Startseite
Infos zu meinen Lehrveranstaltungen
Universität Bonn
Archiv (bis 2000)
Foreign Languages
Homepage durchsuchen
Veröffentlichungen
Vortragsthemen
Kontakt
Lebenslauf
 

Hannoversche Allgemeine, 17. April 2009

Die Kanzler-Formel

 Von Reinhard Urschel

Die Suche nach einer Weltformel treibt bekanntlich noch immer die größten Geister um. Wenn es so etwas wie eine Generalformel für die Welt der Politik gibt, dann muss man eingestehen, dass auch sie noch der Entdeckung harrt. Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth hat es nun immerhin gewagt, für den in der Politik nicht unwichtigen Bereich der Macht eine Formel zu entwickeln. Jenseits des wissenschaftlichen Spieltriebs lässt sich sein Vorschlag auf Ernsthaftigkeit überprüfen.

Langguth, der einen ausgezeichneten Ruf als Beobachter der aktuellen Politik genießt, hat selbst eine politische Karriere durchlaufen als Abgeordneter und Staatssekretär, bevor er die Professur in Bonn angenommen hat. Seine Biografie über Angela Merkel aus dem Jahr 2005 war nicht nur eine der ersten, die sich der Kanzlerin aus dem Osten näherte, sie hat (in ihrer Neuauflage von 2007) bis heute Gültigkeit. Am Ende seines neuen Buches über die „Machtmenschen: Kohl, Schröder, Merkel“ (dtv premium, 575 Seiten, 16,90 Euro) wagt Langguth ein Experiment. Er versucht, politische Macht anhand einer mathematischen Formel darzustellen, und kommt zu dem Ergebnis M = Ö mal P2

M steht für die Macht, Ö für öffentliche Wirkung und P für die Fähigkeit, persönliche Karrieren zu beeinflussen, zum Guten wie zum Schlechten. Demnach gibt es eine Menge Politiker, die eine beachtliche politische Wirkung entfalten, zum Beispiel, weil sie ein hohes Maß an Charisma haben oder weil sie häufig in Talkshows zu sehen sind. Das bedeutet aber nicht zugleich, dass diese Politiker auch mächtig sind. Dazu muss ein Faktor hinzutreten, den Langguth für derart bedeutsam erachtet, dass er ihn ins Quadrat setzt.

Am anschaulichsten wird die Langguth´sche Formel, wenn man sie an lebendigen Personen ausprobiert. Der Ergebnis dürfte verblüffen: Kanzlerin Merkel ist wirkmächtiger, als es ihr Vorgänger Schröder je war. Dass Helmut Kohl (bis zur CDU-Finanzaffäre) beide übertraf, ist weniger überraschend. Kohls Netzwerk, seine pfälzische, bundesdeutsche, europäische und weltweite Kumpanei, ist kaum zu übertreffen. Der Mordskerl aus Oggersheim hat im Laufe seines Aufstiegs Politiker (mehrheitlich Männer) seines Vertrauens gefördert und ist auf deren Schultern wiederum ganz nach oben gestiegen. Wer Kohls Wohlwollen genoss, wurde etwas, wen sein Bannstrahl traf, wurde seines – politischen – Lebens nicht mehr froh. Obwohl auch Schröder als Kanzler Karrieren befördern (Steinmeier) oder knicken (Lafontaine) konnte, hat er die Machtwirkung Kohls nie erreichen können, mangels Rückhalt in seiner Partei.

Bei Angela Merkel ist, so sieht es Langguth, die Fähigkeit außerordentlich ausgeprägt, Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Sie habe „alle ihre früheren Förderer erledigt“ – wie Lothar de Maizière, Günther Krause, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Friedrich Merz, nicht zuletzt auch Edmund Stoiber. Und, sagt Langguth: Sie ist ja noch nicht am Ende ihrer Karriere.