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RHEINISCHER MERKUR, 26. Januar 2006

UMFRAGEHOCH  / Meinungsforscher bescheinigen Angela Merkel traumhafte Sympathiewerte
 
Sie kann's doch
 


All jene, die an ihren Fähigkeiten gezweifelt hatten, straft sie Lügen: Weshalb ihr in den ersten Wochen als Kanzlerin so gut wie alles glückt.

GERD LANGGUTH
 
 


Es ist schon ein Phänomen: Kaum einer fragt noch nach Gerhard Schröder. Sieben Jahre rot-grüne Koalition verblassen ungewöhnlich schnell. Manchmal scheint es, als sei Angela Merkel schon seit längerer Zeit im Amt. Warum kann die Neu-Kanzlerin in demoskopischen Werten baden, die Kohl wie Schröder nie erreicht hatten?
 

Merkel wurde, wie so häufig in ihrem Leben, unterschätzt. Durch eine ziemlich verhunzte Wahlkampfführung blieb die „bekannte Unbekannte“ den Deutschen in Ost und West fremd. Den Westdeutschen erschien sie als eine „von drüben“, die Ostdeutschen nahmen sie als eine längst zur Westdeutschen Mutierte wahr. Zugleich hatte sie die Sorgen und Nöte vieler Millionen Menschen im Zeitalter der Globalisierung unterschätzt. In der Wahlwerbung blieb unberücksichtigt, dass sie als Mitglied zweier Kohl-Kabinette – besonders als Umweltministerin – durchaus internationale Erfahrung gesammelt hatte. Schröder hingegen war vor 1998 weitgehend niedersächsischer Regionalpolitiker geblieben.

 

Weniger Show

 

Die Zähigkeit Merkels, ihre Fähigkeit, eine faktische Wahlniederlage in einen Wahlsieg umzumünzen, haben ihre Anerkennungswerte in der Bevölkerung erhöht. Mutig hatte sie alles auf eine Karte gesetzt, als sie sich zwei Tage nach der desaströsen Wahl in der Bundestagsfraktion als Fraktionsvorsitzende hat wählen lassen. Sie erhielt in geheimer Wahl nur drei Gegenstimmen und wurde damit gestärkt. Viele Neinstimmen hätten jenen zugearbeitet, die nur bei einem gemeinsamen Verzicht von Schröder und Merkel eine Große Koalition als möglich erachteten.

 

Die Sozialdemokraten haben den raschen Anstieg von Merkels Sympathiewerten erst möglich gemacht: Schröder, der am Wahlabend unter dem Einfluss von Aufputschmitteln zu stehen schien, hatte in der Bevölkerung, wo sich doch viele den Sinn für Fair Play bewahrt hatten, die Merkel-Solidarität befördert. Früher als Schröder sahen sie das Ende des rot-grünen Projekts. Schröders Gasprom-Versorgung schadete seinem Image – und dem der SPD. Veröffentlichungen zur Irakpolitik der abgelösten Regierung schwächten die SPD, zumal besonders der neue Außenminister bislang politisch noch nicht so richtig in Fahrt kam. Die Trennung von Parteivorsitz und Vizekanzlerschaft hat sich bislang nicht ausgezahlt.

 

Ein amtierender Regierungschef hat es auch im Verhältnis zu einem fast gleich starken Koalitionspartner leichter, sich ins rechte Rampenlicht zu setzen, zumal das Abschreiten von Ehrenformationen der Bundeswehr oder gemeinsame Pressekonferenzen mit Bush oder Putin für das neue Merkel-Bild hilfreich waren. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Amt antrat, ihre Unaufgeregtheit dürften die Hauptursachen für die gegenwärtige Merkelsche Beliebtheit sein: Sie reduzierte den Showanteil drastisch zugunsten des Sachanteils. Der Verzicht auf Show und ihre protestantische Kargheit erklären die starke Zustimmung zu ihrer Person. Auf einmal kommt eine Dame in Schwarz auf die Bühne, ohne das Brimborium lauter politischer Fanfarenstöße – und redet, ziemlich direkt, analytisch. Einen Rednerpreis wird sie wohl kaum erhalten, ihre Sprache ist nicht schön oder kunstvoll. Goethe hat sie wohl schon lange nicht mehr im Reisegepäck gehabt. Aber sie wirkt sachlich. Das kommt an.

 

Warme Töne

 

Merkel hat verstanden, dass die Zeit großer, visionärer Reden und Beschlüsse vorbei und eine Politik der kleinen Schritte gekommen ist. Sie hat selbst erleben müssen, dass ihre eigenen bedeutenden Ankündigungsreden und der Reformparteitag von Leipzig nicht zu einer großen Aufbruchstimmung geführt haben. Niemand soll ihr künftig vorwerfen können, sie habe vollmundige Ankündigungen nicht in die Tat umgesetzt. Damit setzt sie sich von ihren beiden Vorgängern ab.

 

Die Große Koalition entspricht der unpolitischen Sehnsucht vieler Deutschen nach Konsens. Viele sehen es gerne, wenn etwas Wechsel kommt, verkörpert durch Merkel, aber nicht zu viel Wechsel, verkörpert durch Müntefering. Merkel steuerte zudem sofort um. Schon in ihrer Antrittsregierungserklärung liebte sie die warmen Töne, konzentrierte sich auf die Unterprivilegierten. Man erkennt sie kaum wieder. Dass jetzt ausgerechnet eine der CDU angehörende Kanzlerin ein Konjunkturprogramm propagiert und damit weitere Verschuldung in Kauf nimmt, sogar einen Mindestlohn in die Diskussion brachte, verwundert allerdings nur denjenigen, der Angela Merkel als eine Politikerin mit tiefgründigem christdemokratischem Wurzelwerk sah. Die „ideologiefreie“ Kanzlerin kann zur Machtsicherung wendig Positionen ändern. Allerdings wird auch sie wissen, dass sie ein Minimum an Zustimmung aus ihren eigenen Reihen erfahren muss. Der Vorwurf einer Sozialdemokratisierung der CDU könnte eines Tages tödlich sein.

 

Vielleicht ist die Zustimmung zu Merkels Politik derzeit so groß, weil sich die Bevölkerung insgesamt immer mehr „entideologisiert“, traditionelle Parteiloyalitäten (wie auch die Bindungen zu Kirchen oder anderen Großorganisationen) deutlich abgenommen haben. Merkel selbst entspricht eigentlich eher dem Typus eines Wechselwählers – und dies, obschon sie Parteivorsitzende ist. Was ist heute noch von dem „bürgerlichen Lager“ geblieben, das einst fest hinter den Christdemokraten stand? Dass zwei von ihrem Typ her vergleichbare, pragmatische Ostdeutsche an der Spitze der beiden größten Parteien stehen, symbolisiert den gesellschaftlichen Veränderungsprozess. Noch reiben sich viele Deutsche verwundert die Augen: „Die kann’s nicht“, rief Müntefering noch vor kurzem seiner späteren Mitregentin zu.

 

Doch wie lang wird „sie’s können“? Bislang wirkt alles wie ein politischer Honeymoon. Nach den Landtagswahlen im März wird Merkel in der Innen- und Sozialpolitik zur Sache gehen müssen. Die Außenpolitik liefert die „schönen Bilder“, doch der graue und raue Politikalltag hat Merkel schneller eingeholt, als es ihr recht ist.