Badische Zeitung, 24. September 2010
"Der SPD fehlen neue Ideen"
BZ-INTERVIEW mit dem Parteienforscher
Gerd Langguth über die Probleme der Sozialdemokraten und die Stärke der Grünen.
Die einen freuen sich, die anderen sorgen sich: Die
Grünen liegen in einer Forsa-Umfrage bei 24 Prozent – also erstmals gleichauf
mit der SPD. Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth von der Universität Bonn
glaubt, dass die SPD immer noch in einer Erholungsphase vom Regieren ist. Mit
ihm sprach Michael Neubauer.
BZ: Werden die Grünen für die SPD langsam
gefährlich?
Langguth: Ja, das könnte schon im nächsten Jahr bei den Wahlen
zum Abgeordnetenhaus in Berlin passieren, wo eine grüne Kandidatin Renate Künast
reale Chancen hätte, Klaus Wowereit von der SPD zu beerben. Aber auch in
Baden-Württemberg könnten die Grünen bei der Landtagswahl 2011 besser
abschneiden als die Sozialdemokraten. Der Wind zwischen beiden Parteien wird
deshalb rauer werden.
BZ: Worunter leidet die SPD?
Langguth: Die SPD gilt gerade bei vielen jüngeren Wählern nicht
mehr als modern. Die Partei macht bei vielen eher einen sozialkonservativen,
antimodernistischen Eindruck, ihr fehlen neue Ideen. Sie leidet zudem darunter,
dass sie wenig überzeugende Führungskräfte hat. Wenn man in der SPD die Frage
stellt, wer nächster Kanzlerkandidat werden soll, dann spüren sie eine große
Unsicherheit.
BZ: Was macht der Parteichef falsch?
Langguth: Bei Sigmar Gabriel wissen viele in der Partei nicht,
wo sie dran sind. Ihm fehlt ein klarer Kurs, stattdessen macht er immer wieder
politische Wendemanöver. Das macht ihn für manche unberechenbar. Dass er jetzt
etwa für die schnelle Abschiebung von Hasspredigern ist, das sind ganz neue
SPD-Töne in der Migrationspolitik.
BZ: Wo sehen Sie den Erfolg der Grünen?
Langguth: Die Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft
angekommen. Ihr Erfolg hat eine gewisse Konstanz. Sie sind eine neobürgerliche
Partei und keine Anti-Parteien-Partei mehr. Sie machen nicht mehr so einen
ideologischen Eindruck, sondern einen pragmatischen, zugleich aber auch
wertgebundenen. Die Grünen haben aber vor allem einen Vorteil gegenüber der SPD:
Sie sind auf Bundesebene schon Jahre länger in der Opposition als die SPD. Sie
sind nicht als Regierungspartei belastet.
BZ: Der Erneuerungsprozess der SPD ist also immer noch nicht
abgeschlossen?
Langguth: Keinesfalls. Hartz IV hängt der SPD noch wie ein
Klotz am Bein. Die SPD hatte im vergangenen Jahr mit 23 Prozent ihr
schlechtestes Wahlergebnis eingefahren. So schnell kann sich eine Partei vom
Wahldesaster nicht erholen.
BZ: Warum schafft sie es nicht im Gegensatz zu den Grünen, aus
Fehlern der Koalition Profit zu schlagen?
Langguth: Weil die Wähler gerade bei dem Aufregerthema
Atompolitik lieber das Original wählen – und das sind die Grünen. Und Gabriels
strikter Anti-Atomkurs wird gerade manche SPD-Wähler aus der
Industriearbeiterschaft vergrätzen.
BZ: Was muss die Partei tun?
Langguth: Es braucht einfach Zeit und mehr Abstand zur letzten
SPD-Regierungsverantwortung. Neues Personal entwickelt sich oft zunächst auf
Länderebene. Der SPD darf es aber nicht mehr passieren, dass sie ein Thema wie
das der Migration verschläft. Sie hat dieses Thema anderen überlassen – oder
ihrem umstrittenen Mitglied Thilo Sarrazin.
BZ: Wie soll die SPD den Fall Sarrazin zu Ende bringen? Ihn
ausschließen?
Langguth: Sie sollte sich inhaltlich mit Sarrazin
auseinandersetzen, wie das Gabriel inzwischen auch tut. Sie sollte sich
insbesondere von seinen ’biologistischen‘ Thesen distanzieren. Die Geschichte
der SPD ist aber voller Ausschlüsse. Der SPD ist mehr Liberalität zu empfehlen.
Wer Job und Parteimitgliedschaft los ist, könnte ja auf die Gründung einer neuen
Partei sinnen, was Sarrazin bislang ausgeschlossen hatte.
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