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weltbild.de-Interview vom Juni 2005 mit Gerd Langguth zur seiner Biographie über Angela Merkel, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv
Gleich zu Beginn Ihres Buches stellen Sie die Frage: „Wie viel DDR steckt in Angela Merkel?“ Warum ist diese Frage wichtig? Wäre die umgekehrte Frage an einen westdeutschen Politiker genauso richtig: Wie viel (alte) Bundesrepublik steckt in, sagen wir, Edmund Stoiber? Nein, Edmund Stoiber wurde diese Frage so nicht gestellt. Doch leben vier Fünftel der potenziellen Leser in der alten Bundesrepublik. Angela Merkel hat für viele etwas Sphinxhaftes an sich, sie werden aus ihr nicht schlau. Das hängt auch mit ihrer Sozialisation in der DDR zusammen, wo man sich gelegentlich aus Gründen der Gefahrenvermeidung verstellen musste. Erst als 35-Jährige wurde sie im sich vereinigenden Deutschland politisch aktiv. Angela Merkel hat aber eine Scheu, über ihr Leben in der DDR, über ihr Elternhaus und insbesondere über ihren Vater, der als Pfarrer jahrzehntelang in der Uckermark wirkte, zu berichten. Viele Ostdeutsche halten sie inzwischen für eine Verkörperung des „Westdeutschen“, manche Westdeutsche sehen in ihr noch immer die Ostdeutsche. Wie haben Sie sich dem „Gegenstand“ Ihrer Betrachtung genähert? Wen haben Sie befragt, wo recherchiert? Ein ausführliches Interview habe ich mit Frau Merkel erst kurz vor der Endfassung des Buches geführt. Ich habe sie aber frühzeitig von meinem Plan, eine Biografie zu schreiben, informiert. Schriftliche Unterlagen wurden mir von Frau Merkel nicht zur Verfügung gestellt, auch nicht die von der Stasi angelegten. Ich habe fast 140 Personen in teilweise stundenlangen Gesprächen „ausgequetscht“ und dabei eine Menge Interessantes aus dem Leben Merkels erfahren. Viele der Interviewten leben heute in den neuen Bundesländern – ihre Klassenkameraden, Lehrer, Hochschullehrer, Vorgesetze. Viele von ihnen waren äußerst interessante Gesprächspartner. Leider waren die Eltern nicht zu einem Gespräch bereit. Recherchiert habe ich in allen neuen Bundesländern, aber auch in Berlin und in Bonn. Ist es eigentlich „gefährlich“, wenn man die Biografie einer lebenden Person schreibt? Wie vermeidet man, Legendenbildungen und „Retuschen“ aufzusitzen? (In Ihrem Buch findet sich zum Beispiel ein Interview, das Sie mit Frau Merkel geführt haben.) Frau Merkel hat es bislang verstanden, die Deutungshoheit über ihr Leben zu bestimmen, was leicht Legendenbildungen Vorschub leistet. Eine Biografie über eine lebende, im Parteienstreit sich befindliche Person, ist besonders schwierig, zumal nicht auf das sonst übliche Archivmaterial zurückgegriffen werden konnte. So hängt es stark von der Auswahl der Gesprächspartner ab, ob sich ein „objektives“ Bild gewinnen lässt. Manche Informationen mussten mehrfach geprüft werden, weil sich die Beteiligten teilweise unterschiedlich erinnern. In einigen Fällen wurde das Pro und das Contra einzelner Fakten analysiert, um dem Leser eine eigene Stellungnahme zu ermöglichen – beispielsweise hinsichtlich des Engagements Angela Merkels in der SED-Vorfeldorganisation, der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Ein aus dem Westen stammender Autor darf sich nicht als politischer Scharfrichter aufspielen, sonst macht er sich beim Leser unglaubwürdig. Und das Originalinterview mit Merkel soll dem Leser eine Objektivierung hinsichtlich der Sichtweise Merkels ermöglichen. Angela Merkel ist keine DDR-Oppositionelle gewesen. Welchen Schwierigkeiten sieht sich ein Biograf gegenüber, der hierzu vielleicht mehr erfahren möchte? Welche Haltung hatte die Merkel wirklich? Es handelt sich hier um eine politische Biografie, die auch die politischen Rahmenbedingungen in der untergegangenen DDR analysiert. Die Grundfrage besteht darin, welche Verhaltensmuster man in einer Diktatur entwickeln musste, um einerseits Karriere machen zu können, andererseits aber nicht so stark mit dem Staat verwoben sein zu müssen, dass man über das Angepasstsein hinaus aktiv Teil des Räderwerks kommunistischer Unterdrückungsmaschinerie wurde. Um studieren zu können, schrieb Merkel – heute unauffindbare – Arbeiten zum Marxismus-Leninismus. Ihr Freundeskreis, aber auch ihre akademischen Lehrer, waren eher systemkritisch eingestellt. Sie hat sich richtigerweise selbst aber nie als Widerstandskämpferin beschrieben. Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Eckdaten der politischen, vielleicht auch persönlichen, Biografie, die Angela Merkel zu der Person gemacht haben, die sie heute ist? Merkel wurde immer in ihrer Fähigkeit, für sie günstige Gelegenheiten zu nutzen, unterschätzt. Ich will zwei wichtige Daten herausgreifen: Sie wurde in einer Bürgerrechtsbewegung, dem Demokratischen Aufbruch (DA), Ende Dezember 1989 zu einem Zeitpunkt Mitglied, als dies kaum noch gefährlich war. Sie hatte sich dann in der Folgezeit in den DA so eingebracht, dass sie gezielt und frühzeitig Helmut Kohl kennen lernen und ihn auf sich aufmerksam machen konnte, zumal sie durch Fürsprache des ostdeutschen Politikers und späteren Verkehrsministers Krause für ein Bundestagsmandat im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns aufgestellt wurde – beides waren Voraussetzungen für ihren späteren politischen Erfolg. Natürlich war ein weiteres Schlüsselereignis ihr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Dezember 1999 veröffentlichter „Scheidebrief“ an Helmut Kohl, in dem sie die CDU wegen dessen Verantwortung in der Spendenaffäre zur Distanzierung von ihrem damaligen Ehrenvorsitzenden aufrief. Damals war sie Generalsekretärin ihrer Partei, hatte aber nicht den Parteivorsitzenden Schäuble über diese Aktion informiert. Sie wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass dieser wegen der Großspende eines zwielichtigen „Kaufmannes“ das Parlament belogen hatte. Durch den Artikel brachte sie die einstigen engen Freunde Kohl und Schäuble so sehr gegeneinander in Stellung, dass sie sich immer mehr öffentlich bekämpften – und sich, wie zwei mit einer Nabelschnur verbundene Politiker, gemeinsam vom Sockel eines Denkmals stürzten. Damit war der Weg für Merkels Aufstieg zur Parteivorsitzenden frei. Ist es ein „Makel“, als Frau und Ostdeutsche für das Amt des Bundeskanzlers/der Bundeskanzlerin zu kandidieren? Oder anders gefragt: Wird sich unser Land ändern, wenn Angela Merkel Kanzlerin wird? Schröder wird im bevorstehenden Wahlkampf nicht mehr wie noch bei der Auseinandersetzung mit Stoiber „Ich oder Er“ ausrufen können. „Ich oder Sie“ bekäme in einer Wahlkampfauseinandersetzung einen anderen, frauenfeindlichen Klang. Viele Frauen empfinden inzwischen sogar so etwas wie Stolz, dass Merkel jetzt die Chance hat, erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Es gab schon manche bedeutende Frauen in der Politik – wie Indira Gandhi in Indien, Margret Thatcher in Großbritannien, Corazón Aquino auf den Philippinen oder Golda Meïr in Israel. Jetzt kann Deutschland an der Reihe sein. Deutschland ist eine Konsensdemokratie, Änderungen vollziehen sich bei uns immer sehr langsam. Angela Merkel, die schon in der Schule immer die Klassenprima war, wird das machen wollen, wozu Schröder keinen Mut oder keine Durchsetzungsfähigkeit hatte: eine Generalreform des Staates und der Sozialsysteme, die den veränderten Bedingungen der Globalisierung gerecht wird. Sie hat den Mut zum Unpopulären. Und sie will sich durch Leistung beweisen – diese Erkenntnis ist ein wichtiger Faktor zur Entschlüsselung ihrer Persönlichkeit. Die Fragen stellte Mathias Voigt, Literaturtest. | |||||||||||||||||||||||||||||