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3. September 2005, Neue Zürcher Zeitung Deutschlands bekannteste UnbekannteGerd Langguths Porträt der CDU-Chefin Angela Merkelde. Vielleicht wird schon bald eine Frau an der Spitze der deutschen Regierung stehen. Die Aussichten für Angela Merkel, seit 2000 Parteichefin der CDU, sind so gut, dass eine Wahl zur ersten Bundeskanzlerin eigentlich fast sicher ist. Dieser Quasi-Automatismus ist insofern erstaunlich, als die Kandidatin den meisten Deutschen ein weitgehend unbekanntes Wesen geblieben ist. Merkel hat ihren Wahlkampfstil sehr stark auf die Tatsache ausgerichtet, dass ihr grosser Rivale, SPD- Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit seiner Reformpolitik kaum noch Anklang findet. Da ist eine abwartende Zurückhaltung eine durchaus gute Strategie. Hinzu kommt aber auch Merkels Persönlichkeit, die sich grundsätzlich nicht gerne in den Vordergrund schiebt und mit den Medien sehr selektiv umgeht. Beides macht es schwierig, das Phänomen Merkel in seiner Ganzheit zu erfassen. Biografen haben es, wie auch andere Berufsgruppen, mit der Politikerin nicht leicht. Blick eines InsidersGerd Langguth, heute Professor für politische Wissenschaften in Bonn, früher CDU-Bundestagsabgeordneter und in mehreren Parteigremien prominent tätig, hat es trotzdem versucht und ein längeres Porträt geschrieben, das ein sehr reichhaltiges Bild der Kanzlerkandidatin abgibt. Langguth profitiert zweifellos von seinem Status als Insider und exzellenter Kenner der Partei, der gleichsam aus der genauen Analyse des Umfeldes heraus präzise Rückschlüsse auf die enigmatische Politikerin zu ziehen vermag. Dabei verhehlt er nicht, dass ihm Merkel «nur begrenzt» bei der Arbeit geholfen habe. Dies zeigt sich auch an der umfangreichen Quellensammlung, die dem Buch zugrunde liegt. Langguth verharrt denn auch in kritischer Distanz zu seinem Objekt, was dem Buch gewiss nicht schadet. Bedauerlich ist höchstens, dass das Buch keine Bilder enthält. Wer aber ist Angela Merkel? Vieles an ihrer Biografie ist aussergewöhnlich. Merkel wird 1954 als Angela Kasner in Hamburg geboren, als Tochter eines evangelischen Pfarrers, der bald eine Stelle in der brandenburgischen Provinz annimmt. Diese Zäsur wird die junge Angela prägen, denn die Jugend in der DDR ist für das wache Kind ein dauernder Kampf zwischen Anpassung und Widerstand - gegenüber dem strengen Vater genauso wie gegenüber dem sozialistischen Staat. Sie wächst in kirchlicher Umgebung auf, macht aber auch bei der FDJ mit und sucht sich so einen Weg, der ihr möglichst viel individuelle Freiheit lässt. Mit dem Regime möchte sie wenig zu tun haben. Ihrer Intelligenz und ihrem Fleiss ist es zu verdanken, dass sie studieren kann und in Leipzig dann auch ein glänzendes Physikstudium absolviert. Als die Wende von 1989 kommt, ist sie an der Akademie der Wissenschaften in Berlin tätig und gerät dort in den Strudel einer Politik, in der alles offen ist. Bereits ein Jahr nach dem Mauerfall ist Angela Merkel Mitglied der CDU und als stellvertretende Sprecherin der Regierung de Maizière einem weiteren Kreis bekannt. Von hier aus ist ein steter Aufstieg in der Partei zu beobachten, den Langguth ausführlich nachzeichnet. Schon bald werden die Spitzen der CDU, vor allem auch Bundeskanzler Helmut Kohl, auf die junge Ostdeutsche aufmerksam. Sie entspricht genau den Bedürfnissen der Partei, in der der Osten kaum vertreten ist. Kohl macht sie Anfang 1991 gleichsam aus dem Stand zur Frauen- und Jugendministerin, was ihr den Beinamen «Kohls Mädchen» einträgt. Aber Merkel, mit einem untrüglichen Sinn für die Macht ausgestattet, etabliert sich schnell und beeindruckt durch ihre Auffassungsgabe und ihre Konzentrationsfähigkeit. Fast folgerichtig wird sie bereits Ende jenes Jahres zur stellvertretenden Vorsitzenden der CDU gewählt. Als Kohl 1998 durch Schröder von der Macht verdrängt wird, hat Merkel ihre Basis verbreitert. Vier Jahre lang war sie Umweltministerin gewesen, nun gelingt ihr unter dem neuen Vorsitzenden Wolfgang Schäuble der Sprung ins Amt der Generalsekretärin der Partei. Langguth arbeitet sehr kundig Merkels Winkelzüge hinter den Kulissen heraus, mit denen sie sich frühzeitig von Kohl ablöst und gleichzeitig einen Keil zwischen diesen und den Nachfolger Schäuble als Parteichef treibt. Beide werden nur kurze Zeit später von den Wogen des Parteispendenskandals erfasst und hinweggespült. Bis dahin hat Merkel sich so gut positioniert, dass ihr der Parteivorsitz nicht mehr zu nehmen ist. Am 10. April 2000 wird sie in diese Position gewählt. Der Weg ist nun frei für den Aufstieg zur unumschränkten Macht als Vorsitzende und Fraktionschefin der grössten bürgerlichen Partei Deutschlands. Effizienz und RationalitätLangguth ortet die Gründe für den Erfolg dieser Karriere sowohl bei der Politikerin selbst als auch bei deren Umfeld. Angela Merkel hat aus der DDR ein feines Sensorium für das Machbare mitgebracht. Ihre analytischen Fähigkeiten, ihre präzise Denkart und ihr Sinn für das Kräftespiel in einer Parteiendemokratie stellten den Aufstieg sicher. Der Autor sieht Merkel aber auch als eine unideologische, auf Effizienz und Rationalität ausgerichtete Politikerin, die erkannt hat, dass die «rheinische» CDU von Adenauer und Kohl der Vergangenheit angehört. Langguth umreisst dies in zehn höchst interessanten Thesen. Angela Merkel verfüge, so schreibt er, über die Fähigkeit, vertraute Systeme radikal in Frage zu stellen. Hierin liege ihr Risiko, aber auch ihre Chance. Sie könne alles gewinnen oder alles verlieren. Bisher habe sie alles gewonnen. Gerd Langguth: Angela Merkel. Deutscher Taschenbuch- Verlag, München 2005. 396 S., Fr. 25.20, Euro 14.50. | |||||||||||||||||||||||||||||