|
|
Achtung: Es gilt das gesprochene Wort Text ist freigegeben am Donnerstag, 16. April, 10.30 Uhr!
Gerd Langguth Pressestatement aus Anlass der Vorstellung des Buches „Kohl – Schröder – Merkel. Machtmenschen“ am 16. April 2009 in Berlin ___________________________________________________________________________
Zeit meines Lebens habe ich mich mit „Machtmenschen“ beschäftigt, mit der Frage, was „Macht“ bedeutet. Meine Studie über die drei letzten Kanzler Kohl, Schröder und Merkel konzentriert sich auf die Frage: Was macht Macht aus? Ist es die formale Legitimation des Amtes, wie sie im Grundgesetz niedergelegt ist? Oder ist Macht mehr? Gibt es eine Formel der Macht? Ich beantworte diese Frage in meinem Buch mit Ja. „Politische Macht“ ist nach meinen Studien über die drei Machtmenschen die Summe aus der jeweiligen Fähigkeit, die öffentliche Meinung zu prägen und Einfluss zu nehmen auf den Karriereweg – auf Aufstieg wie Abstieg – von Mit-Politikern. Die Macht in der Politik steigert sich proportional mit der Macht über Personen. Macht ist Netzwerkbildung – und Konkurrentenausschluss. Wer Macht organisieren und inszenieren kann, wer andere Politiker an sich bindet, ist mächtig (These 8, Seite 483 f.) Öffentliche Wirkung ist das Wesen von Politik. Es geht dabei um die Gestaltung unserer Lebensverhältnisse. Doch über den Erfolg, über Macht entscheidet sich stärker die Fähigkeit, personelle Weichen zu stellen. Meine Formel der Macht lautet deshalb: M = Ö x P2 Macht (M) = Öffentliche Wirkung (Ö) mal Personalbeeinflussung (P) im Quadrat Jede Zeit sucht sich ihren Kanzler. Im Kohl-Kapitel beschreibe ich die „Macht des Geschichtsdeuters“: Für die Deutsche Einheit war Kohl wie geboren. Er hat nicht nur Geschichte studiert, die Geschichte war gleichsam sein Lebensthema. Als Kanzler folgte er Helmut Schmidt, den die FDP 1992 verstieß. Er findet interessanterweise jetzt die Anerkennung wieder, die ihm noch zu Beginn seiner Amtszeit erfolgreich sein ließ. Kohls unerfüllt gebliebene „geistig-moralische Wende“ war eine Bewegung weg vom Pragmatismus. Kohl repräsentierte das liberal-bürgerliche, auch wenn seine Niederlage gegen Gerhard Schröder mit zwei großen Spendenaffären einen Schatten über seine historischen Leistungen warf. Im Kapitel über Gerhard Schröder beschreibe ich die „Macht des Aufsteigers“. Es gibt keinen deutschen Politiker, der sich so offen dazu bekennt, dass für ihn die Politik die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg darstellte. Er wurde 1998 deshalb zum Bundeskanzler gewählt, weil das ausgehende 20. Jahrhundert förmlich nach einem Kanzler rief, der das Internetzeitalter verstand. Ihn zeichnete eine unbeschwerte Lust am Luxus – von Brioni bis Cohiba – aus, was die Bevölkerung in Aufschwungjahren nicht so richtig übel nahm. Vier Jahre hat er die SPD-Wahlversprechen eingelöst – und Deutschland fiel ökonomisch zurück. Nach seinem Sieg über den letzten Protagonisten der Kohl-Ära, Edmund Stoiber, besann er sich auf eine konsequente Reformpolitik, die er gegen die eigene Partei durchsetzte. So gesehen verdanken wir Schröder den eigentlichen Anschluss an die Globalisierung – genau so wie die Partei Die Linke, die auf dem Humus alter SPD-Sehnsucht stark wurde. Schröders Natur ist die Offensive. Deshalb wollte er dem schleichenden Niedergang der SPD mit einem Befreiungsschlag ein Ende setzen. Am Abend der für die SPD desaströsen NRW-Wahl am 22.Mai 2005 rief sein Hausmeier Franz Müntefering Neuwahlen aus. Im Kapitel über Angela Merkel beschreibe ich die „Macht der Sphinx“. Ich bezeichne sie als „Sphinx“, weil sie ihre Gefühle extrem beherrscht. Ihre spezifische Eigenschaft – das Verbergen von Gefühlen – hat sie nach meinem Urteil ihrer DDR-Prägung zu verdanken. Die eigenen Gefühle vor jedermann zu bewahren, war im Stasi-Land die wichtigste Überlebensstrategie. Sie hatte erkannt, dass die von Müntefering ausgerufenen Neuwahlen ihre Stunde waren. Sie muss ihrem Vorgänger gleich zweifach dankbar sein: Zum einen waren die Unionsparteien zu einer raschen Entscheidung gezwungen, was Merkel begünstigte. Zum anderen führte Schröders demonstratives Festhalten an der Macht am Wahlabend zu einer Solidarisierung mit Merkel in der Bundestagsfraktion, obwohl sie die Wahlen fast verloren hatte. Mit ihrem Pragmatismus pur wurde sie die Kanzlerin der Großen Koalition. Während Kurt Georg Kiesinger in der Großen Koalition von 19669 bis 1969 eine Art Repräsentant der Politik war, steuert Merkel mit ihrer Neigung, wichtige politische Projekte zu ihrer eigenen Sache zu machen, mit ihrer Liebe zum Detail auf ganz andere Weise die Koalition. Die Finanz- und Wirtschaftskrise nutzte sie gleichzeitig, ihre politische Gegner wie Kritiker aus den eigenen Reihen auf Abstand zu halten, denn: Krisenzeiten sind Kanzlerzeiten. Die große Gemeinsamkeit dieser drei Kanzler ist ihr unbedingter Wille zur Macht. Sie sind Machtmenschen par excellence und beherrschen jeder auf seine Weise die Klaviatur der Parteiendemokratie in hoher Vollendung.
| |||||||||||||||||||||||||||