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Rheinische Post, 14. Juli 2009

Drei mit Macht

von Reinhold Michels

Der bekannte Bonner Politikwissenschaftler und Publizist Gerd Langguth hat ein kluges, analytisches, auch mit Anekdoten gespicktes Buch über Wesen und Wirken der Kanzler Kohl, Schröder, Merkel geschrieben.

Wer Spitzenkräfte der Politik danach fragt, was sie an ihrem, salopp ausgedrückt: Höllenjob reize, erhält fast immer die Antwort: „Die Freude am Gestalten.“ Das soll kommod klingen, politisch-medial geländegängig wirken. Es ist aber nur die halbe Wahrheit. Betrachtet man das Wirken der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel und das ihrer beiden Vorgänger, Gerhard Schröder und Helmut Kohl, so findet man drei aussagekräftige Beispiele dafür, dass die Lust an der Macht der eigentliche Antrieb dafür ist, sich sieben Tage in der Woche Äußerstes zuzumuten.

In seinen besten Zeiten als Kanzler und CDU-Boss nannte man Kohl „die Machtmaschine“. Schröder erweckte schon als Jungsozialist den Eindruck, er nehme sich Macht, wo und sobald er ihrer habhaft werden konnte. Merkel kommt als Machtpolitikerin auf vergleichsweise leisen Sohlen daher, was ihre Fähigkeit zum Ausüben von Macht aber nur für diejenigen verschleiert, die nicht genau hinschauen.

Der Politikwissenschaftler und Publizist Gerd Langguth (er schrieb u.a. eine viel beachtete Merkel-Biografie) hat das Wesen der drei letzten Kanzler analysiert und die Macht- und Wissensmenschen Kohl, Schröder, Merkel auf erhellende Weise miteinander verglichen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass nur der ins wichtigste politische Amt in Deutschland gelangt, der aus extra hartem, aus Kanzlerholz geschnitzt ist, eine innere Wucht besitzt; der, um eine gängige Metapher zu verwenden, in die Küche geht, um die Hitze dort weiß und sie vor allem aushält.

Bei Kohl, der von 1982 bis 1998 Kanzler blieb und dazu ein Vierteljahrhundert mal als sentimental-gerissener Patriarch, mal als Dominator die CDU zu einem seiner Führungsinstrumente nutzte (und ihr am Schluss auch Schaden zufügte) war der Machwille schon körperlich spürbar. „Der Dicke“, scheinbar unverrückbar wie ein Eichenschrank, zeigt jedermann: Ich bin eine Kraftnatur. Bei Kohl, der aus geordneten kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt, basierte der früh entwickelte Drang, es in der Politik weit zu bringen, weniger als bei Schröder auf dem unbedingten Willen zum sozialen Aufstieg.

Bei Schröder, dessen Kinderjahre in Armut einem Überlebenskampf glichen, wird das „egomanische Moment“ (Langguth) am deutlichsten, mit dem der Unterschicht-Junge sich ganz nach oben kämpfen wollte und gegen das Mehrheitsgefühl in seiner Partei gekämpft hat.  Schröder tat wiederum etwas, was zwar seiner politischen Spielernatur entsprach, aber Kohl und auch Merkel nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre bzw. käme: Kanzler zu sein und den machtsichernden Parteivorsitz 2004 einem anderen (Müntefering) zu überlassen.

Die Machtpolitiker Schröder und Angela Merkel verbindet ein im Vergleich zu Kohl emotional eher unterkühltes Verhältnis zu ihrer Partei. Ideologiefreiheit war und ist ihre Stärke; sie machten bzw. machen sich dadurch auch angreifbar, weil sie ihre Partei nicht annähernd so intensiv wie Kohl als Hort mit Corpsgeist, Kameradschaft und bestimmten Überzeugungen, oder kumpelhaft: als verschworene Truppe betrachten.

Über Kohl schreibt Langguth, jener habe zwar „recht pragmatisch regieren“ können, von den drei Kanzlern sei er jedoch der am meisten ideologisch geprägte gewesen. Langguth beschreibt Kohl als Geschichtsdeuter. Als einziger des Kanzler-Trios habe er intensive Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, mit der Folge eines stark idealistischen Moments in seiner Europapolitik. Schröder, der Gefühle zeigte, wenn es um Arbeitslose, um Arme ging, zugleich nichts dagegen hatte, als „Genosse der Bosse“ tituliert zu werden, empfand außenpolitische Bedenken in Konkurrenz zu wichtigen innenpolitischen Argumenten als nachrangig. Europa war Schröder nicht wie Kohl Herzensangelegenheit. Beide schätzten Europa – wie seit Ende 2005 auch ihre Nachfolgerin Merkel – als willkommene Bühne mit enormen Staatsmann-Strahlkräften.

Die Kunst, die Medien zu nutzen, um Macht zu inszenieren, beherrschte Schröder, weniger dagegen Kohl, und bei Merkels Wirken ist sie nach Langguths Analyse deutlich erkennbar. Langguth, der eine viel beachtete Merkel-Biographie verfasst hat, attestiert der Kanzlerin und CDU-Chefin, durchaus mit kritischer Beinote, eine „seherische Fähigkeit in der Erkenntnis des Populären“. Ein protestantisches „Hier-stehe-ich-und-kann-nicht-anders“ habe die Tochter eines evangelischen Pfarrers aber bislang nicht an den Tag gelegt. Die Machtmenschen Kohl und Schröder dagegen nahmen, höchst selten zwar, Machtverlust oder -einschränkungen in Kauf: Kohl durch seine Unbeirrbarkeit zur Einführung der zunächst sehr unpopulären, inzwischen bärenstarken europäischen Währung, Schröder bei seinen schneidigen Arbeitsmarktreformen „Agenda 2010“.

Von Konrad Adenauer, dem Urkanzler der Bundesrepublik (1949-1963) stammt der Befund, das Wichtigste in der Politik sei der Mut. Merkel, die Naturwissenschaftlerin, mag ihren beiden Vorgängern beim Kaltstellen, Austricksen von Konkurrenten, beim flinken, intelligenten Analysieren der politischen Situation ebenbürtig sein; den Mut zum Unpopulären, diesen womöglich entscheidenden Nachweis politischer Führungskraft („leadersphip“) hat sie im Gegensatz zu Kohl und Schröder bisher noch nicht gezeigt.

Das Buch ist sehr lesenswert, eine Fundgrube der Erkenntnis über Leben und Wirken von drei Menschen, die es bis ganz nach oben geschafft haben.