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aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. April 2004 (Buchbesprechung)

 Wolfs Themse-Späher

Die Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit in Großbritannien

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Anthony Glees: The Stasi Files. East Germany´s Secret Operations against Britain. The Free Press, London 2003. 461 Seiten, 20.- Pfund

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Während DDR-Agenten in den USA hart bestraft wurden, gibt es bislang in Großbritannien keinen einzigen Fall. Deutsche Behörden mussten erleben, dass nach Großbritannien übergesiedelte Stasi-Mitarbeiter nicht ausgeliefert wurden. Der britische Deutschlandkenner und Politikwissenschaftler an der Brunel-Universität, Anthony Glees, veröffentlichte jetzt ein Buch, das mit einem Schlag dem Vergessenwerden des Stasi-Einflusses in Großbritannien ein Ende bereitet. Trotz der Zerstörung eines Großteils der für die Auslandsspionage zuständigen Hauptabteilung „Aufklärung“ in den turbulenten Wendemonaten des Jahreswechsels 1989/90 und der deshalb äußerst lückenhaften Quellenlage benennt Glees Ross und Reiter, also wer für die DDR-Staatssicherheit arbeitete oder sich zumindest als Informationsquelle abschöpfen ließ.

Das genaue Ausmaß des Schadens, den die Stasi-Spionage den Sicherheitsinteressen Großbritanniens zugefügt hat, ist schwer zu qualifizieren. Auf der Basis einer akribischen Auswertung der noch vorhandenen Schriftstücke und wiederhergestellten Computerdateien kommt Glees jedoch zu dem Schluss, dass die Stasi-Operation in Großbritannien eine weitaus intensivere Dimension angenommen hatte als bislang bekannt. Im Verlauf der siebziger und achtziger Jahre waren nach der Zählung von Glees insgesamt etwa hundert Stasi-Agenten und Kontaktpersonen in Großbritannien aktiv, etwa die Hälfte waren britische Staatsbürger. Die Tatsache, dass im Verlauf von fast vierzig Jahren ostdeutscher Spionage-Tätigkeit in Großbritannien nur drei Stasi-Mitglieder enttarnt und verhaftet worden seien, sei ein Indiz für die Unterschätzung der DDR-Spionage durch den britischen Inlandsgeheimdienst MI5.

 Nach der diplomatischen Anerkennung der DDR durch das Vereinigte Königreich im Februar 1973 und der Errichtung der DDR-Botschaft und damit der Stasi-Zentrale in London, 34 Belgrave Square, ging die Stasi-Arbeit auf der Insel erst richtig los. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stasi bereits bei dem einflussreichen deutschen Botschafter Karl-Günther von Hase in Hagen Blau einen Agenten als Persönlichen Referenten plaziert, über dessen Schreibtisch sehr viele sensible Dokumente liefen. Im Mittelpunkt der Stasi-Erkundungen standen nicht nur die britische Verteidigungs-, Sicherheits- und Europapolitik. Die Stasi wollte auch die britische Friedensbewegung penetrieren, um deren Verbindungen zu Dissidenten in der DDR ausspionieren zu können. In den übriggebliebenen Stasi-Akten finden sich lediglich 27 Geheimdienstberichte, die die Aktivitäten der DDR-Spionage in Großbritannien widerspiegeln. Die Akten nennen neben Decknamen deutscher Agenten auch solche für zwölf Agenten mit britischer Staatsangehörigkeit, die von den ostdeutschen Geheimdienstoffizieren in der Londoner DDR-Botschaft nach und nach angeworben wurden. Ihre wirkliche Identität war auf der Grundlage des Aktenmaterials bis zum Erscheinungsdatum nicht zu ermitteln.

Glees zeichnet dafür gnadenlos und umso gründlicher die Aktivitäten zweier ihm namentlich bekannter Fälle nach, deren Akten den Schreddern der HVA entkamen. Sie sollen nur die Spitze eines Eisbergs sein. Er zeigt, dass hinter jedem der einzelnen Decknamen zahlreiche weitere Kontaktpersonen der Stasi in Großbritannien gestanden haben müssen. Die Stasi-Kontaktpersonen seien häufig zugleich Opfer und Täter gewesen. Schnelle Vorverurteilungen werden vermieden. Ein besonders prominentes und zugleich umstrittenes Beispiel für zumindest naiv-sorglosen Umgang mit den DDR-Spähern liefert der Fall von Lord Roper – einem angesehenen Mitglied der britischen Liberaldemokraten und ausgewiesenem verteidigungspolitischen Experten, der im Verlauf der achtziger Jahre im Rahmen des „Royal Institute for International Affairs (Chatham House)“, einer der renommiertesten „Denkfabriken“ der Insel, immer wieder in Kontakt mit DDR-Kundschaftern kam. Durch ihn versuchte die Stasi, strategisch bedeutsame Information über die Ausgestaltung der britischen Europa-, Sicherheits- und Außenpolitik zu erlangen. Er bestritt nicht den Kontakt mit ostdeutschen Diplomaten, weist aber den Vorwurf eines „Einflussagenten“ weit von sich.

Der Autor widerlegt mit seinen Untersuchungsergebnissen zugleich die Behauptung des ehemaligen Chefs der HVA, Markus Wolf, alle relevanten Geheimdienstinformationen bezüglich Großbritanniens hätten nur von einer einzigen Quelle gestammt. Das Buch ist detailreich und  spannend geschrieben. Es enthüllt die Verwundbarkeit offener Gesellschaften auf eine vorzügliche Weise. Manchmal scheint Glees sehr auf der Suche nach Skandalträchtigem zu sein.  

 Gerd Langguth