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aus: Bild am Sonntag, 5. Juni 2005 - Interview "Beide zeichnet der Wille zur macht aus" BILD am SONNTAG: Gibt es Gemeinsamkeiten im Lebenslauf des Kanzlers und der Kanzlerkandidatin? Gerd Langguth: Zwar kommen beide aus unterschiedlichen sozialen Schichten – Merkel aus dem Bildungsbürgertum, Schröder aus einer sozialen Randgruppe –, doch beide erlebten ihre Jugend in Außenseiter-Positionen: Merkel als Pfarrerstochter in der atheistischen DDR, Schröder als Sohn einer bettelarmen Kriegerwitwe. BamS: Ist beider Politikstil vergleichbar? Langguth: Ich sehe bei beiden keine wirkliche Vision von der Zukunft unserer Gesellschaft, auch kein Geschichtsbild. Beide sind ziemlich ideologiefrei, ihre Politik zeichnet sich durch ein hohes Maß an Pragmatismus und durch einen unbedingten Willen zur Macht aus. BamS: Wie hat Merkel das doppelte Handicap in der CDU – Frau und in der DDR aufgewachsen – überwunden? Langguth: Die erst als 35jährige zur Politik gekommene Merkel wurde stets in ihrer Zielstrebigkeit unterschätzt. Sie hat es dennoch geschafft, an allen potentiellen Widersachern mit langen Parteikarrieren und lang einstudierten politischen Verhaltensmustern vorbeizuziehen, sogar CDU-Vorsitzende und Kanzlerkandidatin zu werden. Dies ist ihrer Fähigkeit zu verdanken, im richtigen Moment die für sie glückhaften Chancen zu erkennen und zu ergreifen. Da ist sie hart und kompromißlos. Die Zahl ihrer erbeuteten Skalps ist enorm. Auch hier gibt es Parallelen zum Aufstieg von Schröder, der ja häufig genug gegen seine Partei agiert hat. Beide sind in ihrer Partei wenig geliebt, aber wegen ihres kompromisslosen Machtstrebens respektiert. BamS: Anders als in Frankreich, Italien oder den USA kommen in Deutschland Spitzenpolitiker oft aus kleinen Verhältnissen. Wie erklären Sie das? Langguth: Sicher hat dies etwas mit den sozialen Umbrüchen im und nach dem „Dritten Reich“ zu tun. Anders als in alten Demokratien gibt es in Deutschland keine gewachsene politische Elite. Nur sehr selten trifft man heute einen führenden Politiker, dessen Vater bereits Minister war, ganz anders als in den USA oder in Frankreich, wo politische Ämter zur Tradition einflußreicher Familien gehören. Weil Politik in Deutschland die Chance für einen schnellen sozialen Aufstieg bietet, streben Angehörige der Unter- und Mittelschicht gerne öffentliche Ämter an, sehr selten aus der Wissens- oder Wirtschaftselite.
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