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Berliner Zeitung, 17. April 2009

Von Kanzlern und einer Kanzlerin

Ein Buch erklärt die Formel des Machterhalts

Katja Tichomirowa
 
BERLIN. Wie gelangt man zu Macht? Wie übt man sie aus? Kann man sie erlernen und, wenn ja, von wem? Man kann, behauptet Gerd Langguth. Von Helmut Kohl etwa, von Gerhard Schröder und von Angela Merkel, die sich Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, ausgewählt hat, um an ihren politischen Biografien das Phänomen "Machtmenschen" zu untersuchen.

Gestern stellten Langguths Parteifreund Georg Milbradt (CDU), vor Jahresfrist noch Ministerpräsident in Sachsen, und der Autor selbst das Buch "Kohl, Schröder, Merkel. Machtmenschen" in Berlin vor. Das geriet sehr kurzweilig, zumal Langguth kein Anti-Macht-Buch im Sinn hatte, sondern das Faszinosum Macht und seine Funktionsweisen erklären wollte. "Gibt es eine Formel der Macht?", fragt der Autor in die Runde derer, die sich von Berufs wegen täglich mit der Beobachtung und Analyse von Machtausübung beschäftigen. "Sie werden sich wundern", antwortet er, "ich komme zu einem Ja".

Die Formel findet sich auf Seite 483 seines Buchs und lautete: M = Ö x P2. Zur Erläuterung: Macht (M), so behauptet Langguth, sei die Fähigkeit, die öffentliche Meinung (Ö) zu beeinflussen und zeitgleich eine im eigenen Interesse kluge Personalpolitik (P) zu betreiben, und zwar nachhaltig (hoch zwei). Nur wer die Personalhoheit habe und ins operative politische Geschäft eingreifen könne, sei wirklich mächtig. Nur wer es verstehe, andere an sich zu binden und Konkurrenten auszuschließen, wer also sich selbst und sein Anliegen organisieren und inszenieren könne, sei ein Machtmensch.

Das klingt zunächst nicht sonderlich originell und ließe sich wiederum auf den Ratschlag verkürzen: Wer am Tor des Kanzleramts rüttelt, sollte vorher bei Machiavelli nachschlagen.Durchaus amüsant aber ist, wie Langguth seinen Protagonisten ihre Anleihen bei Machiavelli nachweist: Da gibt es Helmut Kohl, den "Geschichtsdeuter", der Rainer Barzel wegbeißt und Wolfgang Schäuble zum ewigen Kronprinzen degradiert; es gibt Gerhard Schröder, den "Aufsteiger", der erst Rudolf Scharping von Oskar Lafontaine erledigen lässt, um dann Lafontaine selbst auszutricksen, und schließlich Angela Merkel, "die Sphinx", die es versteht, gleich mehrere ihrer Förderer (Günter Krause, Lothar de Maizière, Helmut Kohl) nicht nur hinter sich zu lassen, sondern auch gleich ihre Nachfolge anzutreten.

All das geschieht mehr oder weniger laut, in Hinterzimmergesprächen oder als öffentlich vorgetragenes Spektakel. Fast immer lasse sich jedoch nachweisen, dass der politische Gestaltungswille des Machtmenschen der Inszenierung untergeordnet werde. Machtmenschen seien Generalisten, Pragmatiker mit hoher Manövrierfähigkeit, erklärt Langguth. Ausgeprägter Mut, Originalität oder Reformgeist sind der Karriere eines echten Machtpolitikers dagegen hinderlich.

Merkel beschreibt Langguth als eigentliche "Medienkanzlerin", deren spezifische Eigenschaft es sei, dem öffentlichen Empfinden nachzuspüren und dabei die eigenen Gefühle perfekt zu beherrschen. In den Reihen der SPD lässt sich aktuell offenbar kein Machtmensch entdecken. Zumindest war von keinem die Rede. Fünf Monate vor der Bundestagswahl ist nun aber nachgewiesen, wie es der Kanzlerin gelingt, sich an der Macht zu halten. "Krisenzeiten sind Kanzlerzeiten", so Langguth - fast schon ein Schlusswort.

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Gerd Langguth: Kohl, Schröder, Merkel Machtmenschen. Erschienen bei dtv premium. München 2009. Erhältlich für 18,90 Euro.