Schon früh gab es innerhalb des SDS Debatten über Gewalt und
Subversivität, also nicht nur militante Aktionen, sondern auch
Guerillaaktivitäten am Beispiel der Tupamaros. Die RAF ist deshalb kein
Zerfallsprodukt der Studentenbewegung, weil ihre Vorgeschichte bis weit
in die Studentenbewegung hineinreicht.
Die Fragen stellte Stephan Trinius.
August 2007 |
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