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Kölner Stadt-Anzeiger, 17. April 2009

Was die Bundeskanzler eint

Nur Schröder stand zu seinem Hunger nach Macht

 Von Sibylle Quennet

 Für den Politikwissenschaftler und Biographen Gerd Langguth ist die Sache klar: Seit 1982 wurden die Deutschen von einem „Geschichtsdeuter“, einem „Aufsteiger“ und einer „Sphinx“ regiert. Helmut Kohl (CDU), Gerhard Schröder (SPD) und Angela Merkel eint vor allem eins: Sie waren oder sind Bundeskanzler – und damit „Machtmenschen“.

575 Seiten hat ihnen Langguth, der ausgewiesene CDU-Kenner und einstige Bundestagsabgeordnete, jetzt gewidmet. Um das Gemeinsame und das Trennende zwischen ihnen zu finden, hat er 70 Interviews mit Weggefährten  und Zeitgenossen geführt, von Stefan Aust über Wolfgang Clement bis zu Otto Schily.

Am Donnerstag in Berlin werden Langgguth und sein Werk zunächst einmal ausführlich von Sachsens ehemaligem Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) gewürdigt. Milbradt, der erst mühsam Kurt Biedenkopf aus diesem Amt vertreiben musste, um die schwer errungene Macht dann doch nicht lange festhalten zu können, stellt zunächst einmal fest, dass Politiker am negativen Bild der Machtausübung nicht unschuldig seien. Wo Langguth den Satz „Macht macht süchtig“ formuliert, spricht Milbradt gleich von „Junkies“. Und regelrecht defätistisch fügt der CDU-Mann hinzu: „Ausgesprochener Mut scheint in der Politik nicht nötig oder karrierefördernd zu sein.“ Zudem vermisst er Orientierung, die der Bürger gerade in diesen Zeiten brauche. Gut, dass Milbradt vermutlich in seiner Partei nichts mehr werden will.

Der Politikwissenschaftler versucht sich hingegen an einer mathematischen Formel, um die Macht des Politikers zu umschreiben: M = Ö x P2. Wobei „M“ für Macht, „Ö“ für Öffentliche Wirkung und „P“ für Personalhoheit, das heißt die Fähigkeit, Karrieren zu fördern oder zu vernichten, steht. So eine kleine Anleihe beim Physiker Einstein (E = m x c2) macht sich natürlich gerade auch bei einem Geisteswissenschafter immer wieder gut.

Kritischen Respekt bringt Langguth allen drei Forschungssubjekten entgegen. Wobei der Sozialdemokrat Schröder wohl seine Neugier am stärksten gereizt hat. Gleich 186 Seiten beschäftigen sich mit dem „Basta-Kanzler“, der Langguths Sympathie nicht zuletzt dadurch errungen hat, weil er als einziger unverhohlen seinen „Hunger nach Macht“ auch zugegeben hat. Verwunderung löst hingegen bei ihm immer noch aus, dass Angela Merkel ausgerechnet CDU-Vorsitzende wurde, wo sie doch bis heute, so Langguth, die Seele der Partei nicht erreiche. Aber, so ihr Biograph, sie habe es geschafft, sich immer an die Stelle ihrer Förderer zu setzen. Die Stärke des „frühen Kohl“ sei es hingegen gewesen, Netzwerke zu bilden.

Die Fähigkeit, die eigene Macht zu erhalten, gehört nach Langguths Meinung zum Amt des Kanzlers einfach dazu. Ein Ranking der „machthungrigsten“ Politiker des Landes lehnt er aber ab. Auf Nachfrage nominiert er Edmund Stoiber, den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef nach. Der hat jedoch nichts mehr davon. Denn längst dürfte sich Stoiber vor allem über die Durchsetzungsfähigkeit seines ehemaligen Stellvertreters Horst Seehofer ärgern.