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aus: Die Welt, 7. Februar 2001

Wo ist der Jost Stollmann des Kandidaten Edmund Stoiber?

Ein Wahlkampfexperte gibt dem CSU-Chef Tipps

Von Gerd Langguth

Edmund Stoiber wird sich in diesen Tagen vieler gut gemeinter Ratschläge kaum erwehren können. Nach anfänglicher Unsicherheit scheint der frisch gebackene Unionskandidat immer mehr in die Rolle des ernst zu nehmenden Herausforderers hineinzuwachsen. Jeder Schritt und Tritt wird jetzt minutiös beobachtet - und seine Auftritte beim Wahlkampfauftakt in Frankfurt am Main, auf der sicherheitspolitischen Tagung in München oder gestern in Neubrandenburg taten seinen Anhängern gut.

Stoiber will nicht das Schicksal von Johannes Rau erleiden: Als der damals äußerst populäre Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen als Kandidat gegen Kanzler Helmut Kohl aufs Schild gehoben wurde, führte dies zu einem massiven Einbruch in der Wählerschaft. Das Vertauschen der Düsseldorfer mit der Bonner Bühne war für den 1987 bundespolitisch weit gehend unerfahrenen Rau und seine Partei ein Desaster.

Stoiber gilt als einer der wenigen beratungsfähigen Spitzenpolitiker. Umso mehr irritierte die Quasi-Entmachtung des auf den Fernsehschirmen inzwischen sehr bekannten, sympathisch wirkenden CSU-Generalsekretärs Thomas Goppel, was sich für Stoibers Darstellungskraft kaum positiv auswirken dürfte. Wichtig ist aber jetzt, dass die Wahlkampfmaschine zum Laufen kommt: Moderne Wahlkämpfe sind auf Tempo, auf Reaktionsschnelle angelegt. Die komplizierte Wahlkampfmaschinerie erschwert die Chancen des Unionskandidaten. Während die "Kampa"-erfahrenen und mit viel Geld ausgestatteten SPD-Wahlkampfleiter Franz Müntefering und Matthias Machnig schon munter eine Strategie entwickeln konnten, gab (und gibt?) es auf der Unionsseite noch Kompetenzgerangel. Durch verschiedene Arbeitseinheiten entsteht Koordinierungsbedarf zwischen Berlin und München und dem übergeordneten "Headquarter" (welch ein Begriff!). Es besteht neben den Parteichefs und dem Fraktionsvorsitzenden aus einigen herausgehobenen Unionspräsidiumsmitgliedern. Hingegen sitzen die an der Wahlkampfführung nicht beteiligten Präsidiumsmitglieder weit gehend auf den Zuschauerbänken und sind damit faktisch entmachtet. Dies dürfte nicht gerade zur parteiinternen Integration beitragen. Eine regelmäßige und systematische Abstimmung zwischen Angela Merkel, Friedrich Merz und Stoiber ist Erfolg versprechender als eine komplizierte Gremienabstimmung.

Die C-Opposition muss das Image der Regierungsparteien jetzt so beschädigen, dass sie sich nicht davon erholen, selbst wenn sich im Laufe des Jahres die Wirtschaft aufhellen sollte. Ob angesichts einer in mehreren Ressorts schwächelnden Regierung wirklich eine Wechselstimmung entsteht, hängt weit gehend vom Auftreten des Unionskandidaten ab. Was also ist Stoiber zu raten?

Erstens: Zeige Profil, ohne zu viel Profil zu zeigen. Die von Gerhard Schröder und Franz Müntefering gestellte Polarisierungsfalle hat Stoiber erkannt. Er sollte sich gleichwohl nicht verbiegen. Seine Stärken müssen als Stärken sichtbar bleiben. Allzu viel Geschmeidigkeit und ein Glattbügeln des eigenen Profils würde der Wähler nicht honorieren.

Zweitens: Arbeit, Arbeit, Arbeit! Derjenige Kandidat hat in Zeiten der Rezession die besten Chancen, der eine überzeugende wirtschaftspolitische Vision vertritt. Auch in den neuen Bundesländern ergeben sich nach der erneuten Überschreitung der psychologischen Vier-Millionen-Arbeitslosen-Marke gute Unionschancen. Die bayerische ökonomische Situation ist ein Marken- und Kompetenzzeichen. Die Bevölkerung muss die ordnungspolitischen Prinzipien einer sozialen Marktwirtschaft erkennen können. Gerade weil die CSU für ihren Staatsinterventionismus bekannt ist, sollte Stoiber wirtschaftspolitisch nicht ein "besserer Schröder" sein, sondern die originäre Politik der Union kantig vertreten. Mit Interesse wird zu sehen sein, ob die in den Unionsparteien bislang so unterschiedlichen Antworten auf Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit und Steuerpolitik harmonisiert werden können.

Drittens: Zeige Mut und besetze die Themen! Nicht nur junge Menschen wollen wissen, wie die wichtigen Zukunftsthemen unseres Landes (Bildungspolitik im Lichte der Pisa-Studie, Entwicklungen in einer Informationsgesellschaft) angepackt werden sollen. Die wenigen Monate bis zum 22. September müssen genutzt werden, durch regelmäßige inhaltliche Präsenz die rot-grüne Koalition in die Defensive zu bringen. Für die Profilbildung ist die Konzentration auf wenige Themen wichtig. Dazu gehören innere wie auch äußere Sicherheit.

Viertens: Komme mit interessantem Personal! Namen sind nicht alles, aber ohne kraftvolle und ideenreiche Personen ist alles nichts. Wochenlang hatte der damalige Kanzlerkandidat Schröder die Medien beherrscht, weil er zwei wählerwirksame Einsteigertypen aufbot - auch wenn der eine (Jost Stollmann) gar nicht mehr antrat und der andere (Michael Naumann) inzwischen die Flucht in den Journalismus angetreten hat. Im Gegensatz zu 1980 kann sich der Kandidat aus Bayern auf allen Ebenen der CDU uneingeschränkter Unterstützung erfreuen - denn nichts eint mehr als die konkrete Utopie einer Rückgewinnung der Macht. Auf den Kanzler(kandidaten) kommt es an!