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Die Welt, 17. April 2009Ö x P² = MachtDer Politikwissenschaftler Gerd Langguth porträtiert die "Machtmenschen" Merkel, Schröder und Kohl - und liefert eine Formel, wie man oben bleibt
Berlin - Bei Angela Merkel hätte er zunächst eine
andere Überschrift im Sinn gehabt. "Die Macht der Analytikerin" wollte der
Politikwissenschaftler Gerd Langguth über das
Kapitel zur Kanzlerin schreiben, erzählte er am Mittwoch, als er sein Buch
"Kohl, Schröder, Merkel - Machtmenschen" (dtv) vorstellte. Doch im Laufe der
Arbeit habe er sich entschieden, Merkel die "Macht der Sphinx" zu attestieren.
Das hatte Folgen.
Hätte sich der erfahrene Politiker-Biograf mit der "Macht der Analytikerin" auseinandersetzen müssen, wäre ja zweierlei zu betrachten gewesen. Einerseits die "Analytikerin der realen Politik" wie Langguth schreibt, Merkels taktische Intelligenz, mit der sie jede Schwäche ihrer Gegner ausnutze, eine "seherische Fähigkeit in der Erkenntnis des Populären" entwickele und fähig sei, "schnell einmal eingenommene Positionen zu verlassen". Andererseits hätte man unter der Überschrift "Macht der Analytikerin" fragen können, was die Stärke der Kanzlerin - ebenso Helmut Kohls und Gerhard Schröders - mit Inhalten zu tun hat, mit dem Verstehen in der Sache. Doch indem sich Langguth auf die "Macht der Sphinx" konzentrierte, blieb dieser inhaltliche Aspekt unterbelichtet, und so zeichnet sein Merkel-Kapitel das mittlerweile gängige Bild einer Kanzlerin, die sich stets bedeckt hält, die kaum "bereit ist, ihre geistigen Grundlagen zu erläutern", und sich bislang nicht "wirklich in Gegensatz zu Stimmungen in der Bevölkerung gesetzt hat". Das sei ja "nicht besonders originell", meinte ein Journalist bei der Präsentation. Wer will, kann da auch einen typischen Zirkelschluss gegenwärtiger Politik-Betrachtung finden. Indem man den Kanzlern Mangel an Mut zu unpopulären und weitsichtigen Entscheidungen attestiert - Ausnahme bei Kohl war laut Langguth der Euro, bei Schröder die "Agenda 2010" -, erscheinen diese fast notwendig als reine "Machtmenschen", nach deren Tricks dann wiederum die Politik-Beobachter zu fahnden haben. Dass freilich solche Tricks tatsächlich eine große Rolle spielen, bestätigte der Buch-Präsentator, der frühere sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt. "Die Politik leidet darunter, dass sie zu sehr auf die Machtausübung und -erhaltung konzentriert ist", sagte Milbradt, dabei sei Macht doch dazu da, "die Zukunft zu gestalten." Zu viel und zu lange, ja, laut Langguth wie "Drogenkonsumenten", seien Spitzenpolitiker damit beschäftigt, ihren Aufstieg zu bewerkstelligen und dann, gar als Kanzler, ihre Position abzusichern. Indes hält Langguth ihnen zugute, dass sie stets unter der Drohung der nächsten Wahlen stehen und zweitens öffentlich agieren, während "in Unternehmen das gleiche Machtgebaren hinter verschlossenen Türen stattfindet." Vielleicht aber haben es die Politiker künftig leichter, gibt ihnen Langguth doch in seinem Dreikanzlerbuch eine Formel für die Macht an die Hand: M = Ö x P² - Macht (M) gleich Öffentliche Wirkung (Ö) mal Personalbeeinflussung (P) im Quadrat, es kommt also vor allem auf die Netzwerke treuer Freunde und Gehilfen sowie das Abschießen von Feinden an. Der Rest sind individuelle Ausprägungen. Helmut Kohl arbeitete laut Langguth vor allem mit dem Anspruch und der Durchsetzung von "Geschichtsdeutung", Merkel mit dem Geheimnis der Sphinx, während Gerhard Schröder "die Macht des Aufsteigers" ausübte, der nicht nur seine ärmliche Herkunft hinter sich lassen wollte, sondern als Emporkömmling auch die Masse überzeugte und seine Gegner verdrängte. Einen kapitalen Fehler jedoch habe Schröder schon lange vor der Neuwahl-Entscheidung gemacht: dass er noch als Kanzler den Parteivorsitz an Franz Müntefering abgegeben habe. Denn laut Langguth sind die Parteien "die eigentliche Quelle der Macht führender Politiker. Wer einen Parteivorsitz aufgibt, kann sein Staatsamt bald los sein." Daher habe Kohl stets am CDU-Vorsitz festgehalten, und Merkel werde diesen als Kanzlerin wohl nie freiwillig abgeben. Wobei Langguth nicht versteht, warum sie ihn überhaupt hat, habe sie doch den geringsten parteilichen Stallgeruch von allen drei Kanzlern. Das, so Langguth, "hat mich an Merkel am meisten überrascht: dass sie CDU-Vorsitzende ist." | |||||||||||||||||||||||||||||