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Interview mit Tages-Anzeiger, Schweiz, 29. April 2008

 

„Merkel hat einen ziemlich durchdringenden Charme“

  
Die Willensstärke der deutschen Kanzlerin zu unterschätzen, ist sträflich. Der Merkel-Biograf Gerd Langguth erklärt, warum sie Spitzenleistung bringen will. Mit Gerd Langguth sprach Sascha Buchbinder.

 

In ihrer politischen Biografie der CDU-Vorsitzenden haben Sie Angela Merkel - kurz vor ihrer Wahl - als «Sphinx» beschrieben. Wissen Sie inzwischen genauer, wer Angela Merkel ist?

Sie ist eine Persönlichkeit, die sich durch Spitzenleistung verwirklichen will. Sie sucht Selbstbestätigung in der von anderen anerkannten Leistung. Das war so gegenüber ihrer Familie, als sie noch Klassenbeste in der Schule war, und gilt auch noch heute, nachdem sie, die Ostdeutsche, gegen den Widerstand mächtiger Männer Kanzlerin wurde.

Dann ist Merkel ein unglücklicher Mensch. In der deutschen Presse findet ihre Leistung derzeit kaum Anerkennung.

Als rational operierende Politikerin weiss sie, dass ein Medienhype, wie sie ihn die ersten zwei Jahre ihrer Kanzlerschaft erlebt hat, nicht anhalten konnte. Trotzdem: sie hat enorme Popularitätswerte, höher als Gerhard Schröder, höher als Helmut Kohl und besser als die Werte ihrer Partei. Das ist bemerkenswert. Selbst Kohl hatte schlechtere Werte als seine Partei. Das macht die Situation besonders interessant.

Interessant? Mir sind die Zahlen ein Rätsel. Denn gleichzeitig sagen die Umfragen: die Deutschen sind für Mindestlohn, gegen die Bahnprivatisierung, gegen Atomkraft … Kurz gesagt sind die Merkel-Unterstützer für ein Programm, das in allen Punkten den Positionen der Kanzlerin widerspricht. Wie passt das zusammen?

Das Geheimnis besteht darin, dass wir eine grosse Koalition haben: Frau Merkel repräsentiert in den Augen der Menschen etwas „Reform“, steht für etwas Veränderung. Zugleich steht der Regierungspartner, die Sozialdemokratie, für Sozialkonservatismus, für möglichst wenig Veränderung im Sozialen. Viele Deutsche lieben den Konsens. Merkel hat zudem eine klare Sprache, die sie von anderen Politikern unterscheidet, und ihre Auftritte in Europa und der Welt geben ihr ein ganz eigenes Charisma.

Die Kanzlerin vereint in ihrer Person, was sich eigentlich ausschliesst?

Genau. Seit sie Kanzlerin wurde, ist Merkel nicht mehr die harte, fordernde, an den Reformwillen appellierende Persönlichkeit des Leipziger CDU-Parteitags von 2003. Mit dieser Position hatte sie 2005 die Wahlen fast verloren. Sie musste feststellen, dass die Deutschen keine harten Zumutungen wollen und spielt seither auf der sozialen Klaviatur.

War sie denn jemals eine entschlossene Reformerin?

Ein Stück weit schon. Sie hat die Kultur des „rheinischen Kapitalismus“ der Bonner Republik mit ihren nur sanften Zumutungen an die Bürger und wie generell der Konsensdemokratie nicht im gleichen Masse verinnerlicht wie andere Politiker. Sie ist erst als 36-Jährige zur Politik gestossen. Sie ist keine Person, die die westdeutsche Seele genau kennt. Ihr Ansatz ist eher der mechanistische einer Physikerin - und dazu haben vor der Wahl ihre Reformvorschläge sehr gut gepasst. Aber heute ist ihr Interesse ein anderes: Sie will an der Macht bleiben und verteidigt diese sehr geschickt. Trotzdem sehe ich ihre Politik nicht als wertfrei an, wie viele meinen.

Was ist Merkels zentraler Wert?

Die Freiheit. Sie hat Unfreiheit erlebt. Zu DDR-Zeiten war sie zwar keine Widerstandskämpferin, vielleicht eher eine Mitläuferin, jedenfalls hat sie ihre Nische gesucht, zugleich das blaue Hemd der kommunistischen Freien Deutschen Jugend getragen - aber ihr Freundeskreis, ihre akademischen Lehrer waren gegenüber dem System kritisch eingestellt und als Pfarrerstochter wuchs sie in einem Elternhaus auf, in dem „Bürgerlichkeit“ überleben konnte.

Vor der Wahl schrieben Sie, Merkel habe keine Idee der Zukunft. Sehen Sie das immer noch so?

Sie ist keine Geschichtsdeuterin und tut sich schwer, Utopien zu entwerfen. Aber die einstige Umweltministerin unter Kohl will das Klimaproblem lösen helfen,  auch die Probleme der Globalisierung. Da hat sie Überzeugungen - oder wenn man will: reale Utopien. Mehr jedenfalls, als ihre Vorgänger Schröder oder Kohl je hatten. Man kann ihr nicht absprechen, dass sie die Probleme der Welt erkennt und Antworten finden will.

Was mir als Journalist beim Beobachten der Kanzlerin auffällt: Sie wirkt immer gelöster. Sie scherzt auch in der Öffentlichkeit. Hat sie doch noch gelernt, ihren Charme politisch zu nutzen?

Absolut. Sie hat inzwischen sogar ihre Körperlichkeit, ihr Aussehen in die politische Arena eingebracht. Denken Sie nur, wie sie früher für ihre Frisur verspottet wurde! Die Stimmen sind verstummt. Sie hat die Rolle der Kanzlerin voll angenommen und ich glaube, dass sie sich auch heimlich darüber freut, mit welcher Ehrfurcht ihr inzwischen viele Männer gegenübertreten.

Beim Volk ist Merkel beliebt und von der eigenen Parteibasis wird sie geradezu geliebt - aber an der Parteispitze bekämpfen sie die Parteimatadoren noch immer heimlich. Stimmt der Eindruck?

Dass sie in der Bevölkerung so beliebt ist, hängt damit zusammen, dass sie dem Typus des Wechselwählers entspricht. Sie denkt nicht in ideologischen Kategorien. Sie hat eine relativ moderne Auffassung von der Gesellschaft. Bei Fragen wie der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder der Stammzellenforschung vertritt sie Positionen, die nicht den traditionellen Auffassungen der CDU entsprechen. In der Partei wird sie trotzdem solange geliebt, wie sie Wahlerfolge bringt. Hingegen ist die ostdeutsche Kultur, die sie mitbringt - obwohl sie sich zur Gesamtdeutschen entwickelt hat - den westdeutschen Parteimitgliedern immer noch fremd geblieben. Dass es Funktionsträger in den oberen Parteichargen gibt, die ihr kritisch gegenüber stehen, ist das normalste der Welt: Je höher man kommt, desto bleihaltiger wird die Luft.

Die Parteivorsitzende als Verkörperung des Wechselwählers? Das ist heftig.

Das ist realistisch. Sie muss natürlich die CDU als Partei repräsentieren. Aber eine kluge Vorsitzende muss immer zweierlei tun: Stammwähler mitnehmen und potentielle neue Wähler einbeziehen. Ich bleibe dabei: von ihrem Habitus, von ihrer Art des Argumentierens her, orientiert sie sich auf Wechselwähler hin. So hat sie auch die schwarz-grüne Koalitionsbildung in Hamburg mit Wohlwollen begleitet. Sie tut sich schwer, das „typisch“ Christdemokratische zu repräsentieren. Das heisst nicht, dass sie nicht auch CDU-Positionen vertritt. Aber der klassische CDU-Wähler leidet gelegentlich an seiner Vorsitzenden.

In der Innenpolitik ist Merkel eine Frau des Ausgleichs. Dagegen mussten die Georgier und Ukrainer am Nato-Gipfel gerade erleben, dass sie in der Aussenpolitik kein Pardon gegenüber kleineren Staaten kennt. Muss sich die Schweiz warm anziehen?

Merkel hat ein großes Gespür für die Kraft der Mittleren und Kleinen. Das sieht man in der EU. Ihr Ansehen dort verdankt sie der Tatsache, dass sie gerade nicht ein Direktorium der Grossen anstrebt. Für die Schweiz hat sie zudem ein ausgesprochenes Faible. Aber auch ihre Schweizer Gesprächspartner werden eine Erfahrung machen müssen, die niemandem erspart bleibt: Sie ist sehr gut vorbereitet. Sie hat ihre Files gelesen, sie hat - wenn sie etwas durchsetzen will - einen ziemlich durchdringenden Charme und kann mit einem Lächeln harte Positionen vertreten - aber nicht in typisch-deutschem Basta-Stil, sondern getrieben von der Logik ihrer Argumentation.