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Gerd Langguth BEGINNT DAS "PAZIFISCHE JAHRHUNDERT"? aus: Außenpolitik IV/96, S. 326-338
In einer Zeit der "Globalisierung", in der die Welt nicht zuletzt durch "neue Medien" und Informationstechnologien zusammenwächst, wird der Wertedialog im Rahmen der internationalen Politik deutlich wichtiger. Die internationalen Beziehungen sind daher immer weniger als bilaterale Beziehungen klassischer Nationalstaaten und Staatengruppen (wie EUROPÄISCHE UNION, ASEAN, NAFTA, MERCOSUR) zu verstehen, sondern sind gleichzeitig enger mit den jeweiligen innenpolitischen Diskussionen und Situationen verwoben. Die deutsche beziehungsweise europäische Politik muß sich, ungeachtet historischer Begründetheit, vor einer eurozentristischen Sichtweise hüten. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges verfügten die "westlichen" Imperien über 85 Prozent der Landfläche. Wenn man sich dies vor Augen hält, wird man besser verstehen, warum manche Nationen und ethnische Gruppen, die sich seit Jahrhunderten durch die europäischen Mächte als ausgebeutet und domestiziert betrachten, jetzt einen eigenen Weg gehen wollen. 1 Dies trifft nicht nur für die islamisch geprägte Welt, sondern vor allem auch für Asien zu, von wo seit Jahren beharrlich antiwestliche Ressentiments ausgehen. Zeichnet sich ein "asiatisches Jahrhundert" ab, das sich durch Konfrontation zum "Westen" definieren wird?Kein Zweifel: Die dynamische politische und wirtschaftspolitische Entwicklung Asiens - vor allem Südostasiens - hat in den letzten Jahrzehnten enorme Veränderungen herbeigeführt, die Auswirkungen auf das politische und kulturelle Gesicht Asiens hatten und haben. Asien hat guten Grund, den USA wie auch den Europäern politisch selbstbewußter gegenüberzutreten. Die Tatsache, daß beim ersten europäisch-asiatischen Gipfeltreffen Anfang März 1996 in Bangkok fast alle Regierungschefs der 15 EU-Mitgliedsstaaten mit ihren Kollegen aus zehn asiatischen Ländern zusammentrafen, symbolisiert das gestiegene Gewicht, das Europa Asien beimißt. Sicherlich war aus asiatischer Sicht das damit verbundene politische Signal wichtig, dem politischen wie wirtschaftlichen Einfluß der USA in Asien durch ein verstärktes Beziehungsgeflecht mit Europa zu begegnen und zugleich ein Gegengewicht zu Japan und China aufzubauen. Gleichwohl waren auch im Umfeld dieses bemerkenswerten Gipfeltreffens Stimmen zu hören, die für europäische Ohren wenig schmeichelhaft klingen mußten. In einigen asiatischen Medien wurde dieser Gipfel schlicht als eine Fortsetzung des westlichen Imperialismus interpretiert, die mit Hilfe der Handelsbeziehungen realisiert werde. Gerade im fernöstlichen Teil Asiens wird verstärkt ein eigener asiatischer Weg eingefordert, wobei im Vorfeld des Gipfels alles unternommen wurde, um die Diskussion über die Menschenrechte nicht zu einem Störfaktor für die Harmonie dieses Gipfels werden zu lassen. Nichtsdestotrotz darf sich die deutsche wie europäische Politik den grundsätzlichen Fragen der asiatischen Werte-Offensive nicht entziehen. Die Gefahr des Eurozentrismus Die Warnung vor einem allzu starken Eurozentrismus hängt auch damit zusammen, daß die Bedeutung Asiens in Deutschland und Europa trotz des Asienkonzepts der Bundesregierung und der Europäischen Union praktisch noch zu wenig "entdeckt" worden ist, obwohl etwa fünfzig Prozent der Weltbevölkerung in Asien lebt. Ein Blick auf die geschichtlichen Beziehungen Europas zu Asien zeigt dies. Kaiser Wilhelm sprach von einer "gelben Gefahr", und Karl Marx formulierte: "Sie (die Asiaten) können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden". Er sprach deswegen von einer "asiatischen Produktionsweise" 2. Max Weber3 geht zwar nicht von einer einzigen asiatischen Gesellschaftsordnung aus - so unterscheidet er vor allem zwischen dem Konfuzianismus und Taoismus in China und dem Hinduismus und Buddhismus in Indien, Japan und anderen Staaten -, sieht jedoch in allen Fällen einen grundsätzlichen Gegensatz zum europäischen Gesellschaftsmodell, das den Kapitalismus hervorbrachte. Demnach konnten die asiatischen Gesellschaften aus sich heraus den Kapitalismus nicht schaffen. Daraus dürfe nicht gefolgert werden, daß diese nicht grundsätzlich zum Kapitalismus befähigt wären. Aber der Kapitalismus in Asien ist für Max Weber ein vom Westen eingeführtes Modell. Für ihn war zur Zeit der Abfassung seiner religionssoziologischen Analysen - nämlich um 1920 - die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus in Asien noch nicht absehbar.Genauso wie es schwer ist, "asiatische" Werte zu definieren, so gilt dies für die europäischen. Gleichwohl ist bei allen sprachlichen Unterschieden Europa durch die weitgehend christlich geprägte Kultur sehr viel homogener. Mit dem Begriff "westlich" werden immer auch die Vereinigten Staaten von Amerika mit eingeschlossen. Seit dem 15. Jahrhundert sind es die Europäer und gemeinsam mit ihnen seit dem 18. Jahrhundert die Nordamerikaner gewesen, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges weitgehend politisch die Welt bestimmten. Der Terminus "Westlichkeit" hat viele Indikatoren, Dimensionen und Implikationen: "Es handelt sich um die Summe der Bestandselemente einer jüdisch-mediterran-christlichen Zivilisation, die einige Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung in Kleinasien und Ägypten einsetzte, durch Griechenland und Rom schärfere Konturen mit dem Anspruch auf kulturelle und technische Überlegenheit über den (damals bekannten) Rest der Welt erhielt, und die sich, maßgeblich beeinflußt auch von der kulturellen Blüte der islamischen Welt im europäischen Mittelalter, mit der beginnenden Neuzeit stark genug fühlte, universalistische Ansprüche anzumelden und diese Selbsteinschätzung Schritt für Schritt imperialistisch abzusichern." 4Wie oben schon angedeutet, ist - nach dem Ende des die Weltpolitik Jahrzehnte prägenden Ost-West-Konfliktes - die Frage des Anspruchs auf Allgemeingültigkeit westlicher Werte eines der entscheidenden Probleme der internationalen Politik - vor allem auch im Zusammenhang mit der Suche nach einer "Neuen Weltordnung", die vom damaligen US-Präsidenten George Bush in seiner Rede an die Nation vom 17. Januar 1991 proklamiert wurde. Es stellt sich die Frage, ob es dem "Westen" gelingen kann und soll, seinen von ihm monopolisierten zivilisatorischen Paradigmenanspruch zu halten. Francis Fukuyama 5 hat sich mit seiner These vom "Ende der Geschichte" an dieser Diskussion genauso beteiligt wie Samuel P. Huntington mit seinem berühmt gewordenen Aufsatz "The Clash of Civilizations?"6. Nach dessen Auffassung wird der Zusammenprall der Zivilisationen, der Kulturen (civilizations), die Weltpolitik beherrschen. Die Konflikte werden demnach in erster Linie nicht ideologischer oder wirtschaftlicher Natur sein, sondern - auch wenn Nationalstaaten die mächtigsten Akteure auf dem Globus bleiben - kulturell bestimmt sein. Huntington resümiert: "Der nächste Weltkrieg wird, wenn er denn stattfindet, ein Krieg zwischen den Kulturen sein."7 Diese Aussagen provozierten eine Fülle von Stellungnahmen in Wissenschaft und Politik, vor allem in den arabischen Ländern und in Asien.Aufgrund des christlichen Glaubens steht im Westen die Frage nach der individuellen Verantwortlichkeit und der Schuld des Menschen im Mittelpunkt. Auch wenn asiatische Kritik an westlichem Denken vor allem auf den Individualismus in seiner übertriebenen Form abhebt, gibt es im westlichen Denken keine einheitliche Auffassung von der Verantwortlichkeit des Individuums. Es ist etwa davon auszugehen, daß in den Vereinigten Staaten von Amerika die Rolle des Individuums höher, die Rolle des Staates dagegen kleiner geschrieben wird als beispielsweise in Deutschland, wo in der Regel sowohl ein kollektivistisches Menschenbild als auch ein übertrieben individualistisches Verständnis von der Verantwortung des einzelnen abgelehnt werden. Somit gibt es auch voneinander abweichende Sichtweisen zur Rolle des Staates, der in einzelnen europäischen Ländern - so im Wirtschaftsgeschehen - eine sehr unterschiedliche Rolle spielt. Man denke nur an Frankreich im Gegensatz zu Großbritannien, zur Bundesrepublik Deutschland oder zu den USA. Die sogenannten westlichen Werte werden indes stark von der Grundforderung der französischen Revolution bestimmt. Als "westliche Grundwerte" gelten vor allem Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Zur "Westlichkeit" gehört neben dem Sieg der individuellen Rationalität auch die Trennung von Kirche und Staat und letztlich die "kapitalistische Produktionsweise", wenngleich diese in allen pluralistischen Staatswesen nicht unumstritten ist. Gerade diese Westlichkeit ist es, die Asien aus seiner Rückständigkeit befreit hat, wie selbst der Staatsgründer von Singapur, Lee Kuan Yew erklärt: "Wir wären eine rückständige Ökonomie mit einer rückständigen Gesellschaft geblieben. Aber wir wollen nicht alles aus dem Westen." 8Es liegt daher auf der Hand, daß die Menschenrechtsfrage ständiger Reibepunkt zwischen Repräsentanten "westlicher" und einigen Repräsentanten "asiatischer" Werte ist. Zwar darf nicht vergessen werden, daß auch in Europa - und dies trifft gerade für Deutschland zu - die Demokratie häufig erst im zwanzigsten Jahrhundert durchgesetzt wurde, doch setzte schon relativ frühzeitig eine Entwicklung hin zum Rechtsstaat ein. Auch in Europa wurden also Demokratie, Rechtssicherheit und die Menschenrechte erst in einem langwierigen Prozeß durchgesetzt, der auf viele kulturelle, religiöse und traditionelle Widerstände stieß. In diesem Zusammenhang sei nur an die "Magna Charta Libertatum" von 1215, an die "Habeas-Corpus-Akte" von 1679, an die "Bill of Rights" von 1689, die Grundrechte von Virginia von 1776, an die (französische) Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers von 1789 (bzw. 1791), an die deutsche Paulskirchen-Verfassung von 1849 oder an das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 erinnert. Was ist Asien? Was ist überhaupt unter "Asien" und damit unter "asiatischen Werten" zu verstehen? Während beispielsweise Lateinamerika - bedingt durch den Gebrauch der spanischen und portugiesischen Sprache zumindest in allen größeren Ländern - trotz enormer Vielfalt kulturell relativ homogen ist, so stellt sich die Frage nach dem gemeinsamen kulturellen Band Asiens ganz anders. Nimmt man den traditionell islamischen Raum (von der Türkei bis nach Pakistan) aus, bietet sich in Asien eine Vielfalt von Religionen bzw. religiös inspirierten Weltanschauungen dar. Es kommt in vielen Ländern komplizierend hinzu, daß es bei der Missionierung nicht das klassische, vereinheitlichende europäische Zusammenwirken von Kirche und Staat gegeben hat, so daß es Überlagerungen verschiedener Religionen, Synkretismen oder das Beibehalten traditionellen Volksglaubens gibt. Ein Blick auf die asiatische Landkarte belegt diese kulturellen Unterschiede: Der indische Subkontinent mit Indien und Nepal ist hauptsächlich hinduistisch geprägt. Eine starke Minderheit besteht in Indonesien (Bali). Islamisch sind vor allem Malaysia (mit Brunei), Indonesien und Bangladesch, wobei Indonesien mit seinen rund 200 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste islamische Staat der Welt ist. Komplizierter liegt der Fall beim Buddhismus. Er ist vor allem prägend in Indochina. In Thailand und Bhutan ist der Buddhismus Staatsreligion, in Birma, Laos, Kambodscha und Sri Lanka darüber hinaus Mehrheitsreligion. Andere Richtungen des Buddhismus bestimmen das religiöse Leben in Tibet (Lamaismus) und der Mongolei. In ihrer Religiosität nicht mit Mehrheits-/Minderheitsbegriffen faßbar sind China, Japan und Korea: In China besteht ein bis in die Einzelperson hineinreichendes Nebeneinander von traditionellem chinesischem Volksglauben, Buddhismus und Konfuzianismus, 9 der aber mehr als Ethik oder moralische Weltanschauung zu verstehen ist. Dies gilt analog für Singapur mit seiner weitgehend chinesischstämmigen Bevölkerung. Darüber hinaus gibt es in China auch Christen. In Japan besteht ein Parallelismus von Buddhismus und Shintoismus, der traditionellen japanischen Religion. In Korea kommt zu der Gemeinsamkeit von Buddhismus und konfuzianischer Lehre noch ein starker christlicher Bevölkerungsanteil. Ein Sonderfall sind die weitgehend christlich geprägten Philippinen. Zum asiatisch-pazifischen Raum müssen aber auch Australien und Neuseeland gezählt werden, die kulturell eher zur abendländisch-christlich geprägten Welt gehören. Pauschale Urteile über Asien können darum immer nur Fehlurteile sein, handelt es sich doch um den geographisch, kulturell, religiös, sprachlich und politisch vielfältigsten Erdteil der Welt. Deshalb ist es sehr viel schwieriger, asiatische Werte zu definieren als europäische, weil die Wertediskussion in jedem asiatischen Land sich aufgrund des verschiedenartigen religiösen Hintergrundes unterschiedlich darstellt. Die Wertediskussion allein auf den Konfuzianismus beschränken zu wollen, wie das häufig in der europäischen Diskussion geschieht, griffe zu kurz.Die Argumente der "Asianismus"-Befürworter Es gibt eine Reihe von bemerkenswerten Initiativen, die den Entkolonialisierungsprozeß Asiens widerspiegeln. Die Übergabe der britischen Kronkolonie Hongkong am 1. Juli 1997 und schließlich der Rückzug der Portugiesen aus Macao im Jahre 1999 symbolisieren diesen Prozeß. Damit fallen sozusagen die letzten kolonialen Überreste in Asien. Trotz der - freilich mittlerweile stark ausgedünnten - militärischen Präsenz der USA erfüllt sich das Motto "Asien den Asiaten" immer mehr. Das dürfte eine "Asianismus"-Debatte fördern. Die 1993 in Kuala Lumpur konstituierte "Kommission für ein neues Asien", in der sich Prominente aus dreizehn asiatischen Ländern zusammenfanden, formulierte: "Wir (die Asiaten, D. Verf.) müssen unser Selbstvertrauen, unseren Glauben und unseren Stolz wiederherstellen." 10 Der Gründer der "Asia Times" - diese Zeitung wird gleichzeitig in Bangkok, Hongkong und Singapur gedruckt -, der Thailänder Sondhi Limthongkul, forderte gar: "Was wir brauchen, ist ein asiatischer Nationalismus."11 Viele weitere Belege für das asiatische Wir-Gefühl könnten die Diskussion um die asiatische Renaissance belegen, dessen Ziel es ist, voller Stolz auf die asiatische Kultur und die wirtschaftlich-politischen Leistungen zu verweisen. Asien soll dabei als die "Wiege der menschlichen Zivilisation" herausdestilliert werden. In der asiatischen Identitätsdiskussion gibt es natürlich auch unterschiedliche Sichtweisen. Zu den Hauptwortführern einer gemäßigten Linie gehören der koreanische Politiker und prominente Befürworter der Menschenrechte, Kim Dae Jung wie auch der philippinische Staatschef Fidel Ramos, welcher der "Singapur-Schule" des dortigen Staatsgründers Lee Kuan Yew mehrfach energisch entgegentrat mit der These "Ohne Demokratie keine Entwicklung".12 Die "Falken" unter den asiatischen Politikern meinen dagegen, ein asiatischer Stolz lasse sich dadurch nur herbeiführen, daß man massiv den Westen, vor allem die USA, kritisiere. Welche Argumente benutzen die Kritiker des Westens? Es sind vor allem vier Thesen, die immer wiederkehren:
Der Hauptvorwurf ist die angeblich zunehmende Dekadenz des Westens. Ihr setzt Lee Kuan Yew eine "bestens geordnete Gesellschaft (well-ordered society)" entgegen, "so daß jeder ein Maximum an Freiheiten genießen kann." Und schließlich: "Diese Freiheit kann nur in einem geordneten Staat existieren und nicht in einem Zustand von Streit und Anarchie." 13 Immer wieder wird auf einen vom Konfuzianismus geprägten besonderen Familiensinn und die Notwendigkeit des Respektes älteren Generationen gegenüber hingewiesen - auf die Tatsache, daß in asiatischen Gesellschaften das Individuum im Kontext seiner Familie existiert.14 Gleichwohl betonte Lee Kuan Yew in einem Vortrag im Juni 1996 in München, es bestehe die Gefahr, daß selbst in Singapur die traditionellen Werte bald durch die wirtschaftliche Entwicklung ausgehöhlt würden15. Seit die Frauen ausgebildet und berufstätig seien, sei der Zusammenhang der Familie geschwächt, auf den in der singapurischen Gesellschaft so viel Wert gelegt werde. Zudem sei es heute schwierig, das Eindringen westlicher Werte etwa durch Fernsehen und Medien gänzlich zu kontrollieren. Die Bürger Singapurs seien reisefreudig und würden zudem im Ausland mit anderen Ideen konfrontiert.16 Dem übertriebenen Individualismus des Westens stünden die Familien und die gemeinschaftsorientierte Ethik des konfuzianistisch geprägten Asiens gegenüber, wobei die konfuzianische Tugend der Unterordnung unter die Gemeinschaft den Aufschwung Asiens erst ermöglichte und eine der Grundlagen für den Erfolg Singapurs sei.Noch härter argumentiert der malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad, der gemeinsam mit dem japanischen Politiker Shintaro Ishihara 17 unter dem Titel "The Voice of Asia"18 1995 ein Buch herausgebracht hat, das durch seine inhaltliche Aggressivität alle vergleichbaren Aussagen in den Schatten stellt. Indem er auf den von Oswald Spengler angekündigten "Untergang des Abendlandes" Bezug nimmt, wirft Mahathir dem Westen schlechthin "Hedonismus" vor: "Materialismus, Befriedigung der Sinne und Selbstsucht grassieren. Die Gemeinschaft hat den Weg für das Individuum und seine Sehnsüchte freigemacht. Die unvermeidliche Konsequenz sind der Zusammenbruch etablierter Institutionen und abnehmender Respekt gegenüber Heirat, familiären Werten, gegenüber den Alten und wichtigen Bräuchen, Konventionen und Traditionen. Diese wurden durch ein neues Bündel von Werten ersetzt, die vor allem auf Ablehnung gegenüber allem beruhen, was zum Vertrauen in das Göttliche/Geistige und Gemeinschaftsleben in Beziehung steht. Daher sind westliche Gesellschaften durchsetzt von Familien mit alleinerziehenden Eltern, von gefördertem Inzest, von Homosexualität, von unverheiratetem Zusammenleben, von hemmungsloser Habgier, von fehlender Achtung gegenüber anderen und - natürlich - von der Ablehnung religiöser Lehren und Werte."19
Sodann werden Ignoranz und Arroganz des Westens den Asiaten gegenüber konstatiert. Ein Land wie die USA - so argumentiert Kishore Mahbubani, Staatssekretär im Außenministerium von Singapur - das mit "massivem sozialem Verfall" zum Beispiel durch die Auflösung von Familienstrukturen konfrontiert sei, müsse in Asien bescheiden auftreten. Doch anstatt mit Bescheidenheit ins Ausland zu reisen, hätten die Amerikaner selbstbewußt die Vorzüge uneingeschränkter individueller Freiheit gepredigt und unbekümmert die sichtbaren sozialen Folgen ignoriert. "Westliche Werte sind nicht fehlerfrei. Manche sind gut. Manche sind schlecht. Doch man muß den Westen von außen betrachten, um dies klar zu sehen. Und um dies zu erkennen, wie der Westen mit eigenen Händen an seinem Verfall arbeitet". 20Mahathir geht noch weiter, indem er heftige Vorwürfe gegen das Christentum erhebt, das er indirekt mit den Europäern gleichsetzt: "Sie entsandten Missionare in alle Pazifikstaaten, um beispielsweise die Menschen zum Christentum zu konvertieren und sie zu zivilisieren. Dies war natürlich lächerlich, weil wir schon Jahrhunderte vor Europa eine fortgeschrittene Zivilisation hatten. Europäer hatten nie das Gefühl, zu östlichen Religionen konvertieren zu müssen, wenn sie die Früchte östlicher Zivilisation ernteten; immer noch haben sie den Eindruck, daß das Christentum für den Fortschritt unentbehrlich ist. Sogar noch heute können sich Leute aus dem Westen nicht von diesem Gefühl der Überlegenheit lösen." 21 Und schließlich: "Der Westen hat eine lange Geschichte aggressiver Kriege, die auf dem Wege zur Verwestlichung der Welt geführt wurden - niemals ist ein asiatisches Land in ein anderes eingefallen, um es zu "veröstlichen".22Für viele Fehlentwicklungen sei gleichwohl nicht das Christentum schlechthin verantwortlich: "Wo liegt die Wurzel für das Gefühl der Überlegenheit? Einige mögen sagen, es sei das intolerante Christentum, aber ich glaube nicht, daß der Fehler hier liegt. In der Tat ist das Gefühl der Überlegenheit über andere mit den Lehren des Christentums nicht vereinbar. Vielmehr kommt es von der Annahme, weiße Menschen seien besser als farbige. Es ist ein rassisches und kulturelles Phänomen, nicht eine Frage der Religion. 23 Mahathir geht von ausgesprochen pauschalen Bewertungen aus, die unterstellen, daß sich Europäer Asiaten gegenüber generell als höherwertig empfinden: "Europäer fühlten sich als höherwertige Menschen mit höherwertiger Kultur und verpflichtet, die Welt zu zivilisieren, was vor allem bedeutete, alle Menschen zum Christentum zu konvertieren."24
Kishore Mahbubani kritisiert eine "doppelte Moral" des Westens: "Merkwürdigerweise scheint es der Westen aufgrund seiner Paranoia geradezu darauf anzulegen, die islamische Welt zu provozieren. Er protestiert gegen die Abkehr von der Demokratie in Birma, in Peru oder in Nigeria, aber nicht in Algerien. Diese Doppelmoral tut weh." 25 Auch weist er darauf hin, daß die Haltung des Westens zu Bosnien immensen Schaden angerichtet hat.26 Gleichwohl ist Mahbubani zu sehr Außenpolitiker, um nicht zu wissen, daß gerade die Präsenz der USA in Asien einen wichtigen Faktor politischer und militärischer Stabilität darstellt: "Der Rückzug des Westens wird nicht überall begrüßt. Es gibt noch immer keinen Ersatz für westliche, insbesondere amerikanische Vorherrschaft.(....) Ein westlicher Rückzug könnte ebensoviel Schaden anrichten wie westliche Dominanz."27 Und, fast versöhnlich erklärt Mahbubani: "Der Westen ist nach wie vor ein Ort für die größten Vorzüge und Errungenschaften menschlicher Zivilisation. Viele westliche Werte machen die spektakulären Fortschritte der Menschheit deutlich: Der Glaube an wissenschaftliche Forschung, die Suche nach vernunftgesteuerten Lösungen und die Bereitschaft, Annahmen zu hinterfragen."284. "Demokratie gegen Entwicklung" Man dürfe einem Land nicht einfach ein fremdes System überstülpen, wird immer wieder argumentiert. Auf die Frage, ob Entwicklung in Asien und Singapur auch ohne Demokratie möglich ist, antwortete Lee Kuan Yew in einem Interview vom Dezember 1994: "Wenn Sie Demokratie nach amerikanischem oder deutschem Muster meinen, dann würde ich sagen: Ja, es kann Entwicklung ohne Demokratie geben. Sie brauchen nicht unbedingt Wahlen, widerstreitende Ansichten und regelmäßig wechselnde Parteien in der Politik. Wenn Sie aber Industrialisierung wollen, Innovation und Kreativität in der Gesellschaft, dann müssen Sie in jeder Generation die produktiven Kräfte pflegen. Sie brauchen Köpfe, die neue Produkte schaffen können, neue Dienstleistungen, neue künstlerische Formen." 29 Insofern sei das Gegenteil einer geplanten Gesellschaft oder einer Planwirtschaft notwendig.Auch Mahathir warnt vor einer Demokratie westlichen Typus: "Wenn Bürger verstehen, daß ihr Recht zu wählen auch Grenzen und Verantwortlichkeit bedeutet, läuft Demokratie nicht aus dem Ruder oder wird in extremen Fällen, zu tatsächlicher Anarchie. Dies sind die Gefahren von fehlgelaufener Demokratie und aus unserer Sicht, ist dies genau die traurige Richtung, die den Westen (im übertragenen Sinne) zur Strecke bringt. 30 Und er fügt hinzu: "Demokratische Fanatiker sind nicht besser als religiöse Fanatiker.31In deutlichen Kontrast dazu erklärte der koreanische Politiker Kim Dae Jung in einer Erwiderung auf die Thesen von Lee Kuan Yew: "An der Kultur entscheidet sich unser Schicksal nicht notwendigerweise. Aber an der Demokratie." ("Culture is not necessarily our destiny. Democracy is.") 32 Er betonte das reiche kulturelle Erbe Asiens: "Asien hat dem Rest der Welt viel zu bieten; sein reiches Erbe an demokratisch orientierten Philosophien und Traditionen kann einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Demokratie auf dem ganzen Globus leisten." Zugleich wies er darauf hin, daß Lees Sicht der asiatischen Kultur "vor allem seiner eigenen Rechtfertigung" diene. In Wirklichkeit bewegten sich die familienzentrierten Gesellschaften Ostasiens als unvermeidbare Folge der Industrialisierung längst auf einen selbstbezogenen Individualismus hin. Der moralische Verfall liege nicht an den Mängeln westlicher Kulturen an sich, sondern sei der Industriegesellschaft als System zuzuschreiben. Der richtige Weg, Krankheiten der Industriegesellschaft zu heilen, führe nicht über die Errichtung eines Polizeistaates, sondern über eine ethische Erziehung, über die Vermittlung von geistigen Werten, über die Förderung hoher Standards in Kultur und Kunst. Zwar sei gegen Lees Einwand, "man könne nicht einfach jeder Gesellschaft ein fremdes System überstülpen" nichts einzuwenden, doch sei zu fragen, ob Demokratie ein System ist, daß den asiatischen Kulturen wirklich so fremd ist, als daß es dort nicht funktionieren könne. Kim Dae Jung kommt zu dem Schluß: "Es gibt keine Gedanken, die fundamentaler für die Demokratie eintreten, als die Lehren des Konfuzianismus, des Buddhismus und des Tonghak. Ohne Frage sind Asiens demokratische Philosophien genauso tiefgreifend wie die des Westens."33 Die für eine Demokratie notwendigen grundlegenden Ideen und Traditionen gab es demnach sowohl in Europa als auch in Asien. Obwohl die Asiaten diese Ideen lange vor den Europäern entwickelt hätten, seien die Europäer eben die ersten gewesen, die ein Konzept für eine umfassende und wirksame, auf freien Wahlen beruhende Demokratie entwickelten.Motive für die asiatische Werte-Offensive Die Wertedebatte in Asien hat verschiedene Ursachen: 34 3. Das ist nicht der einzige Aspekt. Einige asiatische Gesellschaften unterliegen einem rapiden gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, der erst einmal innerlich "verkraftet" werden muß. Ein Land wie Japan, in dem schon im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts die enormen Modernisierungsschübe begannen, kann mit diesem schnellen Wandel besser fertig werden als andere Gesellschaften, die erst in den letzten dreißig bis fünfzig Jahren einer schnellen Modernisierung ausgesetzt waren. Insoweit ist die Wertedebatte auch ein Bemühen um den Erhalt der eigenen Identität und um die Fähigkeit der asiatischen Gesellschaften - die ja zum Teil, wie vor allem in Malaysia, ethnisch äußerst zersplittert sind -, zur Integration.
4. In diesem Zusammenhang spielen auch negative Erfahrungen durch die westliche Kolonialisierung eine Rolle. Dabei genießt Deutschland den Vorteil, in Asien nicht als eine frühere Kolonialmacht angesehen zu werden. Am Westen wird ein "Zusammenbruch ziviler Gesellschaft" ("break down of civil society") kritisiert: "Waffen, Drogen, Gewalt, Kriminalität, Landstreicherei, unziemliches Verhalten in der Öffentlichkeit", lauten die Argumente. 35Westliches Bestehen auf Unverzichtbarkeit der Demokratie Neuere Entwicklungen in Europa, Lateinamerika, Afrika, aber auch Asien beweisen die Attraktivität der Demokratie sowie der Rechtsstaatlichkeit. Demokratische Lebensformen und Rechtssicherheit lassen sich keineswegs nur auf die abendländische Kultur eingrenzen. Weltweit läßt sich die Demokratie unter Wahrung der jeweiligen kulturellen Identität verwirklichen. Dabei sollte man nicht vergessen, daß auch in Europa die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten ein langer und häufig schmerzhafter Prozeß war. Es wird auch nicht zu bestreiten sein, daß eine moderne Demokratie ungleich kompliziertere Entscheidungsstrukturen aufweist. Ebensowenig dürfen die kritischen Stimmen aus Asien über die Effizienzprobleme der Demokratie ignoriert werden; in allen modernen Industriegesellschaften stellen sich Fragen ihrer "Regierbarkeit". Aber die Demokratie gegen Entwicklung ins Feld zu führen, ist eine falsche Gegenüberstellung. Die nicht zu bestreitenden Integrationsprobleme der jungen Generation sind die Folge eines - häufig sehr beschleunigten - Modernisierungs- und Industrialisierungsprozesses. Lee Kuan Yew hat selbst auf problematische Tendenzen in Singapur hingewiesen. Aber gerade deshalb ist eine wertgebundene Erziehung in allen modernen Gesellschaften, gerade in den Transformationsgesellschaften, unverzichtbar und besonders wichtig. Die Wertediskussion im internationalen Kontext wird wahrscheinlich in Zukunft eher wichtiger werden, weil sich die Staaten immer weniger voneinander abschotten können. Die sich entwickelnde "Weltinnenpolitik" führt dazu, daß sich in Ländern, in denen Demokratie entweder noch nicht vorhanden ist oder diese sich erst in einem Reife- und Entwicklungsprozeß befindet, aufbegehrende, nach Demokratie strebende Kräfte herausbilden, die sich auf die Errungenschaften "westlicher" Demokratien und auf Menschenrechte berufen. Dabei ist interessant, daß Menschenrechtsorganisationen wie "Human Rights Watch" 36 oder "Freedom House"37 in ihren Jahresbilanzen davon ausgehen, daß es insgesamt eine Verbesserung der Menschenrechtssituation in der Welt gegeben habe. Auf die globale Bevölkerung von geschätzten 5,7 Milliarden Menschen bezogen leben nach einer Analyse von "Freedom House" nunmehr 1,1 Milliarden Menschen - also fast zwanzig Prozent - in "freien Gesellschaften", rund 2,4 Milliarden - etwa vierzig Prozent - in "teilweise freien Gesellschaften" und 2,2 Milliarden Menschen - knapp vierzig Prozent - in "nicht freien Gesellschaften". 61 Prozent der 191 Länder dieser Erde haben demokratisch gewählte Regierungen. Die Fortschritte sind bemerkenswert, waren es nach dieser Statistik zehn Jahre vorher doch erst 42 Prozent aller Staaten, die aus demokratischen Wahlen hervorgegangen sind.Die Demokratie ist auch in Asien auf dem Siegeszug - die Beispiele Indien, Japan, und neuerdings Korea und Taiwan belegen dies. Auch in der britischen Kronkolonie Hongkong haben sich - wenn auch recht spät durch das Kolonialregime ermöglicht - zunächst rechtsstaatliche, anschließend demokratische Verhältnisse entwickelt. Heute läßt sich noch nicht absehen, wie diese sich nach dem 1. Juli 1997 weiterentwickeln werden. Hongkong und Taiwan konfrontieren vor allem China mit einer Demokratie-Herausforderung. Die Diskussion um die Demokratie und die Menschenrechte muß im Kontext der Wertediskussion gesehen werden. Der sogenannten "individualistischen", "westlichen" Art, Menschenrechte in die Praxis umzusetzen, werden in der Diskussion "soziale" Menschenrechte entgegengehalten. Die im April 1996 in Genf tagenden Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen sprach in diesem Sinne von einem "Recht auf Entwicklung", das in die Definition der Allgemeinen Menschenrechte aufgenommen werden solle. Bis heute läßt sich indes nicht sagen, welchen Inhalt solche weitgespannten Rechte haben sollen, auf die einige Entwicklungsländer große Hoffnungen setzen. Je mehr sich nämlich ein kollektivistisches Verständnis von Menschenrechten entwickelt, um so mehr wird die Gültigkeit rechtsstaatlicher Verhältnisse für den einzelnen relativiert. Die Wirksamkeit der Menschenrechte zeigt sich immer am individuellen Fall, vor allem wenn es um Angehörige von Minderheiten geht. Das Problem einer Relativierung des Menschenrechtsbegriffes liegt dabei weniger in seiner Ausweitung, sondern darin, daß vor allem autoritäre Regierungen den klassischen Individualrechten keine universelle Gültigkeit mehr zugestehen wollen. Auch wenn hieraus ein "westlicher" Universalanspruch abgeleitet werden mag: An der Universalität der klassischen individuellen Freiheitsrechte muß weiter festgehalten werden. 38 Menschenrechte sind längst keine inneren Angelegenheiten der Staaten mehr, selbst wenn dies häufig bezweifelt wird. Das Beispiel der europäischen Geschichte und der Entwicklungsprozeß der Menschenrechtsidee stellen die Grundlage des Eintretens für die Verwirklichung der universellen Menschenrechte in der internationalen Menschenrechtspolitik dar.Im übrigen sollte die Wertediskussion zwischen "Europa" und "Asien" nicht zu eindimensional gesehen werden. Wie in Europa gibt es auch in Asien plurale Vorstellungen. Eine Wertediskussion darf nicht an der Vielschichtigkeit der asiatischen Traditionen scheitern. Es ist sinnvoll, auf die vielen einzelnen asiatischen Stimmen einzugehen. Asien ist ein reicher - für viele ein noch zu entdeckender - Kontinent, auch und gerade an philosophischer und religiöser Reflexion. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß es in Deutschland und Europa eine teilweise modische, spiritualisierte Asien-Verklärung gibt. Es ist dem Dialog abträglich, wenn er durch einseitige Positionen der Gegenseite bestimmt wird. Auch in Europa sollte man Vorsicht walten lassen, wenn das Konstrukt der "asiatischen Werte" dem Dialog zugrunde gelegt wird. Jeder Bewunderung für die scheinbar verführerische Mischung aus wirtschaftlichem Erfolg und teildemokratischen Autoritarismus muß entgegengetreten werden. So tauchen gelegentlich auch in den europäischen Debatten plötzlich Positionen auf, die im Individualismus der eigenen Kulturtradition, im "pursuit of happiness" ein Grundübel sehen und nachweisen wollen, daß die Bürger ohne die - angeblich übertriebenen - Grundsätze der Liberalität und der Menschenrechte eventuell mehr Wohlstand und Frieden genössen. Dabei wird übersehen, daß auch in den asiatischen Ländern mit wachsender ökonomischer Autonomie des sich bildenden Mittelstandes ein Mentalitäts- und Wertewandel im Gange ist. Bei allen Unterschieden zeichnet sich hier eine Annäherung im "global village" ab. Es wirkte geradezu kontraproduktiv, zögen europäische Stimmen den Erfolg der Demokratie in Zweifel, wo doch demokratische Überzeugungen weltweit immer mehr Unterstützung finden. Ein Wertedialog muß von europäischer Warte mit behutsamem Selbstbewußtsein geführt werden. Nichts spricht dafür, daß der genuin europäische Gedanke des Zusammenklanges von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung den Herausforderungen der Zukunft nicht gewachsen wäre. Allerdings ist es intellektuell häufig schwieriger, die Ideen von Demokratie zu vertreten, weil es ein geschlossenes Konzept von Demokratie - das liegt in der Natur eines pluralistischen Ansatzes - nicht geben kann. Gleichwohl muß es einige Grundprinzipien wie die Menschenwürde geben, an denen nicht gerüttelt werden darf. Zweifellos geht die Dominanz des "Europäischen" und der "Westlichkeit" zu Ende - doch was tritt an deren Stelle? Die "Vormacht" des "Westens", die Vereinigten Staaten von Amerika, erleben als "melting pot" innergesellschaftlich gerade den schmerzhaften Prozeß, daß immer mehr die "europäische" Kultur - und sei es in den Stundenplänen der Schulen oder im Lehrangebot der Universitäten - zurückgedrängt wird, während Schwarze, Hispanics und Asiaten, aber auch indianische Ureinwohner - einen zunehmenden Einfluß einfordern, aus der bisherigen Mehrheitskultur ausbrechen, eigene Schulen errichten und Fernsehprogramme anbieten. Die USA, gerade in Asien häufig als Vorposten westlicher Kultur und westlichen Denkens empfunden, erleiden im Inneren selber einen langfristigen Desintegrationsprozeß, der auch als "Disuniting of America" 39 bezeichnet worden ist. Ist die politische und kulturelle Prägekraft Europas am Ende? Müssen sich insbesondere die Europäer auf das "asiatische Jahrhundert" vorbereiten, wie gefordert wird?40 Begründet wird dies unter anderem damit, daß die Wachstumsraten der asiatischen Volkswirtschaften teilweise überwältigend sind. Die Weltbank schätzt, daß im Jahre 2020 unter den zehn führenden Wirtschaftsmächten sieben asiatische sein werden - mit China noch vor den USA auf dem ersten Platz41. Gleichwohl ist nicht klar, wie lange dieses rasante Wirtschaftswachstum noch so weitergehen kann und wird. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugmann verunsicherte mit seinem in Asien vielgelesenen Artikel "The Myth of Asias Miracle"42 die politischen und wirtschaftlichen Führer vor allem Südostasiens - insgesamt entgehen einem Besucher Südostasiens nicht die Selbstzweifel, die zumindest in persönlichen Gesprächen geäußert werden, da die regionale Produktionskraft erheblich schneller anwächst als die Fähigkeit der Region, die Erzeugnisse zu absorbieren, ein zu langsamer Anstieg der regionalen Kaufkraft wird als einer der Faktoren für wirtschaftliche Unsicherheit konstatiert43. Hinzu kommt, daß angesichts der Tatsache der militärischen Aufrüstung vor allem der Volksrepublik China manche Unsicherheiten über die politische Stabilität der Region feststellbar sind ( als Beispiel sind hier nicht nur die Spratley-Inseln zu nennen, auf die neben der VR China auch weitere Staaten Ansprüche erheben). Dennoch ist der Stolz der Asiaten - insbesondere der Südostasiaten - auf ihre ökonomischen Erfolge mehr als nur verständlich.Auch ist verständlich, daß die Huntington-Thesen in Asien einen solchen Widerhall fanden, obwohl diese eine Reihe von Beobachtungen enthalten, die empirisch nicht widerlegbar sind. Denn es gibt bei allem Zusammenwachsen der Welt und des Sich-gegeneinander-Beeinflussens der Kulturen eine Ethnisierung der Politik, die auch vor Europa (Konflikt im früheren Jugoslawien, Auseinanderfallen der früheren Tschechoslowakei, gewachsene Bedeutung von Regionen in Nationalstaaten - siehe hier die Entwicklung in Norditalien; weiterhin gewaltsame Auseinandersetzungen in Nordirland, im Baskenland oder auf Korsika) nicht halt macht. Genannt seien ferner die politischen Entwicklungen in Afrika (so in Burundi und Ruanda). Die Bedeutung des Zusammenpralls der Zivilisationen - im Zeichen der Entwestlichung der Welt - wird auch von dem amerikanischen Politikwissenschaftler Benjamin R. Barber konstatiert, der die gegenwärtige Weltgesellschaft in einer explosiven Mittellage zwischen "McWorld" und "Djihad"sieht. 44 Nach seiner Auffassung gefährden die globale Marktwirtschaft und engstirniger Nationalismus das Staatensystem. "Während Djihad eine blutige Politik der Identitätssuche verfolgt, fördert McWorld eine unblutige Profitökonomie."45 Die Nationalstaaten als die historischen Beschützer der Demokratie - so seine These - würden durch die Internationalisierung der Märkte immer mehr an den Rand gedrängt. Auch die Thesen Huntingtons reihen sich in die politikwissenschaftliche Frage ein, welche Rolle der Nationalstaat heute noch zu spielen vermag - und in Sonderheit die USA als der einzig noch verbliebenen Supermacht. Die westliche Hegemonie verschwindet, ist aber noch nicht am Ende - wobei viele Staaten kritisieren, daß bei den wichtigsten internationalen Institutionen wie UNO, Weltbank, GATT bzw. WTO die westlichen Mächte nach wie vor bestimmend sind. Gleichwohl dürfte die These über den Zusammenprall von Zivilisationen und Kulturen auch einigermaßen verkürzt sein, denn sie reicht nicht aus, um die zahlreichen Konflikte am Ende dieses Jahrtausends zu erklären. So wird bei den Huntington-Thesen nicht genügend die sozial-ökonomische Tatsache berücksichtigt, daß gerade der fundamentalistische Islam darum in der "eigenen" Bevölkerung auf einen solchen Rückhalt stoßen kann, weil die Verelendung breiter Massen, ungelöste soziale Probleme, Unterentwicklung auch des Bildungssystems, die Ausbreitung fundamentalistischer Tendenzen geradezu fördern. Oder anders ausgedrückt: je mehr in den betreffenden Staaten eine soziale und politische Entwicklung einsetzt, um so weniger kann ein sich ethnisch und kulturell orientierender Fundamentalismus ausbreiten. Die Wirkung der Huntington-Thesen ist aber auch daraus zu erklären, daß multi-ethnische Staaten (wie die frühere Sowjetunion) auseinanderfielen und nach dem Ende des Kalten Krieges ein enormer Erklärungsbedarf bestand. Insoweit ist die von asiatischen Führern initiierte Wertedebatte ein Hinweise auf eine weltweite Identitätsdebatte, der wir uns nicht verschließen dürfen.
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