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  Rheinischer Merkur, Nr. 1., 3. Januar 2008 - Interview zur 68er Reevolte

 

Jeder ist Sieger

 

 

RHEINISCHER MERKUR: Was sind die Ursachen für die Proteste?

Gerd Langguth: 1968 war eine Eruption. Noch wenige Jahre vorher hatten Wissenschaftler erklärt, die junge Generation werde „nie mehr ein Ferment produktiver Unruhe“ sein. Am Anfang richtete sich der Protest gegen erstarrte Hochschulstrukturen. Nach dem Tod von Ohnesorg und dem Anschlag auf Dutschke bewirkte der harte Kern der Protestierer, dass sich immer mehr ein Unbehagen gegen die demokratische Grundordnung der Bundesrepublik als solche entwickelte. Trotz oder vielleicht wegen des zunehmenden Wohlstands der damaligen Zeit gab es ein Bedürfnis nach Ideologien, was den Boden für marxistische Klassenkampfvorstellungen bereitete.  Zudem gab es eine Planungseuphorie in der Gesellschaft, in der alles machbar erschien. Auch galt die Zukunft als gesichert. Aber die bürgerliche Elite war unsicher, wie sie mit der NS-Zeit umgehen sollte. Es wäre allerdings falsch, „68“ vor allem mit der deutschen Geschichte zu erklären. Es handelte sich um eine Protestbewegung in allen westlichen Industriestaaten.

RM: Wer war damals Ihr Vorbild?

Langguth: Albert Schweizer war das Vorbild meiner Jugend, politisch habe ich mich an Konrad Adenauer orientiert. Aber ich war nicht, wie viele der extremen Linken, auf Autoritäten fixiert. Das passt nicht zu meinem Menschenbild.

RM: Welche gesellschaftlichen Visionen hatten Sie damals?

Langguth: Ich hatte nicht die hochtrabende Vision eines „neuen Menschen“, einer neuen Gesellschaft. Das ist mir zu ideologisch. Ich wollte die parlamentarische Demokratie stärken.

RM: Welche Visionen haben Sie heute?

Langguth: Die haben sich nicht grundsätzlich geändert, sie sind höchstens noch realistischer geworden.

RM: Was war ihr größter politischer Erfolg 1968?

Langguth: Wir waren, als ich den RCDS als Vorsitzender übernahm, politisch in der Defensive. Mein größter Erfolg war sicherlich, dass es gelungen ist, den RCDS zu konsolidieren und zu einem schlagkräftigen, allerdings einzigen Bundesverband zu machen, der kontinuierlich und bundesweit der extremen Linken Paroli bot. Es war aber auch manchmal schon ein Erfolg, überhaupt RCDS-Veranstaltungen gegen Proteste durchzuziehen. Ich habe damals häufig einen Vortrag mit dem provozierenden Titel „Der RCDS - die progressive Alternative zur reaktionären Linken“ gehalten. Darauf gab es häufiger gewaltsame Reaktionen.

RM: Würden Sie rückblickend in einigen Punkten sagen: Meine Kritiker hatten doch recht? 

Langguth: Nein, die Linke hat geirrt. Es gibt inzwischen viele Renegaten, viele, die sich fragen, wie sie so verblendet sein konnten. In Details habe ich mich sicher geirrt, aber ich war immer auf dem Boden des Grundgesetzes, wollte immer eine liberale und parlamentarische Demokratie, habe immer gegen Vorstellungen einer Erziehungsdiktatur gekämpft und war immer für die deutsche Einheit. Meine grundsätzlichen Überzeugungen wurden durch den Verlauf der Geschichte bestätigt. Positiv an „68“ war sicherlich, dass die Demokratie herausgefordert wurde, ihre geistigen Grundlagen zu begründen. Das bürgerliche Lager hat dadurch begonnen, sich seiner Wurzeln zu besinnen. Übrigens hat auch die CDU einen enormen Mitgliederaufschwung erlebt.

RM: Was bedeutet das Wort „Achtundsechziger“ für Sie?

Langguth: Ich bezeichne mich selbst gern als „alternativen Achtundsechziger“. Natürlich gab es in dieser Generation eine Aufbruchstimmung, und gewiss war nicht jeder 68er gegen Demokratie schlechthin und für Gewalt. Die Republik wurde mit Frischluft versorgt, das war notwendig. Viele versuchen aber einen intellektuellen Trick und weisen auf einen angeblich von der Revolte allein herbeigeführten Liberalisierungsschub hin. Eine Bewegung sollte aber nicht von ihrer Wirkung her beurteilt werden, sondern von den Zielsetzungen ihrer Führer. Dutschke war, wie wir heute aus seinen frühen Papieren wissen, ein überzeugter Kommunist, wenn auch kein Stalinist. Er war auch nicht ein „friedliebender, zutiefst jesuanischer Mensch“, wie Walter Jens behauptet hat. Ein Teil des harten Kern der 68er war antidemokratisch, hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Gewalt.

RM: Reden wir beim Thema 68 von einer Kulturrevolution oder von einer überschätzten Protestbewegung? 

Langguth: Es ist eine überschätzte, romantisierte Bewegung. Der kulturelle Umbruch hatte schon sehr viel früher eingesetzt. Nehmen Sie die Musikrevolution als Beispiel: Die Beatles gaben ihr letztes Live-Konzert 1966. Oswald Kolle, die Anti-Baby-Pille - das war schon vor 1968. Auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust begann nicht erst in diesem Jahr. Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ ist 1957 erschienen, die „Blechtrommel“ von Grass 1966.

RM: Vermissen Sie bei Jugendlichen heute politische Leidenschaft? 

Langguth: Etwas schon. Aber damals protestierte eine Generation, die eine sichere Zukunft vor sich zu haben schien. Heute ist das Leben härter geworden, die junge Generation der Gegenwart ist sehr viel realistischer und pragmatischer. Viele meiner Studenten verstehen gar nicht, warum Dutschke auf Leute meiner Generation eine so große charismatische Ausstrahlung haben konnte.

RM: Welche Rolle spielen die Erlebnisse des Jahres 1968 für Sie heute?

Langguth: Die Grundfrage stellt sich für mich bis heute: Wie konnte es dazu kommen, dass sich ein Teil der jungen Generation einem linksextremen Zeitgeist hingab und nicht kritisch hinterfragte, welche totalitären Gefahren jede Ideologie in sich birgt. Popper hat zu Recht gesagt: „Der Wunsch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzierte stets die Hölle“
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Die Fragen stellte Christiane Florin

Hinweis: Zugleich wurde in dieser Ausgabe des Rheinischer Merkur der einstige Bonner AStA-Vorsitzende B. Booß-Bavnbek interviewt.