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Tages-Anzeiger, Zürich, 1. Dezember 2008
«Angela Merkel will nie hektisch agieren» Zum heutigen CDU-Parteitag erklärt der Merkel-Biograf Gerd Langguth die stoische Haltung der Kanzlerin in der Krise und weshalb sie gern die SPD kopiert. Mit Gerd Langguth sprach Sascha Buchbinder
Da erhöht Angela
Merkel zu Beginn
ihrer
Amtszeit die Mehrwertsteuer,
und drei
Jahre später
verspricht
die CDU: Falls die
Kanzlerin
wiedergewählt
wird, gibt
Das ist politischer
Realismus. 2005 hat
Merkel etwas Einmaliges
gemacht: Sie hat
vor der Wahl unpopuläre
Steuererhöhungen
angekündigt. Inzwischen hat sie
dazugelernt.
Sie hat erkannt, dass ihr
früherer,sogenannt neoliberaler Kurs bei der Bevölkerung
nicht gut ankommt. Der
Leitantrag
für den heutigen Parteitag
bringt
entsprechend eine Abkehr vom
Leipziger
Reformparteitag 2003, der eine
ganze
Reihe von Zumutungen
angekündigt hatte. Aber Angela Merkels
eigene Überzeugung
war im Leipziger Papier doch
treffend
zusammengefasst.
Tatsächlich betonte Angela
Merkel den
Wert der individuellen Freiheit
und geht
in ihrem Denken vom
Leistungsprinzip
aus. Aber die CDU ist eine
Volkspartei.
Ihre teilweise grandiosen
Wahlerfolge in
der Zeit vor Angela Merkel
hatte die Partei
nur erzielt, weil sie breit
aufgestellt war,
weil sie sowohl ihre
Wirtschaftskompetenz
ausspielte als auch ihre Nähe
zu den
Arbeitnehmern pflegte und durch
ihre
politische Aufstellung die
Sicherheit von
Da haben Sie wahrscheinlich
recht.
Aber beachten wir das Umfeld:
Nicht nur
in Deutschland haben wir wegen
der
Finanzkrise eine tiefe
Verunsicherung des
bürgerlichen Mittelstands
– mithin der
CDU-Hauptklientel
–, weshalb auch von
dort laut der Ruf nach
dem starken Staat
ertönt. So ist auch die
deutliche Mehrheit
der Unionswähler für
gesetzliche Mindestlöhne. Beim letzten Parteitag
geisselte Angela
Merkel die gierigen Manager.
Dieses Jahr
sind die Banker die
Sündenböcke. Bedient
die Vorsitzende einmal im Jahr
die Revanchegelüste
der enttäuschten Mehrheit?
Ja sicher. Wobei unser Bundespräsident die Banker sogar noch heftiger kritisiert hat. Diese populistische Argumentation ist insofern erstaunlich, als Horst Köhler früher selber Teil des Bankensystems gewesen ist. Angela Merkel will vor allem der SPD Wind aus den Segeln nehmen. Das schmerzt die Sozialdemokraten. Dass die Kritik dabei etwas pauschal ausfällt, ist bedingt verzeihlich, weil Pauschalisierungen in der Politik unvermeidlich sind. Wenn Deutschland
nächstes Jahr in eine
schwere Rezession schlittert,
was dann? In einer krisenhaften Situation schart sich die Bevölkerung normalerweise um die Regierung – wenn sie denn handlungsfähig ist. Insofern hat Angela Merkel gute Chancen, die Krise zu überstehen. Sie muss allerdings überzeugend operieren.
Bei aller
Wirtschaftsliberalität, die sie
rational in ihrem Inneren hegt:
Sie ist doch
nur eine gelernte
Christdemokratin. Die
CDU-Überzeugungen sind für sie
nichts
Zwingendes, vielmehr kann sie
sehr gut
mit sozialdemokratischen
Lösungen leben. Wir sahen das die letzten drei Jahre,
als sie den
Sozialdemokraten Themen
weggenommen und diese dadurch
sprachlos
und zum Teil profillos gemacht
hat. Eine Taktik, die aber
dazu geführt hat, dass
auch das Profil der Kanzlerin
litt. Viele in
der Partei sind deshalb
unzufrieden. Stimmt. Aber die CDU ist
eine bürgerliche
Partei. Da werden keine
Putschpläne
ausgebrütet. Solange Angela
Merkel Wahlsiege
bringt, ist ihre Stellung
ungefährdet.
Durch die Schwäche der
Ministerpräsidenten
hat sie derzeit sogar eine
innerparteiliche
Stärke wie Kohl zu seinen
besten Zeiten. Diese Ausnahmestellung
bedeutet auch,
dass Angela Merkel sehr einsam
ist.
Wie gravierend ist das?
Politik macht immer einsam,
und Angela
Merkel war nie so gut vernetzt
wie
Kohl, weil sie erst mit 36
Jahren und gleich
weit oben in die Politik
eingestiegen ist.
Inzwischen hat sie ein eigenes
Netzwerk
in der CDU, aber es läuft nur
solange gut,
als die Regierungsarbeit
funktioniert. Im
Moment ist sie die Einzige, die
die CDU
nächstes Jahr zu einem Wahlsieg
führen
kann. Das ist ihre Stärke
– vor allem das.
Es gäbe doch auch
vorzeigbare Erfolge.
Letztes Jahr wurden in
Deutschland 12 000
Babys zusätzlich geboren. Warum
gilt die
Politik von Ursula von der
Leyen der CDU
noch immer so wenig?
Es gibt eine Minderheit in
der Partei, die
einem alten Frauenbild anhängt.
Das muss
die CDU im Auge behalten. Aber
die
Mehrheit der Wähler ist für
Frau von der
Leyens Kurs. Auch konservative
Wähler
befürworten diese Politik, weil
sie die
Frauen nicht vor die Wahl
stellt «Kind
oder Familie?», sondern
versucht, beides
zu verbinden. Ausserdem hat
Ursula von
der Leyen Familie und Frauen
als Themen
für die CDU zurückgewonnen,
nachdem
das jahrzehntelang eine
SPD-Domäne war. Angela Merkel hat das
auffallend stark unterstützt.
Geht
es um eine Massnahme, um
die chronische Schwäche der CDU
bei den
jungen Frauen als Wählerinnen
zu kurieren? Sie hat erkannt, dass Frauen für die CDU bei der Wahl das grössere Problem sind als die Männer. Aber ich bin überzeugt, dass nächstes Jahr manche Frauen erstmals die CDU wählen werden, weil es sie stolz macht zu beobachten, wie eine Frau in dieser Führungsposition besteht.
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