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Politische Studien, Heft 426, 60. Jahrgang, Juli/August 2009

von Gerhard Hirscher 

Ein Buch, das Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel als Machtmenschen präsentiert – kann das interessant sein, kann man daraus etwas lernen oder zumindest etwas erfahren, was man nicht ohnehin schon weiß? Um das Fazit vorwegzunehmen: Die Lektüre lohnt sich – Gerd Langguths neues Werk sei jedem empfohlen, der sich (ob beruflich veranlasst oder anderweitig motiviert) mit der deutschen Politik der Gegenwart beschäftigt. Der Leser erfährt nicht nur vieles über die Biographien der drei letzten Bundeskanzler, sondern bekommt auch wichtige Einblicke in das Funktionieren des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland auf höchster Ebene. Dabei profitiert der Autor von den Vorarbeiten früherer Publikationen, er hat darüber hinaus aber noch eine ganze Reihe zusätzlicher Materialien erschlossen. Besonders beachtlich sind die Fülle an Presseveröffentlichungen, die er ausgewertet hat, und die große Anzahl an Interviews mit hochrangigen Mitspielern, die er führen konnte. Dabei hat möglicherweise geholfen, dass er selbst einmal Teil des politischen Geschäfts war (u.a. als Bundestagsabgeordneter). Diese Fülle an Material, ausgewertet mit dem geschulten Blick des professionellen Insiders, gibt dem Band einen besonderen Wert.

Es ist schon erstaunlich: Macht ist der zentrale Faktor der Politik, aber viele Publizisten und Wissenschaftler reden kaum darüber. Gerd Langguth nimmt hingegen eine illusionslose und realistische Perspektive ein. Er zeigt die drei Protagonisten als Machtmenschen, die sich in dieser Welt durchgesetzt haben. Der Aufstieg in die Machtposition und der Machtverlust, aber vor allem die Ausübung und der Erhalt der Macht werden bei allen dreien detailliert und souverän beschrieben. Alle haben, so der Autor, den „unbändigen Willen zur Macht“ gemeinsam, der bei Kohl und Schröder wohl schon früh vorhanden war und sich bei Angela Merkel mit der Zeit immer stärker verankert hat. Bei Helmut Kohl zeichnet Gerd Langguth kenntnisreich seinen Aufstieg und vor allem seinen Politikstil nach, der ihn so lange im Amt gehalten hat. Anders als bei Schröder und Merkel sieht er bei Kohl die Dominanz über die Partei als zentrales Element des Machterhalts. Ihm sei es als „Geschichtsdeuter“ wichtig gewesen, seine Macht so lange wie möglich ausüben zu können, was ihm in Bezug auf Adenauer gelungen sei. Allerdings konnte er die Amtsdauer Bismarcks nicht erreichen, was, so der Autor, für Kohl durchaus ein hohes Ziel gewesen sei. Insofern ist es durchaus glaubhaft, dass für Kohl der Abschied vom Amt nicht so leicht zu verkraften gewesen sein soll.

Den Abschied von der Macht könnte sein Nachfolger Gerhard Schröder insofern leichter verdaut haben, als der „Aufsteiger“, der seine Macht ohnehin oft gegen seine Partei erkämpfen musste, sich auch ein aktives Leben außerhalb der Politik vorstellen konnte und wohl noch zu Amtszeiten darauf hingearbeitet hat. Langguths Argumentation legt nahe, dass Schröders berufliche Tätigkeit nach seiner Amtszeit durchaus konform geht mit den inneren Strukturen des Machtmenschen Schröder, die ihn nach oben gebracht haben. Ob dies – vor allem mit der weiterhin aktiven Einmischung in politische Fragen – aber dem Geist unserer Demokratie entspricht, steht noch auf einem anderen Blatt, das erst noch beschrieben werden muss. Überhaupt gibt das Buch – vor allem bei Kohl und Schröder – viele Beispiele, wie in der politischen Praxis die Prinzipien von Demokratie und Partizipation mit den realen Ansprüchen und Machtstrategien derart kompetenter Machtmenschen in Konflikt geraten können – und das trotz der in der Theorie nicht gerade überbordenden Machtfülle eines deutschen Bundeskanzlers.

Angela Merkel fällt insofern aus der Reihe, als sie kein geborener Machtmensch ist. Allerdings hat sie es immer mehr gelernt, die „Macht der Sphinx“ souverän auszuüben. Auch sie profitiert – ähnlich wie Schröder – von eigenen Netzwerken, die bei weitem nicht immer innerhalb der Regierungspartei verankert sind. Der Autor lässt keinen Zweifel: Auch Angela Merkel ist der Sucht der Macht verfallen – die „mächtigste Frau der Welt“ kann die Kunst der Machtausübung vielleicht noch eine ganze Zeit verfeinern. Am Ende des Buches kondensiert Gerd Langguth die Ergebnisse seiner Arbeit in acht Thesen und eine Formel der Macht: Öffentliche Meinung mal Personalbeeinflussung im Quadrat – dies sei die Formel, nach der unter den heutigen Bedingungen Macht erhalten und ausgeübt werde. Seine acht Thesen beschreiben schnörkellos die wichtigsten Elemente der Machtausübung, so wie der Autor sie analysiert hat: Wer Macht hat, will sie so lange als möglich behalten. Verlust der Macht wird als sozialer Abstieg, das Ende der öffentlichen Bedeutung als politischer Tod empfunden. Im Gegensatz zur Wirtschaft ist politische Macht (so These 2) immer öffentliche Macht und kann nur so wirken. These 3: Diese notwendige öffentliche Wirkung des Politikers erfordert Charisma und Ausstrahlungskraft, die in der Parteiendemokratie aber kaum gefördert wird. In der Politik hat – so These 4 – der Generalist mit der Fähigkeit zur Organisation politischer Prozesse einen Vorteil gegenüber Spezialisten. These 5: Macht macht süchtig; aus Politikern werden Politaholics. Schließlich kann (These 6) Macht ohne Show und Politik ohne Inszenierung nicht funktionieren, aber Entscheidungen müssen gefällt werden – da kann die Darstellungspolitik schnell an ihre Grenzen geraten und Macht in Ohnmacht umschlagen. These 7: Die Parteien sind bei uns die zentralen Quellen der Macht, aber die Mächtigen brauchen die Deutungshoheit über die Realität. Wahlanalysen sind Machtinstrumente und fallen daher immer so aus, wie sie den Mächtigen passen. These 8: „Politische Macht ist die Summe aus der Fähigkeit, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Personalentscheidungen zu treffen. Dabei ist der Einfluss auf den politischen Aufstieg oder den Niedergang von Dritten der entscheidende Hebel zur Macht. Politik ist Netzwerkbildung und Konkurrentenausschluss. Wer Macht organisieren und inszenieren kann, wer andere Politiker an sich bindet, ist mächtig“ (S. 483f.).

Manch Vertreter einer normativen Demokratietheorie mag von den Argumentationen und Thesen in diesem Buch erstaunt, vielleicht sogar schockiert sein. In jedem Fall bietet es Einblicke und Interpretationen, die auf souveräne Weise die zeithistorische Sachkenntnis des Wissenschaftlers mit dem analytischen Blick des teilnehmenden Beobachters verbinden. Diese Mischung ist in Deutschland sehr selten, aber in der Lage, über die Prozesse der Politik in unserem Land mehr Erhellendes beizutragen als so manches politikwissenschaftliche Fachbuch. Das neue Buch von Gerd Langguth ist ein beeindruckender Beitrag zur Analyse des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland und zum Verständnis des Agierens von Spitzenpolitikern. Daraus lässt sich vieles darüber lernen, was in der deutschen Politik gut oder weniger gut funktioniert. Außerdem lässt es sich mit Vergnügen lesen. Es bleibt zu hoffen, dass der Autor in dieser Analyse fortfährt – an Untersuchungsobjekten wird es ihm auch in Zukunft nicht mangeln.