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American Institute for Contemporary German
Studies (AICGS-Advisor), 14. Dezember 2007
Merkels Stärke und die Schwäche der
CDU
By Gerd Langguth

Merkel kann zufrieden sein: Sie verließ
gestärkt den CDU-Bundesparteitag vom 3. und 4. Dezember in Hannover. Es war eine
„Heerschau" ihrer Partei, so etwas wie ein Zwischenbilanzparteitag inmitten
einer vierjährigen Regierungsperiode - und war doch ziemlich langweilig. Zwar
wurde ein Grundsatzprogramm der CDU verabschiedet - es handelt sich um das
dritte in der Geschichte dieser Partei - doch wurden selten wirkliche
Kontroversen sichtbar. Möglichst geschlossen zu wirken, das war immer schon das
Ziel jeder Parteitagsstrategie, und sie gelang auch diesmal. Auch wenn in der
Stadt an der „Leine" ein neues Grundsatzprogramm verabschiedet wurde: das
Programm heißt „Angela Merkel".
Doch wo steht Angela Merkel politisch? Diese
Frage stellten sich viele im Vorfeld des CDU-Bundesparteitages, und in Hannover
selbst. Als „die Puddingprinzessin" wurde Angela Merkel von der „tageszeitung"
verspottet. Das neue Grundsatzprogramm bestätigte aufs Neue die breite
Flügelbildung der „catch-all-party" CDU: mal etwas für die konservative Seele
der Wähler, mal was für die soziale, mal was für die liberale - so könnte man
meinen. Die besondere Integrationskraft der CDU rührt ja auch daher, dass sie
nie eine Klientelpartei war, die ein sehr präziseres Programm haben kann. Die
CDU-Erfolgsgeschichte gründet darin, dass sie es nach dem Zweiten Weltkrieg
verstanden hatte, diese drei Strömungen in der Gesellschaft - die soziale,
liberale und konservative - auf sich zu zentrieren. In einer Zeit des Kalten
Krieges war diese Integrationsleistung leichter als in der Gegenwart, in der die
Individualisierung und die Pluralisierung der Lebensstile und damit die
Auflösung herkömmlicher Milieus verbunden auf der Tagesordnung stehen. Der
Fast-Wahlverlust Merkels 2005 gründete darin, dass sie die soziale Flanke der
Partei im Wahlkampf nicht genügend sichtbar gemacht hatte. Merkel hat hieraus
gelernt. Sie weiß, dass die „neoliberalen" Positionen des Leipziger Parteitags
vom Dezember 2003 in einer Zeit der Globalisierung in Deutschland nicht
konsensfähig sind. Ihre praktische Politik stellt deshalb eine Korrektur von
„Leipzig" dar, was auch seinen Niederschlag im neuen Grundsatzprogramm fand.
Allerdings war die CDU nie eine
Programmpartei, die sich durch tiefschürfende intellektuelle Debatten auf allen
Ebenen der Partei ausgezeichnet hätte. Dennoch wurden immer schon durch
Programme Kursschwenks herbeigeführt. Der bekannteste ist die rasche Abkehr vom
Ahlener Programm des Jahres 1947, das die CDU in der damaligen britischen Zone
beschlossen hatte, eine Vergemeinschaftung von Großindustrien vorsah und so
etwas wie einen „christlichen Sozialismus" propagierte. Die CDU war letztlich
immer eine sehr pragmatische Partei - sie wollte an der Macht bleiben oder die
Macht erringen. Diesem Ziel dient auch das neue Grundsatzprogramm, das möglichst
breite Bevölkerungsschichten ansprechen soll. Und es hatte zugleich die
Funktion, der Parteibasis nach dem Erringen der Regierungsmacht vor zwei Jahren
eine sinnvolle Beschäftigung zu geben - unter dem Motto: durch die Beschäftigung
mit Grundsatzfragen wird die Regierungspraxis einer christdemokratischen
Kanzlerin am wenigsten gestört.
Andererseits haben Merkel und ihr
Generalsekretär Ronald Pofalla ihrer Partei auf leisen Sohlen so etwas wie einen
Modernisierungsschub verordnet. Ausweislich des Programmes ist die CDU in der
gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland angekommen. Denn
alles in allem fand die Familienpolitik der Ministerin von der Leyen in dem
neuen Programm breite Unterstützung. Frau von der Leyen hat mit ihrem Vorschlag,
die Zahl der Krippenplätze für Unter-dreijährige Kinder stark zu erhöhen, sich
zwar sozialdemokratischer Vorstellungen bedient, aber sie begründet das mit den
konservativen Werten des Erhalts der traditionellen Familie, und der
Wahlfreiheit der Frau, sich für Familie und Beruf gleichzeitig entscheiden zu
können. Und die CDU akzeptiert in diesem Programm auch alternative
Lebensgemeinschaften - für eine christlich-demokratische Partei wahrhaft eine
Revolution. Zum Modernisierungsschub gehört auch, dass Deutschland erstmals zu
einem „Integrationsland" erklärt wurde. Bislang wurde immer der Begriff
„Einwanderungsland" abgelehnt.
Merkel hat zwar in ihrer auf dem Parteitag
umjubelten Rede auch den konservativen Flügel gepflegt: So hat sie sich für
einen intensiven Lebensschutz ausgesprochen, sich hinter die Forderung nach
einer europäischen Leitkultur gestellt und sich gegen eine zunehmende
Islamisierung der Gesellschaft gewandt. Anderseits hat sie sich noch am gleichen
Tag in einer schwierigen Abstimmungssituation für eine Liberalisierung in der
Stammzellenpolitik ausgesprochen - und ihr Risiko auf dem Parteitag wurde mit
einer knappen Mehrheit belohnt. Das war die einzige, für Merkel wirklich
kritische Situation auf dem Parteitag. Die konservativen Katholiken in der CDU
schäumten. Der Kölner Kardinal Meissner hat nach dem Parteitag die Lockerung des
Stammzellengesetzes mit einem heftigen Angriff auf Forschungsministerin Annette
Schavan verbunden: Der Politikerin, die immerhin dem Zentralkommittee der
Deutschen Katholiken angehört, wurde Unwahrhaftigkeit und Prinzipienlosigkeit
und ein „Missbrauch" des Wortes „katholisch" vorgeworfen. Dies führte zu einer
Kritik des früheren Generalsekretärs und evangelischen Theologen Peter Hintze an
Meissner: „Das Gebot der Nächstenliebe ruft nach einer anderen Sprache und nach
einem anderen Geist."
Merkel ist die unumschränkte Herrscherin der
CDU - zumindest im Moment. Insbesondere die Ministerpräsidenten, bei denen im
Jahr 2008 Landtagswahlen stattfinden, sind derzeitig von ihr besonders abhängig:
Christian Wulff in Niedersachen und Roland Koch in Hessen, aber auch Ole von
Beust in Hamburg. Merkel ist es faktisch gelungen, so gut wie jede kritische
Diskussion auf dem Parteitag zu unterbinden.
Aber Merkel unterließ es, trotz mancher
Angriffe auf die SPD und insbesondere ihren Vorgänger Gerhard Schröder, den
Koalitionspartner allzu frontal anzugehen. Sie hat am stärksten das Interesse
daran, dass die Große Koalition noch zwei Jahre, bis zum Ende der
Legislaturperiode, weiterarbeitet. Sie ist so etwas wie eine präsidiale
Kanzlerin, die es inzwischen gelernt hat, sich nicht allzu sehr in die
Niederungen des politischen Streits hineinzubewegen - das überlässt sie ihren
jeweiligen Ministern. Das macht ihre derzeitige Beliebtheit in der Bevölkerung
aus.
Innerhalb der CDU gibt es schon ein
erhebliches Grummeln. Doch das wird nach Außen kaum sichtbar. Viele
Mittelständler in der Partei sind mit der Haltung der Parteiführung insbesondere
in Sachen „Mindestlohn" unzufrieden. In den ersten Jahrzehnten der
Bundesrepublik Deutschland gab es keinen vom Staat festgelegten Mindestlohn - im
Gegensatz zu vielen anderen Staaten der Europäischen Union oder auch der USA.
Insbesondere die Gewerkschaften legten in der Vergangenheit viel Wert auf die
Tarifautonomie. Solange sie noch stark waren, wollten sie, dass die
Tarifparteien die Lohnfestlegung vornahmen. Nachdem die Gewerkschaften an der
Basis immer schwächer wurden, veränderten sie ihren Kurs und fordern seitdem
Mindestlöhne. Deshalb schwenkte auch die SPD um, die diese Forderung dankbar
aufgreift. Nach ihrem Desaster mit den „Hartz-Forderungen" und der „Agenda 2010"
unter Ex-Kanzler Gerhard Schröder, die zu Parteiaustritten und erheblichen
Spannungen mit den Gewerkschaften geführt hatten, will sie mit der Übernahme
dieser Forderung um ein besseres Verhältnis zu den Gewerkschaften schaffen.
Durch eine schwierige rechtliche Konstruktion mit Hilfe eines schon zur
Kohl'schen Kanzlerzeit verabschiedeten „Entsendegesetzes" - damals ging es
darum, die Konkurrenz durch „preiswerte" portugiesische Wanderarbeitnehmer auf
dem Bau zu verhindern - kann jetzt der Staat Mindestlöhne festlegen, wenn dies
in einzelnen Branchen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen verlangt
wird. Selbst die überwiegende Mehrheit der CDU-Wähler ist für Mindestlöhne.
Gleichwohl weisen die politischen Schüler Ludwig Erhards, des Vaters des
deutschen Wirtschaftswunders, unverdrossen darauf hin, dass ein Mindestlohn kaum
mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung zu verbinden ist und die Lohnfindung
durch den Markt vorgenommen werden muss. Beim Thema Mindestlohn ist es der SPD
gelungen, Merkel und ihre CDU vor sich herzutreiben. Merkel hat sich noch kurz
vor dem Parteitag zu einem Kompromiss mit der SPD in Sachen Mindestlohn für
Postbedienstete entschieden. Sie wollte dieses Thema noch vor dem Parteitag
entschieden haben, damit sich in dieser Frage Delegierte nicht zu Wort melden.
Das Thema „Mindestlohn" wird eines der zentralen Themen des nächsten
Bundestagswahlkampfes sein.
Die CDU ist keine Partei, in dem ein Putsch
denkbar wäre. So etwas, was dem damaligen SPD-Vorsitzenden Scharping auf dem
Mannheimer SPD-Bundesparteitag 1995 passierte - nämlich durch eine kämpferische
Rede Oskar Lafontaines vom SPD-Vorsitz verdrängt zu werden - dies ist in einer
CDU auch der Gegenwart undenkbar. So lange Merkel gute Wahlergebnisse und
Meinungsumfragen einfährt, ist ihre Position ungefährdet. Gefahr droht ihr aus
den genannten Gründen derzeit von keinem Ministerpräsidenten. Nur wenn Merkel
eines Tages bei den Wahlergebnissen in ein politisches Schlingern gerät, dann
könnte es für sie parteiintern schwierig werden. Doch danach sieht es derzeit
nicht aus.
Zugleich bestreitet die CDU der SPD durch
einen semantischen Trick, zur politischen Mitte zu gehören. Denn das Motto des
Parteitages lautete: „Die Mitte". Wir erinnern uns an das einstige Ausrufen der
„Neuen Mitte" durch den damaligen Wahlkämpfer Gerhard Schröder 1998. Dieser
Begriff wurde zwar damals inhaltlich nicht gefüllt, doch sollte auch er einen
Kampf um die politische Mitte signalisieren. Denn eigentlich alle wollen „Mitte"
sein, denn dort wird in Deutschland der politische Kampf um die Mehrheiten
gewonnen. Merkel will mit dem Monopolanspruch auf die „Mitte" die SPD nach
ihrem Parteitag, wo die SPD an zahlreichen Stellen in ihrem neuen
Grundsatzprogramm den „Demokratischen Sozialismus" forderte, nach links
ausgrenzen. Sie will auf diese Weise Wähler von der tiefroten neuen „Linken"
zurückholen. Diesen „Linksruck" will Merkel, die mit Hinweis auf ihre einstigen
DDR-Erfahrungen jeden Sozialismus als potentiell totalitär darstellte, dazu
nutzen, die bisherigen Mitte-Wähler, die die SPD gewählt haben, an die CDU
binden.
Zugleich grast Merkel in ihrer praktischen
Politik auf den klassischen Themenfeldern der anderen Parteien: So will sie als
Klimakanzlerin in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen - nicht unbedingt
zur Freude des Koalitionspartners, der den Umweltminister stellt, und vor allen
nicht zur Freude der Grünen. Durch die Öffnung der CDU in der Frage der
alternativen Lebensgemeinschaften identifizierte sich die CDU auch mit einem
klassischen Thema der Liberalen, auch der Grünen. Und in der Familienpolitik
greift Merkels Ministerin von der Leyen auf SPD-Konzepte zurück, womit erstmals
seit Jahrzehnten die CDU wieder als eine Partei gesehen wird, die sich den
sozialen und finanziellen Aspekten von Familien verschreibt. Zudem - siehe
Empfang des Dalai Lama im Bundeskanzleramt durch Merkel - verschreibt sich
Merkel der Menschenrechtspolitik, weshalb es umso erstaunlicher ist, dass
Vertreter der Grünen Merkel deshalb kritisieren.
Bei Merkel gibt es ein Phänomen: Die sie als
Person betreffenden Umfragen sind für sie bedeutend günstiger als für ihre
eigene Partei. Zur Kohl-Ära war das genau umgekehrt: Kohl hatte relativ
schlechte Persönlichkeitswerte, die Union dafür sehr viel bessere. Oder anders
ausgedrückt: Merkel zieht mit ihrem hohen Ansehen derzeit ihre eigene Partei
nach oben. Mal sehen, wie lange das anhält. Merkels hohes Ansehen hängt aber
auch damit zusammen, dass sie als christlich-demokratische Kanzlerin in weiten
Teilen eine sozialdemokratisch inspirierte Politik betreibt. Dies entspricht der
Konsenssehnsucht vieler Deutscher. Deutschland ist als Konsensdemokratie
institutionalisiert worden. Merkel spielt auf dieser Konsens-Klaviatur perfekt.
Bisher.

Professor Gerd Langguth teaches Political Science at the
University of Bonn and is the author of a biography on Chancellor Merkel: "Angela
Merkel - Aufstieg zur Macht." He also is a frequent participant in AICGS
events and workshops.
This essay appeared in the December 14, 2007,
AICGS Advisor.
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