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 TZ München, 4. Dezember 2007

TZ-Interview mit Gerd Langguth, Politologe und Merkel-Biograf

 

Das Motto des CDU-Parteitags ist „Die Mitte". Was darf man sich darunter vorstellen?

Gerd Langguth: Die CDU versteht sich als eigentliche integrierende Partei der Mitte und wirft der SPD mit diesen Slogan zunächst mal einen deutlichen Linksruck vor. Die Mehrheit der Bevölkerung will ja zur Mitte gehören undwenn die SPD nun nach links ausgegrenzt wird, erhofft sich die CDU dadurch natürlich Vorteile.

Wie wichtig ist das neue Grundsatzprogramm für die CDU?

Langguth: Die CDU ist keine ideologische, sondern eine pragmatische Partei. Da spielen Grundsatzprogramme in der alltäglichen politischen Arbeit nur eine untergeordnete Rolle.

Wieviel Merkel steckt denn in dem Programm?

Langguth: Angela Merkel ist im Moment selbst das Grundsatzprogramm. Dementsprechend viel Merkel steckt jetzt auch in dem Programm. Sie hat der Partei auf Samtpfoten einen Modernisierungsschub verpasst.

Wo wird das besonders deutlich?

Langguth: Etwa in der Familienpolitik. Die Akzeptanz von anderen Lebensgemeinschaften außerhalb der Ehe wäre in früheren Programmen der CDU unvorstellbar gewesen. Das zeigt, dass die Partei in der gesellschaftlichen Realität angekommen ist. Und sie nimmt der SPD eines ihrer Paradethemen der letzten Jahrzehnte.

Ist das Paradebeispiel dafür, wie sie Themen der anderen Parteien übernimmt?

Langguth: Ja, die Klimapolitik ist ein weiteres Beispiel dafür. Merkel hat dieses Thema voll besetzt und will als Klimakanzlerin in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen,

Kann dieses Vorgehen auch gefährlich für sie sein?

Langguth: Merkel muss darauf achten, dass der Schulterschluß mit der eigenen Partei bestehen bleibt. An der Basis gibt es schon ein Grummeln, dass sie zu wenig wirtschaftsliberale Positionen vertritt. Wenn etwa Friedrich Merz diesem Parteitag ferngeblieben ist, dann ist das schon ein Signal!

In letzter Zeit wurde der Union häufig eine „Sozialdemokratisierung“ unterstellt…

Langguth: Man muss unterscheiden zwischen Partei und Regierung. Das hohe Ansehen Merkels kommt daher, dass sie einen großen Anteil sozialdemokratischer Politik übernommen hat und diese jetzt als christdemokratische Kanzlerin vertritt. Das kommt dem deutschen Wähler entgegen, der nicht den harten Streit sucht, sondern den Konsens sucht.

Dafür wurde Merkel kaum noch als Parteichefin sondern eher als präsidiale Kanzlerin wahrgenommen

Langguth: Beim Wähler kann sie so am besten punkten. Auch Merkels Parteitags-Rede war – bei allen Schärfen, gegenüber der SPD, die die konservative Basis ansprechen sollte – doch auf Konsens angelegt. Sie will Konsenskanzlerin sein und auf längere Sicht auch bleiben.

Dabei war Merkel bei der letzten Bundestags-Wahl noch als Radikalreformerin angetreten. Warum dieser Wandel?

Langguth: Sie hat erkannt, dass harte Reformpolitik die Wähler abschreckt. Sie will den Vorwurf sozialer Kälte um jeden Preis vermeiden.

 
Interviewer: Marc Kniekamp