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Abendzeitung München, 9. September 2008
„Die SPD hat einen anarchischen Charakter“
AZ: Herr Langguth, nutzt die neue Konstellation der SPD – oder schadet sie ihr? GERD LANGGUTH: Sie wird ihr nützen, denn so wie die Personalkonstellation bislang war, war das der Super Gau für die SPD. Noch bin ich aber gar nicht sicher, wie der Bundesparteitag ablaufen wird, auf dem Müntefering zum Parteichef gewählt werden soll. Das heißt, Sie glauben an einen Putsch der Linken? Aus Sicht von Linken innerhalb der SPD ist jetzt etwas Verhängnisvolles eingetroffen: Die alten Schröderianer sind zurückgekehrt! Der Hauptverfasser der Agenda 2010 soll Kanzlerkandidat werden. Und der, der die Agenda als Parteichef durchgesetzt hat, soll erneut Parteivorsitzender werden. Da bin ich gespannt, ob die Linke das mit sich machen lässt. Noch vor wenigen Tagen hat es einen Aufruf von 60 prominenten Abgeordneten gegen die Fortführung der Agenda 2010 gegeben. Die können doch jetzt nicht völlig still bleiben. Beim Mannheimer Parteitag 1995 hat Oskar Lafontaine Rudolf Scharping aus dem Amt gejagt. Die SPD hat manchmal einen anarchischen Charakter. Welche Auswirkungen hat das SPD-Chaos auf die große Koalition? Keine großen, es gab immer schon eine Konkurrenz-Situation zwischen Steinmeier und Merkel. Die große Koalition wird bis zur bitteren Neige gehen. Der Ton wird immer rauher werden. Die Partei, die als erste aus der Koalition ausscheidet, wird vom Wähler bestraft. Deutschland steht jetzt ein einjähriger Wahlkampf bevor. Welche Rollenverteilung wird es zwischen Müntefering und Steinmeier geben? Steinmeier kann sich jetzt nicht mehr wie bisher nur als Außenpolitiker präsentieren, muss sich auch in der Breite der Innenpolitik profilieren. Müntefering ist ein Machtmensch, der vieles bestimmen will. Das wird auch Steinmeier wissen. Das heißt, Sie sagen Ärger zwischen den beiden voraus? Müntefering ist der Stärkere, weil er mehr parteipolitische Erfahrung hat. Der Parteivorsitz ist die Quelle der Macht – kein Ministeramt oder Kandidatenstatus kann da mithalten. Ich glaube, dass beide klug genug sein werden, Spannungen in dieser Krisensituation der SPD zu vermeiden. Welchen Kurs wird die SPD einschlagen? Schon als Kanzlerkandidat wird Steinmeier auf Agenda- Kurs gehen. Ich bin mir sicher, dass er weiß, dass seine Chancen gering sind. Wenn er nicht Kanzler wird, ist sehr schnell die nächste SPD-Generation am Werk: die Wowereits und die Ypsilantis. Dann wird die SPD ein stärker linkes Profil bekommen – und die Frage wird sich stellen, worin dann noch ein Unterschied zur Linkspartei besteht. Welche Chancen hat Steinmeier gegen Merkel? Steinmeier ist ein effizienter Beamter, aber er hat das Manko, noch nie Wahlkampf gemacht zu haben. Ich glaube, dass er es auch auf dem eigenen Feld der Außenpolitik schwer haben wird, Profil gegenüber Merkel zu gewinnen. Außenpolitik wird immer stärker vom Kanzleramt gemacht. Merkel ist sehr geschickt im Reagieren auf Steinmeiers Aktivitäten. Interview: V. ter Haseborg
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