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Lübecker Nachrichten, 17. April 2009

Berlin Mitte

Gerd Langguth kennt die Politik von innen und außen. Er saß für die CDU im Bundestag, war Staatssekretär und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dann wechselte er als Politikprofessor in die Wissenschaft und machte sich als Autor einen Namen, etwa mit Biografien über Angela Merkel und Horst Köhler. Kann es für einen solchen Kenner des Politikbetriebes noch Überraschendes geben, wenn er die drei Kanzler „Kohl, Schröder, Merkel – Machtmenschen“ unter die Lupe nimmt?

So heißt Langguths neues Buch (Deutscher Taschenbuch Verlag, 577 Seiten, 18,90 Euro) und die Recherchen dafür bescherten ihm durchaus Momente des Staunens. „Bei Merkel hat mich überrascht, warum sie CDU-Vorsitzende wurde“, berichtete der Autor gestern bei der Buchpräsentation in Berlin. Merkel verkörpere „Pragmatismus pur“ und habe „nach wie vor die Seele der Partei nicht erreicht“ – ganz im Gegensatz zu Helmut Kohl. Für den sei die CDU so etwa wie ein Familienersatz gewesen. Am interessantesten aber war für Langguth Schröder. „Mit welch systematischer Vorbereitung er Lafontaine ausgetrickst hat, war für mich absolut neu.“

Macht gilt meist als anrüchig. Dabei ist Politik ohne Macht nicht möglich. Langguth stellt diese Verbindung nicht infrage, beleuchtet aber, wie Macht ihre Inhaber verändert. Das Grundmuster: „Je länger an der Macht, umso mehr geht es ums politische Überleben.“ Frühere Grundüberzeugungen rückten dann in den Hintergrund. Ob Kohl, Schröder oder Merkel: „Wenn es um den Machterhalt geht, konnten und können alle drei rücksichtslos sein“, so Langguth – wenn auch ihre Methoden sehr unterschiedlich seien.

Merkels Macht komme soft daher, „ihre Nicht-Inszenierung ist letztlich ihre geschickte Inszenierung“. Dank der DDR-Prägung beherrsche Merkel ihre Gefühle absolut. Männer-Macht sei kumpelhaft. „Kohl duzte alle, durfte aber nicht geduzt werden.“ Gerhard Schröder habe die „Macht des Aufsteigers“ verkörpert – und sei an der Distanz zur SPD gescheitert. „In Deutschland ist der Partvorsitz die Quelle der Macht“, ist Langguth überzeugt. Merkel würde den Vorsitz deshalb „nie und nimmer abtreten“. Überhaupt bescheinigt der Autor der Kanzlerin ein gutes „Überlebenstraining“. Kohl habe die D-Mark für den Euro aufgegeben, Schröder die Agenda 2010 durchgesetzt, wenn auch unter Handlungsdruck. Merkel aber habe bisher noch keine Entscheidung getroffen, mit der sie die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich aufgebracht hätte.