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Süddeutsche Zeitung, Nr. 278, 3. Dezember 2007 

Sphinx im Kanzleramt

 Eine kühne Prognose: Merkel wird so lange wie Kohl regieren

 

Die These ist kühn. Vor drei oder vier Jahren hätte man Gerd Langguth ihretwegen als Phantast angesehen. Doch jetzt erscheint der Gedanke nicht mehr ganz so verwegen, und der Bonner Politikwissenschaftler leitet ihn auch für sich schlüssig her. Angela Merkel „hat alles Chancen, die Dauer der Amtszeit Helmut Kohls zu erreichen“, schreibt er am Ende der jetzt vorgelegten Neuauflage seiner Biographie über die Kanzlerin. Nach ihren ersten zwei Jahren im Amt hat Langguth – ein Parteifreund der CDU-Chefin, der ihr aber im Grundsatz kritisch gegenübersteht – seine Analyse ihres Werdegangs aktualisiert.

Er hat sie nicht nur fortgeschrieben, sonder auch, besonders interessant, seine Kapitel über Merkels Kindheit als Pfarrerstocher in der DDR mit Hilfe von neuen Quellen vertieft. Vor allem aber zeichnet er Merkels Desaster des Wahlkampfs 2005 nach, dann das taktische Geschick, mit dem sie ins Kanzleramt einzog und sich dort viel schneller stabilisierte als erwartet. Nun preist Langguth sie als pragmatische Politikerin, die sich sehr lange im Amt halten könnte, weil sie die innere Freiheit habe, in verschiedenen Koalitionskonstellationen zu denken – sogar mehr als ein Jahrzehnt.

Es könnte, nach so kurzer Amtszeit, ein wenig früh für solche Thesen sein. Aber als Momentaufnahmen geben sie einem Buch einen zusätzlichen Reiz, das wie bisher kein zweites die vielen Rätsel um Angela Merkel zwar nicht löst, sich ihnen aber gründlich nähert. Differenziert geht Langguth der Frage nach,  wie nahe am DDR-System ihr Vater als Pfarrer lebte und versucht, ihr Engagement in der FDJ, über das man wenig weiß, einzuordnen und bemüht sich um vielschichtige Erklärungen für ihren Aufstieg nach der Wende. Dabei bietet er gelegentlich allzu schlichte Stereotypen. So beschreibt auch er Merkel als eine Art Killer-Queen, deren politische Skalps sich sehen lassen könnten. Und was ihre Grundwerte angeht, bleibt sie auch für ihn am Ende ein Rätsel. Aber das sagt wohl mehr über die Kanzlerin als über den Biographen, dessen Buch vorerst als Standardwerk zum Verständnis der Sphinx im Kanzleramt dienen kann.

 

Jens Schneider