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Münchener Merkur, 18. April 2009

Die M-Formel: Kohl, Schröder, Merkel

Von Holger Eichele

Wie gewinnt man Macht, wie übt man sie aus und was bedeutet Machtverlust? Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth  hat eine hintergründige Analyse über drei Kanzler mit dem unbändigen Willen zur Macht vorgelegt.

Berlin – Die Formel der Macht ist so kurz, dass sie auf die Rückseite einer Briefmarke passt: „M = Ö x P hoch 2“. Erfinder der Gleichung ist der Bonner Politologe Gerd Langguth, der in einem neuen Buch die „Machtmenschen“ Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel durchleuchtet. Drei Regierungschefs, deren Charakter unterschiedlicher kaum sein könnten, deren Aufstieg jedoch erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweist. So hätten alle Kanzler schon früh ihre politischen Grundüberzeugungen zugunsten der eigenen Karriere über Bord geworfen. „Der Machterhalt war am Ende immer das Entscheidende“, so Langguth.

In seinem neuen 577-Seiten-Werk zeichnet der konservative Biograf das Leben der drei Kanzlerfiguren nach – angefangen bei Kohls Jugendjahren nach Kriegsende über Schröders frühes Rütteln am Kanzleramtszaun („Ich will hier rein!“) bis zur Großen Koalition unter der Moderatorin Merkel. Eine durchaus unterhaltsame Lektüre, die in der Erkenntnis mündet, was politische Macht im Medienzeitalter ausmacht: Die ständige Präsenz eines Politikers in der Öffentlichkeit (Ö), gepaart mit der Kraft, Personalentscheidungen (P) in der eigenen Partei gegen noch so starke Widerstände durchzuboxen.

Kohl, Schröder und Merkel wissen diese Macht-Formel zu nutzen. Während der frühere CDU-Chef als Meister der Netzwerke galt und in endlosen Telefonaten seine Unterstützer um sich scharte, kam Merkel nur an die Macht, indem sie frühere Unterstützer kaltstellte, etwa Kohl, Schäuble und Merz. „Die Zahl ihrer Skalps ist enorm“, sagt Langguth mit Blick auf die amtierende Bundeskanzlerin.

In ihrem fast krankhaften Ehrgeiz einerseits und der politischen Ideenlosigkeit und Sprunghaftigkeit andererseits seien sich Merkel, Schröder und Kohl verblüffend ähnlich, schreibt der Kanzlerkenner. „Alle hatten bzw. haben einen unbändigen Willen zur Macht. ‚Nach oben kommen’ lautete die Maxime.“ Und doch unterscheidet sich Merkel in mehrfacher Hinsicht von ihren beiden Vorgängern: Während Kohl und Schröder, aus einfachen Verhältnissen stammend, sich von der Politik den sozialen Aufstieg erhofften, rutschte die aus gutbürgerlichem Elternhaus stammende Pastorentocher Angela Merkel eher zufällig hinein ins Politikgeschäft. Während Kohl und Schröder schon in Jugendjahren erste Erfahrungen im Nahkampf mit engen Parteifreunden sammelten, arbeitete Merkel bis zum 35. Lebensjahr als Naturwissenschaftlerin. Laut Langguth der Grund, weshalb sie von den drei letzten Kanzlern den geringsten „Stallgeruch“ hat und „nach wie vor nicht die Seele ihrer Partei erreicht“.

Eine von Merkels größten Stärken sei es, im politischen Alltag keine Emotionen zu zeigen. „Das hat sie ihrer Jugend in der DDR zu verdanken. Das Verbergen von Gefühlen war im Stasi-Land ein wichtiges Überlebensgesetz“, so Langguth. Wo Schröder oder Kohl längst aus der Haut gefahren wären, zeigt die Physikerin auch in Extremsituationen ihr Pokergesicht. Als Paradebeispiel nennt der Politikprofessor die „Elefantenrunde“ am Wahlabend 2005, als Polter-Schröder die Kontrolle verlor und lauthals gegen Merkel stänkerte.

Letztlich habe dieser Angriff des SPD-Kontrahenten bewirkt, dass sich die Reihen um Merkel schlossen und sie strotz eines verheerenden CDU-Ergebnisses die Unterstützung ihrer Partei behielt. Schröder, ein Meister der M-Formel, hatte sich verrechnet.