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Rheinischer Merkur, 6. Dezember 2007

 

ANGELA MERKEL  / Gerd Langguth sagt ihr eine lange, lange Regierungszeit voraus
 
Nervenstark in der Seifenoper
 
VON JAN KUHLMANN
 


Fast hätte sie nie auf diesem schönen Stuhl der Macht Platz genommen, und jetzt sieht es so aus, als könnte sie so lange sitzen bleiben wie Helmut Kohl. Am 18.September 2005 kauerte Angela Merkel niedergeschmettert in der „Elefantenrunde“, neben ihr polterte Gerhard Schröder, außer ihm könne kein anderer Kanzler sein. Und eine andere schon gar nicht. Merkel hatte gerade die gewonnen geglaubte Bundestagswahl fast verloren, Schröder redete wie im Rausch. In dieser Seifenoper-Stunde der politischen TV-Debatten offenbarte Merkel ihr Talent, das ein unscheinbares DDR-Mädchen zur mächtigsten Frau der Welt gemacht hat: Nervenstärke. Schröders Macho-Tiraden prallten an ihr ab, wenige Wochen später wählte der Bundestag Merkel zur Bundeskanzlerin. Und Gerd Langguth sagt ihr eine lange Regierungszeit voraus.
 

Der Bonner Politikwissenschaftler hat wie bislang niemand sonst in Deutschland das Leben der Kanzlerin mit einem scharfen Auge seziert. Seine Biografie „Angela Merkel. Aufstieg zur Macht“ ist nun in einer zweiten Auflage erschienen, erweitert um 130 Seiten, auf denen Langguth die ersten beiden Jahre der Großen Koalition analysiert. Vor der Bundestagswahl noch wussten die Deutschen nicht so genau, was von dieser CDU-Spitzenkandidatin zu erwarten ist. Mittlerweile aber hätten sie Vertrauen in Merkel gewonnen, meint Langguth. Damit nicht genug:Merkel erfüllt mit ihrem moderierenden Regierungsstil zudem die Sehnsucht einer politikverdrossenen Gesellschaft nach Sachlichkeit.

 

Langguth überrascht in dieser mit Fakten gespickten und präzisen Analyse noch mit anderen Thesen, etwa:Die Große Koalition ist Merkels Lieblingsbündnis. Generell lässt ihr ausgeprägter Pragmatismus mit nur schwachen ideologischen Banden zur eigenen Partei fast „jede denkbare Mehrheitskonstellation“ zu. Aber wenn schon nicht ohne Partner, dann wenigstens einer, der eine große Mehrheit sichert, weil sich nur so Reformen durchsetzen lassen. Schwarz-Gelb dürfte dagegen die „von ihr am wenigsten geliebte Konstellation“ sein, weil der „organisierte soziale Widerstand“ dann am höchsten ist und die Landesregierungen eine nach der anderen in die Hände der Opposition fallen könnten.

 

Da zeigt sich wieder die kühle Analytikerin, die aus dem Wahldebakel 2005 gelernt hat. Vor zwei Jahren trat sie mit einem mutigen Reformprogramm an, mit dem sie Wähler verschreckte.

 

So etwas wird ihr nicht noch einmal passieren. Soll heißen: Die großen Reformen mit tiefen Einschnitten sind von ihr nicht mehr zu erwarten. Das könnte Merkel eine lange Regierungszeit bescheren, dem Land aber, was die Kanzlerin eigentlich bekämpfen wollte: Reformstau.
 
 Gerd Langguth: Angela Merkel. Aufstieg zur Macht. Biografie. dtv, München 2007. 416 Seiten, 14,50 Euro.
 
© Rheinischer Merkur Nr. 49, 6.Dezember 2007